Die Langeweile der Insider und die Freude der Outsider Apg 13,44-52

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Die Vertreibung von Paulus und Barnabas aus Pisidien beschreibt einen Wendepunkt in der frühen Kirche. Sie markiert einerseits den Aufbruch zu den Heiden und andererseits den Abbruch mit den Juden. Der ursprüngliche Gedanke der Kirche aus Juden und Heiden, in der alle Völker Anteil an dem einen Volk Gottes bekommen, tritt zurück. Aus einer Kirche aus Juden und Heiden wird eine Kirche aus Heiden statt Juden. Dieser Bruch ist eine Wunde bis heute.

Gegenwärtig besteht eine ähnliche Gefahr. Es gibt in der Kirche die, denen das Evangelium anvertraut und scheinbar egal ist. Und es gibt inner- und außerhalb der Kirche jene, die nach dem Evangelium und dem „christlichen Unterschied“ fragen und keine Antwort bekommen.

Viele kehren der Kirche heute ja nicht etwa deshalb den Rücken, weil sie scheinbar weltfremd aus den Quellen des Ursprungs lebt und in Wort und Tat ein störendes Zeugnis für die Würde des Menschen gäbe.

Sondern deshalb, weil sie in ihr statt einer relevanten Verkündigung und einer zeugnishaften Lebensform oft nur eine traditionelle Vereinsmeierei oder die Unternehmenskultur eines Sozialkonzerns vorfinden.

Ein Bruch wie der zwischen Juden und Heiden in der Kirche des Anfangs lässt sich zwischen Insidern und Outsidern heute nur dann vermeiden, wenn sich in der Kirche genügend Mutige finden, die nach den fragenden Outsidern suchen, die sich über das Evangelium freuen würden.

Wenn die dazu Bereiten nicht wie Paulus und Barnabas aus der Kirche vertrieben werden, dann besteht auch für die gelangweilten Insider eine Chance, sich dank der Fremden wieder an Gott freuen zu können.
Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie

Das verwirrte Herz Joh 14,1-6

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„Euer Herz lasse sich nicht verwirren“, beginnt Jesus das Gespräch mit den Jüngern heute. Sie müssen ja verwirrt gewesen sein: von der Ankündigung des Sterbens Jesu, von der Ansage ihres Verrats und von der Sorge, ihr Leben vertan zu haben.

Thomas bringt die Verwirrung auf den Punkt: Wir kennen den Weg nicht. Das sagen die Klügeren heute auch, wenn ausgewiesene Nichtfachleute den Weg allzu genau zu kennen meinen. Das sind sowohl die, die Covid 19 für eine bessere Grippe und Ausgangsbeschränkungen für das Ergebnis einer Verschwörung halten. Das sind aber auch die, die in jedem unverhüllten Gesicht eine Todesgefahr sehen und darauf bestehen, vor jedem gesundheitlichem Risiko geschützt zu werden.

Entscheidend ist, sagt Jesus, dass „ihr dort seid, wo ich bin.“ „Wir wissen nicht, wohin Du gehst“, erwidert Thomas. In aller Verwirrung gibt es drei Bezugspunkte, an denen wir dort sind, wo er ist:

Erstens dort, wo uns jetzt die Liebe braucht, weil Er mit uns lieben will.

Zweitens dort, wo unser jeweils Nächster ist, um dessentwillen Er gestorben ist.

Und drittens „im Haus Seines Vaters“, wohin wir mit ihm und einander unterwegs sind.

Damit ist schon mal der Raum unserer Wege in der Pandemie umrissen. Sie verlaufen irgendwo zwischen

erstens dem Recht, meine eigene Gesundheit um der Liebe willen zu riskieren, und

zweitens der Pflicht, die Gesundheit meines Nächsten nicht leichtfertig zu gefährden.

Und drittens schließlich ist aller Wege Ziel das Haus mit den vielen Wohnungen, zu dem wir mit ihm unterwegs sind. Dort hat der Tod und seine Angst keine Macht mehr über unser entwirrtes Herz.
Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie

Wenn Ihr ein Wort habt Apg 13,13-25

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Es wäre sehr viel stiller in der Kirche, würde in ihr die Bitte der Synagogenvorsteher in Pisidien erhört: „Wenn Ihr ein Wort des Zuspruchs für das Volk habt, so redet.“ – Wenn nicht, heißt das im Umkehrschluss, dann schweigt einfach.

Die Synagogenvorsteher bitten die Apostel um ein „logos paraklēseōs“, ein „Wort des Trostes“ oder „des Zuspruchs“. Habe ich so ein Wort? Das muss ich mich natürlich als erstes selbst fragen – als getaufter und gefirmter Christ. Und als Priester erst recht. Zuspruch oder Trost ist eben nicht Beruhigung oder Vertröstung. Und wie viele unserer Worte vermeiden nur Gottes Stille, sagen nichts oder käuen Allgemeinplätze wieder?

Paulus hat „ein Wort des Zuspruchs“ und erzählt die Geschichte der Treue Gottes mit seinem Volk. Von der Befreiung aus Ägypten, über den Weg durch die Wüste und die Landnahme bis hin zu Davids Geschlecht, aus dem „Jesus als Retter“ hervorgegangen ist.

Wir können mindestens drei Geschichten der Treue Gottes erzählen: Einmal wie Paulus die des Volkes Israel auf die Menschwerdung zu. Dann die Geschichte der Kirche mit Christus, die eben auch eine Heilsgeschichte ist, in der schon manche Krise zur Befreiung wurde. Und schließlich unsere je eigene Geschichte mit Gott und den Nächsten.

Die heutige Lesung endet mit einem Zitat Johannes‘ des Täufers: „Ich bin nicht der, für den ihr mich haltet, aber siehe nach mir kommt einer…“ Das wäre mal eine ehrliche Antwort im Gerede der Kirche: Wir sind nicht die, für die ihr uns haltet. Wir haben gerade kein Wort des Zuspruchs für Euch. Wir schweigen mit Euch – bis der kommt, der unser „Wort des Zuspruchs“ ist.

Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie

Bedingungen für Wachstum Apg 12,24-13,5

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Es klingt hierzulande ein wenig wie aus einer anderen Welt: „In jenen Tagen wuchs das Wort des Herrn und breitete sich aus.“ Dabei geschieht in anderen Teilen der Welt genau das. Die Bedingungen mögen dort anders sein. Aber einige Bedingungen sind ja auch von uns selbst gestellt, sind hinderlich und änderbar. Dazu gibt uns die heutige Lesung ein paar Hinweise im Kleinen.

Es gibt in Antiochia „Propheten und Lehrer“. Darunter sollten wir uns weder festgeschriebene Rollen noch Verkündigungsgiganten vorstellen. Sondern einfach sehr verschiedene Leute, die von Gott etwas erkennen, zu sagen haben und vermitteln können. Die gibt es. Auch unter uns.

Die sind aber nur wirksam unter Leuten, die die geistlichen Gaben anderer wertschätzen und sich etwas sagen lassen und sich dabei beschenkt und nicht minderwertig wissen.

In Antiochia hört die Gemeinde auf den Heiligen Geist. Wie genau der vernommen wird, bleibt offen. Aber ihn zu vernehmen gehört zu den wertzuschätzenden Gaben. Das funktioniert allerdings nur, wenn jeder(!) darauf verzichtet, ihn zur Stimme des jeweils eigenen Lagers zu erklären.

Die Gemeinde fastet und betet. Sie betet mit dem Leib. Sie nimmt sich zurück, um Gott Raum und Stimme zu geben. Sie glaubt, dass Gott vor allem auch in der Heiligen Liturgie spricht und wirkt und sich seine Leute formt.

Einige werden „ausgesondert“, mit dem Auftrag zu verkündigen, Gemeinden zu gründen und zu leiten. Aussonderung und Sendung ist nicht Diskriminierung der nicht Gesendeten, sondern Dienst am Wort Gottes und den Anderen, der alles kosten darf. Sie ist Antwort auf die Gabe Gottes und Mitwirkung aller mit dem Heiligen Geist.

Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie

Zum ersten Mal „Christen“ Apg 11,19-26

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„In Antiochia nannte man die Jünger zum ersten Mal Christen.“ (Apg 11,26) Was ein „Christ“ sei, darum wird seit 2000 Jahren gerungen. Zwei Denkanstöße aus dem Ringen des vergangenen Jahrhunderts sollen hier genügen.

Dem bekennenden Christen, der in einer erkennbaren Beziehung zu Jesus Christus lebt, wurde der „anonyme Christ“ zur Seite gestellt. Wo immer einer selbstvergessen liebt, liebt er mit Christus. Und ohne Gott kann keiner lieben. Allerdings macht solches Handeln die Liebe Gottes zwar erfahrbar aber noch nicht erkennbar.

Daher kann die Definition des Christen als ein Liebender nicht erschöpfend sein. Der christliche Glaube ist mehr als eine Moral. Den Christen kennzeichnet nicht seine eigene Gutheit, sondern sein Glaube an und sein Bekenntnis zu der Gutheit Gottes, die sich in Jesus Christus unübertroffen geoffenbart hat.

In Antiochien ist „christianos“ ein Synonym für „Jünger“. Einer also, der an Jesus glaubt, ihn kennt und liebt, ihm vertraut, mit ihm handelt und sich zu ihm bekennt.

Anverwandt sind den Jüngern alle, die wie Christus lieben und so die Liebe Gottes unerkannt verwirklichen. Und es kann sein, dass in der Gemeinde sich welche der Liebe Christi verweigern und außerhalb der Gemeinde sich welche ihr zur Verfügung stellen.

Anverwandt sind den Christen schließlich alle Menschen, weil sich Christus in seiner Menschwerdung mit allen Menschen verbunden hat. Es kann also sein, dass sich ein Mensch durch seine bösen Taten oder Worte von Christus trennt. Christus aber trennt sich nicht von ihm.

Uns aber, Gott,
lass in Wort und Tat
Deinem Sohn
immer ähnlicher werden,
nach dem wir
seit Antiochia
Christen heißen.
Amen.

Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie