Auf den Kopf gestellt stimmt‘s (Petrus und Paulus) Apg 12,1–11

Deckenfresko in der Pfarrkirche St. Peter, München (Detail) https://alterpeter.de/wp-content/uploads/2020/06/st_peter_deckengemelde-scaled.jpg

Wer in die alte Pfarrkirche St. Peter in München eintritt, über dem wölbt sich das Deckengemälde mit der Hinrichtung des Heiligen Petrus. Vier Männer richten das Kreuz auf. Links drei Soldaten, rechts ein Mann im Baum, unten Kinder mit ihrer Mutter.

Alle sind richtig herum. Nur in der Mitte ist einer buchstäblich „verkehrt herum“. Der hl. Petrus hält sich nicht für wert, wie sein Herr zu sterben. Daher kreuzigen seine Henker ihn kurzerhand Kopf über.

So kann es Menschen mit dem Heiligen ergehen. Er scheint verkehrt herum zu sein. Was für die Leute oben ist, ist für den Heiligen unten. Worüber die Leute sich lustig machen, dafür ist der Heilige gestorben. Und was der Heilige für Gottes Kraft und Weisheit hält, das gilt den Leuten als Torheit und Ärgernis.

Es ist wie in einem ansonsten harmonischen Chor, in dem eine einzige Stimme einen halben Ton über allen anderen liegt und das ganze Konzert versaut.

Neulich feiere ich im „Alten Peter“ die hl. Messe. Ich drehe mich zur Gemeinde und sage: „Geheimnis des Glaubens.“ Und während die Gemeinde antwortet, erschrecke ich einen Augenblick. Vom Hochaltar aus sehe ich an der Decke das umgekehrte Bild. Alle Personen sind verkehrt herum. Die Soldaten und der Mann im Baum, die Frau mit den Kindern und die vier Henker – alle sind sie falsch herum. Nur einer ist richtig herum: der heilige Petrus an seinem langsam aufgerichteten Kreuz.

Vielleicht sehen vom Himmel die Dinge so aus: die Heiligen sind richtig herum, und die Leute um sie herum stehen Kopf; wohin die Heiligen streben, da ist oben, während alle anderen nach unten wollen, der ganze Weltenchor ist einen halben Ton gesunken, nur der Heilige singt noch tapfer störend richtig.

Wenn’s gut geht, dann merken wir das schon vor dem Himmel: Es sind die Heiligen, die die Welt vom Kopf auf die Füße stellen.

(Hier findet sich das Bild des Deckengemäldes von St. Peter in München: https://alterpeter.de/wp-content/uploads/2020/05/header_geschichte.jpg)

Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie

Frauenhand und Männerbeine Mk 5,21-43

ENCOUNTER - Magdala Chapel Mural Canvas Replica
Quelle: https://magdala-gift-shop.myshopify.com/

Riesige nackte Männerfüße in Sandalen. Adern unter braungebrannter Haut. In den Hautfalten und unter den Fußnägeln Straßenstaub. Man sieht alle Details bis zu den Waden auf dem wandgroßen Bild in der Krypta von Magdala am See Genezareth.

Zwischen den vielen Füßen, etwas über dem Boden, eine schmale und elegante aber blasse und früh faltige, irgendwie blutleere Frauenhand. Die Frau selbst ist verborgen. Sie muss zu Boden gegangen sein. Entweder aus Erschöpfung oder weil nur dort unten ein Durchkommen war: Mit dem Zeigefinger berührt sie den Saum des Gebetsschals des Mannes in der Mitte.

Ein Funke springt über. Etwas ist geschehen. Der Blutfluss ist versiegt.

Die Geschichte könnte hier zuende sein. Aber Jesus will die Frau sehen: Im Gedränge der Vielen die eine, zu Boden gegangene Frau. Sie ist der ganz und gar erschöpfte Mensch. Und schon die Kirchenväter sahen in ihr die verausgabte, ausblutende Kirche.

Die Lebenskraft entweicht ihr. Die vielen Helfer, so erfolglos wie teuer, haben alles nur noch schlimmer gemacht.

Doch es genügt nicht, nur geheilt zu werden und anonym zu bleiben. Keiner soll sich die Heilung im Gedränge erschleichen. Jesus will die Frau sehen. Nicht, weil er sie nicht kennt. Sondern weil sie ihn nicht kennt. Das Angesehenwerden gehört zur Heilung dazu, weil auch das Ansehen erneuert werden soll.

Wir Christen heißen nach dem, der uns Gottes Angesicht zeigt und unser Angesicht vor sich ruft. Er will uns nicht unerkannt entkommen lassen. Und zwar um unseretwillen.

Angesichts seiner werden wir und wird die Kirche nicht verbluten. Seine Lebenskraft wird die unsrige sein, damit wir sie den Menschen zuwenden, die mit uns zusammen hören wollen: „Dein Glaube hat Dich gerettet. Geh in Frieden! Du sollst von Deinem Leiden geheilt sein.“

(Eine Darstellung des Bildes in Internet findet sich in dem Kiosk von Magdala unter  https://magdala-gift-shop.myshopify.com/products/encounter-magdala-encounter-chapel-mural-canvas-replica )

Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie

Wofür man uns nicht halten soll (Geburt Johannes‘ des Täufers) Apg 13,16.22–26

Jede „Liebe auf den zweiten Blick“ beginnt mit einer Enttäuschung: „Ich bin nicht der, für den ihr mich haltet“ (Apg 13,25), sagt Johannes der Täufer als erstes. „Ich bin nicht der Messias.“ (Joh 1,20)

Eine Verwechslung mit dem Retter der Welt kann verschiedene Gründe haben. Entweder täuscht der Schein des Verwechselten. Oder es täuschen die Erwartungen oder Projektionen des Verwechselnden.

Christus und die Christen werden dort verwechselt, wo es nur noch um das soziale Tun der Christen geht. Wo es keinen Unterschied zwischen unserer und der Hilfe Gottes gibt, da haben wir uns mit Gott verwechselbar gemacht. Johannes betont den Unterschied zwischen ihm und dem, dem er die Sandalen nicht aufmachen darf. Wir reichen nicht an ihn heran. Aber er reicht an uns heran – bis an unsere Sandalen.

Gott und die Kirche werden auch dort verwechselt, wo wir uns die Kirche als ideale Gemeinschaft vorstellen. Entweder als gestrige Konserve mit blinden Flecken oder als idealer Traum auf Kosten der Wirklichkeit.

Aber wer die neue ideale Kirche will, gegen die keiner was haben kann, der muss die alte reale Kirche zerstören. Und mit ihr alles, was in ihr groß und heilig ist. Doch die ideale Kirche gibt es nicht. Am Ende wird alles zerstört sein.

Johannes ist ein „Vorläufer“. Auch die Kirche ist „vorläufig“. Sie ist „pro-visorisch“. Nicht „von minderer Qualität“, sondern „voraus-schauend“ auf die Wirklichkeit, die von Gott kommt.

Der Vorläufer geht in die Wüste „bis zu dem Tag, an dem er seinen Auftrag für Israel erhielt“ (Lk 1,80). In der Wüste kommt die Wahrheit zum Vorschein, wer und was wir sind.

Es ist Zeit, mutig und vorläufig in die Wüste zu gehen, die vor uns liegt,
damit wir nicht für etwas gehalten werden,
was wir nicht sind,
sondern die werden,
für die Gott uns hält.

Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie

Warum so feige? Mk 4,35-41

Es gibt die „Ruhe vor dem Sturm“. Das ist das stille Knistern bevor ein Gewitter sich entlädt; der Moment, wo die Verhandlungen erfolglos waren und die Schlacht kurz bevorsteht; die Sekunde auf den Plätzen zwischen „fertig“ und „los“.

Und es gibt die „Ruhe nach dem Sturm“. Das ist der Morgen nach dem Fliegerangriff, an dem die Bomber verschwunden und die Bunker noch geschlossen sind; der Moment nach der Kollision, in dem noch keiner zur Hilfe gekommen ist; der Tag, nachdem der Brand gelöscht ist und die Aufräumarbeiten noch nicht begonnen haben.

Und es gibt die „Ruhe im Sturm“. Das ist der Schlaf Jesu in einem Boot, das zum Spielball der Wellen wird und zu sinken droht. Das Boot, sagen die Kirchenväter, ist die Kirche im Sturm. Und Jesus schläft, mitten im Sturm.

Aber auch die Jünger tun nichts. Sie schöpfen kein Wasser. Sie navigieren nicht. Sie sind vor allem empört. Sie wecken Jesus mit einer Frage, die zugleich ein ungeheurer Vorwurf ist: „Kümmert es Dich nicht, dass wir zugrunde gehen?“

Jesus erhebt sich, und als wäre der Sturm eine personale Macht gebietet er ihm: „Schweig, sei still!“ Und es tritt „völlige Stille“ ein, die „Ruhe nach dem Sturm“.

Jesus ist der Herr über den Sturm auf dem See Genesareth und über den Sturm um die und in der Kirche heute. Er hat es in der Hand, ob und wann der Sturm nachlässt.

Die vorwurfsvolle Frage der Jünger beantwortet Jesus seinerseits mit einer Frage: „Warum habt ihr solche Angst?“ Oder anders: Warum seid ihr so furchtsam? Warum seid ihr so feige?

Vielleicht ist der Sturm auch dazu da:
Dass wir von dem,
der „die Ruhe im Sturm“ ist
und der Herr des Sturmes,
lernen, was es heißt,
mutig zu werden
an seiner Seite –
mitten im Sturm.

Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie