Unerhörtes Gebet Mt 7,7-11

Romwallfahrt des Malteser Hilfsdienstes, San Lorenzo vor den Mauern, am Dienstagnachmittag: 

Wie viele von denen, die vor mir im Kirchenschiff in Rollstühlen sitzen, werden schon gebetet haben, aufstehen und gehen zu können? – Und sitzen noch immer dort.
Wie viele der trauernden Eltern vor mir im Kirchenschiff werden darum gebetet haben, dass ihr schwerkrankes Kind überlebt? – Und nun liegt es schon seit Jahren in dem Grab, das für seine Oma gekauft wurde.
Wie viele von den Verstummten um mich herum haben gebetet, dass ihre Peiniger sich bekehren? – Und haben noch Jahre unter ihnen gelitten.

„Bittet und ihr werdet erhört werden.“ sagt Jesus ihnen. Ob sie was falsch verstanden haben? 

Anbei finden Sie den Link zur Predigt am Mittwoch, dem 5. Oktober 2022 in San Lorenzo vor den Mauern in Rom.

Ernten und geerntet werden. Über den Dank als Wesenszug des Christlichen

In vielen Gemeinden wird heute Erntedank gefeiert. Beim Erntedank muss ich spontan an zweierlei denken: an Fülle und an Verlegenheit.

An Fülle, weil ich als Kind vom Land mit Erntedank kunstvoll drapierte Berge von Früchten und Gemüse verbinde. Von Ähren und Blumen, Wein in Trauben und Flaschen, manchmal sogar von Fisch und Wild. Diese Bilder natürlichen, überbordenden Reichtums haben sich mir tief eingeprägt.

Und an Verlegenheit muss ich denken. Denn, wenn ich ehrlich bin, ist mir früher das Danken nicht immer leichtgefallen. – Aber offenbar geht es auch anderen so. Das Gefühl von Ungenügen beim Dank hat es sogar bis in die klassische Kirchenmusik geschafft: Die sogenannte „Deutsche Messe“ von Franz Schubert aus dem Jahr 1826 ist in katholischen Gottesdiensten noch immer sehr beliebt. Beim Gesang zur Bereitung der Gaben von Brot und Wein für das Abendmahl gibt es allerdings eine Stelle, bei der ich immer stocke, da heißt es:

„Du gabst, o Herr, mir Sein und Leben,
und Deiner Lehre himmlisch‘ Licht.
Was kann dafür ich Staub Dir geben?
Nur danken kann ich, mehr doch nicht.“ 

Ich stocke nicht so sehr wegen der Sache mit dem Staub, der ich angeblich bin. Dazu kommen wir später nochmal. Nein, ich stocke, weil da einer feststellt, dass er nicht „mehr“ tun kann als danken. Was soll das denn sein: mehr als danken? Und ist danken dann weniger? Weniger als was?

Mir scheint, dass das Unbehagen darüber, nicht mehr tun zu können, als zu danken, ziemlich weit verbreitet ist. Bloßer Dank scheint als Reaktion auf einen Gefallen etwas wenig zu sein. Erwartet der andere vielleicht mehr? Und stehe ich jetzt nicht irgendwie in seiner Schuld? Hat er bei mir jetzt etwas gut?

Bei solchen Gedanken geschieht etwas Unheimliches: Aus einem Geschenk wird ein Geschäft.

Dabei danken wir doch für das, was wir geschenkt bekommen, für das, was „gratis“ ist (also: „aus Wohlwollen“). Für das, was umsonst ist, aber nicht vergeblich – ohne Gegenleistung, aber nicht folgenlos.

Ich habe das erst lernen müssen, mir die Freundlichkeit und Güte von Menschen gefallen zu lassen. Es waren Freunde und Verwandte, die mich das gelehrt haben, geliebte oder bekannte Menschen. Und es war meine vielleicht nur anfängliche Erfahrung von Krankheit und Not, die mich die Dankbarkeit gelehrt haben. Und die Erinnerung in bösen Tagen, wie kostbar das ist, was ich in guten Tagen für selbstverständlich hielt.

Dankbarkeit ist nicht nur eine Frage guten Benehmens. (Ich muss daran denken, wie viele Kinder die mahnende Frage „Was sagt man?“ sekundenschnell mit „Danke!“ beantworten.) Dankbarkeit ist vor allem auch eine bestimmte Perspektive auf die Welt. Sie ist eine Weise, die Dinge und Menschen zu sehen. Wer dankbar ist, für den hat die Welt Geschenkcharakter. Für den dankbaren Menschen werden Dinge zu Gaben, Fähigkeiten zu Begabungen und Umstände zu Gegebenheiten.

In vielen Gemeinden wird heute ein Dankfest gefeiert. Ein Dankfest für die Ernte. „Ernte“ kann vieles sein: Zuerst besteht die Ernte in dem, was andere für uns geerntet haben, damit wir leben können. Dann ist Ernte auch das, was wir selbst gesät und geerntet haben – nicht nur in Feld und Garten, sondern auch in unseren Tätigkeiten und Berufen, in unseren Beziehungen und unserer Weise mit uns selbst und anderen umzugehen. Und schließlich geht es bei der Ernte auch um die Ernte unseres Lebens. Um das, was wir sein werden, wenn wir einmal nicht mehr ernten, sondern geerntet werden, um nach Hause zu kommen.

Manchmal höre ich den Einwand, warum wir Städter denn überhaupt noch Erntedank feierten, wo wir doch gar nicht mehr ernten. Vielleicht ist dieses Fest für uns aus diesem Grund sogar noch wichtiger. Denn es erinnert uns auch daran, dass andere für uns gesät und geerntet haben.

Der Erntedank erinnert uns daran, wie viele Menschen Tag für Tag dafür sorgen, dass unsere tägliche Nahrung gesät, geerntet, hergestellt wird und bis zu uns nach Hause kommt. Veränderungen des Klimas, eine Pandemie und Krieg in Europa erinnern uns derzeit daran, wie kompliziert und fragil das System unserer wechselseitigen Abhängigkeit und der Versorgung der Menschen mit dem täglichen Brot ist. Es ist nicht selbstverständlich, dass der Kühlschrank voll und der Tisch gedeckt ist. Und zwar für keinen von uns!

Ich erinnere mich daran, dass wir in der Schule einmal nachvollzogen haben, wie viele Menschen wie viel arbeiten müssen, damit bei mir etwas auf dem Teller landet. Wie viele von denen arbeiten unter prekären, gefährlichen oder ungerechten Bedingungen? Wie viele mit Fleiß, Hingabe und Freundlichkeit? (Auch wenn ihre Arbeit noch so eintönig ist.) Ich habe mir angewöhnt, bei jedem Tischgebet (laut oder leise) auch für die zu beten, die uns helfen, dass wir zu essen haben. Vom Acker bis zum Teller. Und im Restaurant auch eigens für die Küche – einschließlich derer, die noch bis spätnachts spülen.

Erntedank ist deshalb auch ein Protest- und ein Widerstandsfest gegen die Entfremdung und Entmenschlichung unserer Produktions- und Lieferwege. Diese zu hinterfragen, hat eine alte Tradition. Elisabeth von Thüringen lehnte es schon im 13. Jahrhundert ab, Speisen zu sich zu nehmen, die ungerecht erworben oder erpresst waren. Eine Zeitzeugin auf der Wartburg berichtet, die Heilige sei fest entschlossen gewesen,

„nur die Güter ihres Mannes zu gebrauchen, die sie mit gutem Gewissen gebrauchen könne, was sie so streng beachtete, dass sie, an der Seite ihres Gemahls sitzend, sich beim Mahle von allem enthielt, was von Steuern und der Eintreibung der Steuerbeamten herrührte, und nichts aß, wovon sie nicht wusste, dass es von den Einkünften und rechtmäßigen Gütern ihres Gemahls herkam.“

Als erstes sind es Menschen, denen wir danken. Christen und Gläubige anderer Religionen danken am Erntedankfest darüber hinaus Gott als dem Ursprung aller Gaben. Im Dank an Gott danken gläubige Menschen dem göttlichen Geber hinter allen menschlichen Gebern. Gott ernährt uns immer auch durch die Menschen, die sich um uns sorgen. Denn Gott schenkt den Menschen nicht nur die Saat und die Ernte, sondern auch die Gabe, säen und ernten zu können und füreinander da zu sein.

Der Dank an Gott hat schließlich auch das im Blick, was wir Menschen nicht machen können. Wir können säen und pflanzen, gießen und ernten, aber eines können wir nicht: etwas wachsen machen.
Wir haben bisher von der Ernte im wörtlichen Sinn gesprochen. Aber auch wenn wir nicht selbst in der Landwirtschaft tätig oder Hobbygärtner sind, können uns Saat und Ernte bildlich etwas über unser Leben sagen. Im Neuen Testament der Bibel findet sich zum Beispiel das Bild von der Saat des Wortes Gottes, die in das Leben von Menschen hinein gesät wird:

Auf guten Boden ist der Samen bei dem gesät,
der das Wort hört und es auch versteht;
er bringt Frucht – hundertfach oder sechzigfach oder dreißigfach.
(Matthäus 13,23)

Die Saat wird ist im Evangelium auch ein Bild der Lebenshingabe des Jesus von Nazareth, die nach seiner Auferstehung fruchtbar wird. Kurz vor seinem Tod sagt Jesus zu seinen Jüngern:

Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt,
bleibt es allein;
wenn es aber stirbt,
bringt es reiche Frucht.
(Joh 12,24)

Und für den Heilige Paulus sind Saat und Ernte ein Bild für den Tod und die Auferstehung:

So ist es auch mit der Auferstehung der Toten.
Was gesät wird, ist verweslich,
was auferweckt wird, unverweslich.
(1 Kor 15,42)

Aussaat und Ernte können also auch ein Bild für das sein, was wir selbst weggegeben oder investiert haben und später vermehrt oder verwandelt wieder herausbekommen. Auch die von uns, die weder Landwirte sind noch einen Gemüsegarten haben.

Säen ist ein mutiges Geschäft. Der Sämann wirft ja gewissermaßen die Saat weg, versenkt sie im Boden und vertraut sie der Erde an – ohne Sicherheit oder Garantie, dass etwas daraus erwächst. Den Mut und das Vertrauen des Sämanns beschreibt Rainer Kunze in einem Gedicht.

Ich halte ein Samenkorn in der Hand.
Mein einziges Korn.
Sie sagen, ich soll das Korn in die Erde legen.
ich muß mein Korn schützen, mein einziges Korn.
ich habe nie erlebt, daß es Frühling gibt.
Sie sagen, es wächst neues Leben aus dem Korn.
ich verliere mein Korn, mein einziges Korn.
Ich habe nie erlebt, daß es Frühling gibt.
Sie sagen, ich muß mein Korn riskieren, mein einziges Korn.
Aber ich habe nie Frühling erlebt.
Mein Geliebter sagt: es gibt Frühling!
Ich lege mein Korn in die Erde.

Wenn Sie mögen, können Sie sich zum heutigen Erntedank ja mal fragen: Was haben Sie gesät oder investiert in Ihre Anliegen, Pläne und Projekte? In Ihre Familie, Ihre Freunde, in Kunden oder in Menschen in Not? Was haben Sie riskiert? Was haben Sie sich getraut? Und was ist daraus geworden? Wofür haben Sie Grund zu danken – vielleicht zusammen mit denen, die noch mehr davon profitiert haben als Sie selbst?

Auch in diesem bildlichen Sinn können wir für Saat und Ernte danken. Dafür, dass wir säen konnten und gesät haben, dass wir etwas zu verschenken hatten und geschenkt haben – auch und gerade da, wo wir selbst nichts davon hatten. Erntedank kann auch der Dank dafür sein, dass ich anderen eine Freude machen konnte. Für das, was aus unserer Saat wurde. Für das, was wir – wie ein Wort aus den Psalmen sagt – unter Tränen gesät und mit Jubel geerntet haben (vgl. Ps 126,5).

Und wir können für das danken, was frühere Generationen gesät – und wir geerntet haben. Ich muss dabei zum Beispiel an das Holz denken. Die Waldbauern ernten, was ihre Großeltern gesät haben. Und es kann sein, dass durch Unwetter oder Käfer in einem Jahr die Ernte von Generationen verlorengeht. Dasselbe gilt von Entscheidungen und Maßnahmen unserer Vorfahren, von deren Folgen wir heute profitieren – und die oft doch ähnlich gefährdet sind, wie der Wald.

Schließlich kann das Bild von Aussaat und Ernte auch auf die Momente zutreffen, wo wir „Wind gesät und Sturm geerntet“ haben, wie es eine zum Sprichwort gewordene Formulierung der Bibel sagt (Hos 8,7). Ich kann mich beim Erntedank auch an das erinnern lassen, was ich an Üblem gesät und geerntet habe. An bösen Worten, Halbwahrheiten oder Indiskretionen.

„Na, schönen Dank auch!“ mögen Sie sich jetzt denken. Aber es ist gut möglich, dass ich auch hier gute Gründe finde, dankbar zu sein: für eine Vergebung, die ich erbeten und empfangen haben, für eine Wiedergutmachung oder Versöhnung, die möglich wurde, aber auch für das, was ich daraus gelernt und fortan besser gemacht habe. Oder einfach dafür, verschont worden zu sein, wo ich zwar Wind gesät, aber keinen Sturm geerntet habe, der sehr leicht die schmerzliche Folge meines Verhaltens hätte sein können.

Aussaat und Ernte – sie stehen nicht nur für das, was wir haben, sondern auch für das, was wir sind. Wir säen und ernten nicht nur. Irgendwann einmal werden wir auch gesät und geerntet.

In volkstümlichen Darstellungen wird der Tod personifiziert von einem, der die Ernte einbringt – dem „Sensenmann“ oder dem „Schnitter“. Die Bilder von ihm zeigen häufig ein Skelett mit einer Sense oder Sichel in der Hand. Allerdings führen diese Darstellungen vom Sensenmann den Menschen weniger die Ernte vor Augen, sondern das Abmähen und das Abgemähtwerden. Der Sensenmann ist der, der den Menschen vom Leben abschneidet.

Dieses Unheilsbild kommt auch bei den Propheten im Alten Testament der Bibel vor. Beim Propheten Jeremia wird ein Totenlied gesungen über eine in jeder Hinsicht verkommene und vernichtete Stadt. Und die Bilder ähneln denen, die uns auch heute aus den Kriegs-, Hunger- oder Seuchengebieten der Welt erreichen.

„Der Tod ist durch unsre Fenster gestiegen,
eingedrungen in unsre Paläste.
Er rafft das Kind von der Straße weg,
von den Plätzen die jungen Männer.
Rede! So lautet der Spruch des HERRN:
Die Leichen der Leute
liegen wie Dünger auf dem Feld,
wie Garben hinter dem Schnitter;
keiner ist da, der sie sammelt. „
(Jeremia 9,20-21)

Anders klingt es in den Evangelien, den Berichten des Lebens Jesu: Dort steht das Geerntet-Werden der Menschen nicht für das Abgeschnittenwerden aus dem Leben, sondern vielmehr für die Loslösung aus einem alten Lebenskontext und die Hineinnahme in eine neue Lebensform und in eine neue Beziehung zu Gott und den Menschen. Als Jesus seine Jünger aussendet, um das Evangelium zu verkünden und Menschen für ihn und seine Sache zu gewinnen, da sagt er nicht: Vor euch liegt sehr viel Arbeit, es gibt viel zu tun. Sondern er sagt: „Die Ernte ist groß!“ (Mt 9,37)

Am Ende der Bibel werden dann beide Bedeutungen von Ernte zusammengeführt: das Ende unseres irdischen Lebens und das Nachhausekommen der ganzen Menschheit bei Gott. Der „Schnitter“ ist hier nicht mehr ein gruseliges Gerippe mit einer Sense, sondern es ist Jesus Christus selbst. Ihn sieht und beschreibt der biblische Verfasser in einer himmlischen Erscheinung so:

„Dann sah ich und siehe, eine weiße Wolke.
Auf der Wolke thronte einer,
der wie ein Menschensohn aussah.
Er trug einen goldenen Kranz auf dem Haupt
und eine scharfe Sichel in der Hand.
Und ein anderer Engel kam aus dem Tempel
und rief dem, der auf der Wolke saß, mit lauter Stimme zu:
Schick deine Sichel aus und ernte!
Denn die Zeit zu ernten ist gekommen:
Die Frucht der Erde ist reif geworden.
Und der auf der Wolke saß,
schleuderte seine Sichel über die Erde
und die Erde wurde abgeerntet.“
(Offenbarung 14,14-16).

Wenn wir am Erntedankfest auch an das Geerntetwerden denken, dann ist das nicht nur eine Erinnerung an unsere Sterblichkeit. Es erinnert uns auch daran, für das dankbar zu sein, was wir geworden sind. Und zwar durch das, was in unser Leben (von uns selbst oder anderen) bildlich gesprochen „hineingesät“ wurde. Alles, was wir säen, entscheidet mit darüber, wer wir einmal sein werden, wenn unser Leben geerntet wird.

Diese Erinnerung an die Ernte, die wie einmal sein werden, kann eine wichtige geistliche Übung sein, die uns hilft, hier und heute gute Entscheidungen zu treffen. Die Lehrerinnen und Lehrer des geistlichen Lebens empfehlen, sich einmal vorzustellen, das eigene Leben ginge zu Ende. Dabei soll ich mich fragen, wie mein Leben in seiner vollendeten Gestalt, wie meine „Lebensernte“, einmal aussehen soll. Was für ein Mensch will ich am Ende sein? Aus dieser Perspektive dann zurückschauen auf die Gegenwart, und fragen: Wie möchte ich mich angesichts meines vollendeten Lebens heute entschieden haben. Oder im Bild von Aussaat und Ernte gesagt: Was möchte ich angesichts meiner vorgestellten letzten Lebensernte heute in mein Leben säen?

Ich mache diese Übung praktisch jeden Tag. Im Nachtgebet der Kirche schauen die Betenden für einen Moment auf den zurückliegenden Tag zurück. So, als wäre es ihr letzter Tag. So, als legten sie nach Saat und Ernte was von ihrem Lebenstag übrigbleibt in die Hände Gottes zurück. So wird jeder Abend zu einem kleinen Erntedankfest.

Bei diesen kleinen Erntedankfesten denke mittlerweile mehr an die Fülle als an die Verlegenheit. Danken können ist ein Glück. Denn wer dankt feiert, dass er beschenkt ist.

Und wenn ich das tue, dann ahne ich auch, was in der Deutschen Messe gemeint ist, wenn da einer den Schöpfer der Welt fragt: „Was kann dafür ich Staub dir geben?“

Gemessen am Universum bin ich weniger als ein Staubkorn. Aber in den Augen Gottes bin ich unendlich viel mehr als das. In den Augen Gottes ist jeder Mensch das einzigartig erschaffene, ins Leben gerufene, angeschaute und geliebte Kind, dem Gott die Schöpfung anvertraut und dem er ihre Früchte schenkt.
Wenn dieses Geschenk ein Geschenk bleiben und nicht zum Geschäft werden soll, dann bleibt wirklich nichts, als nur zu danken – für jede Saat, für jedes Wachsen und für jede Ernte.

„Nur danken kann ich, mehr doch nicht.“ singt die Gemeinde in Schuberts Messe.

Und ich denke mir: Nur danken kann ich – mehr geht nicht.

(Dieser Beitrag wurde am 02.10.2022 im Deutschlandfunk gesendet.)

Das große Kleinklein Lk 17,5-10

[Heute ist auch Erntedankfest. Auf einen heute im Deutschlandfunk Kultur laufenden Beitrag werde ich an dieser Stelle zu einem späteren Zeitpunkt nochmal eigens hinweisen.]

Um 18 Uhr klingelt mein Wecker. Nicht etwa, um mich zu wecken. Er erinnert mich daran, den Arbeitstag zu schließen, bevor das Abendprogramm beginnt.

Dann schaue auf das, was ich geschafft oder nicht geschafft habe, auf Unwichtiges, was ich wichtig genommen, oder Wichtiges, was ich aufgeschoben habe. Ich hake Erledigtes ab und verschiebe Unerledigtes auf eine nächste Gelegenheit.

Soweit die Theorie. Das funktioniert mal besser und mal weniger gut. In herausfordernden Zeiten gerät das auch schon mal durcheinander.

Es müssen herausfordernde Zeiten gewesen sein, in denen die Jünger an Jesus eine existentielle Bitte richten. Jesus hatte gerade davon gesprochen, dass es kaum Schlimmeres gebe, als einfache Menschen zum Bösen zu verführen, und davon, wie entscheidend wichtig es sei, zu vergeben.

„Stärke unseren Glauben!“ sagen die Apostel daraufhin zu Jesus. Offenbar ahnen sie, wie schnell der Glaube einfacher Menschen möglicherweise ihretwegen Schaden nimmt und wie verhärtet das Herz eines Menschen werden kann, wenn ein anderer in dessen Schuld steht.

Die Antwort Jesu klingt zunächst nicht stärkend sondern enttäuschend: Wenn ihr auch nur ein klein wenig Glauben hättet, würdet ihr Bäume versetzen. Ein Sklave stellt auch keine Ansprüche. Also habt euch nicht so!

Aber je länger ich hinhöre, umso weniger höre ich einen Vorwurf, sondern eher eine Erleichterung. Das Senfkorn ist im Evangelium immer ein Sinnbild für die große Macht im Kleinen. Aus dem klitzekleinen Samenkorn wird ein spektakulärer Baum. Wir sollen nicht auf einen spektakulären Glauben warten, sondern das kleine Körnlein des Glaubens suchen und säen.

Was dann geschieht, scheint genauso unmöglich zu sein, wie dass ein tief verwurzelter Baum sich mit einem Mal auf den Weg macht und sich dort verwurzelt, wo man nicht wurzeln kann – nämlich im Wasser. Niemanden zum Bösen zu verführen oder jemandem eine lebensprägende Schuld zu vergeben – das mag uns genauso unmöglich erscheinen, wie ein wandernder Tiefwurzler. Aber die Gotteskraft, die solches bewirken kann, ist schon im kleinsten Glaubensakt des Vertrauens, der Liebe und der Hingabe verborgen da, um wirksam zu werden.

Auch beim „Gleichnis vom unnützen Knecht“ geht es um die Entdeckung des Großen im Kleinen. Es beschreibt den Alltag. Ein Sklave tut seine Arbeit auf dem Feld, dann im Haus, isst noch was und geht dann schlafen. Jesus nimmt uns die Vorstellung einer falschen Großartigkeit, die darauf wartet, für ein erfolgreiches Werk gelobt und gefeiert zu werden. In herausfordernden Zeiten kommt es darauf an, täglich treu den kleinen Dienst des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe zu tun.

Das wäre schon was, denke ich mir, um 18:00 Uhr sagen zu können: Ich habe meine Schuldigkeit getan.

Du wirkst weiter.
Herr, stärke unseren Glauben.
Amen.

Fra‘ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie

Wenn der Himmel auf Erden zur Hölle wird Lk 16,19-31

Gerade komme ich aus Exerzitien. Jedes Jahr nehme ich diese Zeit, um mein Leben zu ordnen und die schnell zuwuchernden Quellen wieder frei zu legen, aus denen ich täglich lebe. In der Regel sind das 8 bis 10 Tage, in denen ich alle Türen zu und mich unerreichbar mache. Schweigen, vier Gebetszeiten am Tag, tägliches Gespräch mit dem Begleiter, Hl. Messe. Kein Telefon, keine Emails, keine Kurznachrichten. Für Notfälle hat jemand die Nummer vom Haus.

Dann las ich gestern auf dem Rückweg das Evangelium vom reichen Prasser. Der macht ja etwas Ähnliches: Alle Türen fest zu. Und was draußen ist, geht ihn nichts an. Aber das war’s auch schon mit der Ähnlichkeit: Vor der Tür des Reichen hungert und stirbt Lazarus, während der reiche Mann „sich in Purpur und feines Leinen kleidete und Tag für Tag glanzvolle Feste feierte“.

Meine Exerzitien und das Leben des Reichen im Gleichnis sind nicht vergleichbar. Aber dennoch ist mir ist die Haltung des reichen Prassers weniger fremd, als es mir lieb ist.

Jesus stellt uns einen Menschen vor, der sich scheinbar bedürfnislos in seiner behaglichen Welt des Überflusses vollkommen eingerichtet hat. Er hat sich seine kleine Welt zum „Himmel auf Erden“ gemacht. Freilich, mehr geht immer. Aber sein Leben lässt im Allgemeinen nichts zu wünschen übrig.

So hat der reiche Mann die leidende Welt in Gestalt des armen Lazarus ausgesperrt. Aber mit ihr bleibt auch seine eigene Sehnsucht nach Erlösung und Heil vor der Tür. Der Mann hinter seiner verschlossenen Tür hat nicht bloß Lazarus ausgesperrt. Sondern auch sich selbst in seiner verdrängten Armut und Gebrochenheit, seiner uneingestandenen Sehnsucht nach dem Himmel.

Im Tod erfährt der reiche Mann, dass zwischen ihm und Lazarus ein „unüberwindlicher Abgrund“ liegt. Dazu ist nämlich die zu Lebzeiten verschlossene Tür einstweilen geworden. Sie hat nicht nur der Not des Lazarus, sondern auch seiner Rettung und seinem Heil den Zutritt zu seinem Leben verwehrt.

Am Ende des Gleichnisses bittet der Reiche den Abraham, jemanden zu seinen Verwandten zu schicken, um sie zu warnen. Abraham antwortet, sie würden auch nicht glauben, wenn jemand von den Toten aufersteht.

Ob das stimmt? Einer ist von den Toten auferstanden, um uns zu erinnern. Jesus überwindet den unüberwindlichen Abgrund zu uns hin. Der Auferstandene sagt uns, dass er dort sei, wo Lazarus ist. Er steht vor der Tür und klopft. Und er sagt uns, dass wir es dahin nicht kommen lassen sollen, dass unsere verschlossenen Türen zum unüberwindlichen Abgrund werden.

In den Exerzitien habe ich mich wieder erinnert, dass ich mitunter für eine kurze Zeit meine Türen zu machen muss, um mein Leben zu ordnen und die Quellen freizulegen, aus denen ich leben und für andere da sein kann. Heute erinnert mich das Evangelium, dass ich mir die Erde nicht zum Himmel machen kann – und dass es im Zweifelsfall besser ist, meine Tür ein wenig zu weit auf, als zu fest zu zu machen.

Fra‘ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie

Von Schurken lernen Lk 16,1-13

Mal ehrlich: Es gibt Menschen, mit denen ich ungern zusammen bin. Zum Beispiel mit Leuten, die offensichtlich die Unwahrheit sagen, denen es nur um sich selbst geht oder die ungeniert auf Kosten anderer leben; mit Leuten, die daran nichts ändern und sich von niemandem etwas sagen lassen wollen.

Warum bin ich mit denen ungern zusammen? Ich werde ungern belogen und betrogen. Ich möchte nicht schweigend tolerieren, dass andere belogen und betrogen werden. Und weil ich meine eigenen Schwächen kenne, möchte ich mich nicht in das korrumpierte Leben hineinziehen lassen, das für andere zur Normalität geworden ist.

Ich muss mir sicherlich sagen lassen, dass ich mich all dem mehr aussetzen und mich darum bemühen soll, solche Menschen mit Christus zu lieben. Aber unannehmbar wäre es für mich, wenn man mir die oben Genannten als Vorbild präsentierte. Doch genau das geschieht im Evangelium. Jesus erzählt die Geschichte eines untreuen Verwalters, der erst das ihm anvertraute Geld veruntreut und dann zwischen Entlarvung und Rausschmiss den Schuldnern seines Herrn die Schulden erlässt, um später bei ihnen unterzukommen. Schließlich heißt es, Jesus „lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte.“ (Lk 16,8)

Worin besteht denn die beispielhafte Klugheit dieses Mannes?

Jesus lobt nicht die Egozentrik und die Untreue des Verwalters. Er lobt die Klugheit, mit der der Mann seine Lage erkennt, und die Findigkeit, mit der er seine Ziele erstrebt und erreicht. Der Mann erkennt, dass seine Tage gezählt sind. Er weiß um seine physischen und psychischen Grenzen. Ihm bleibt nur noch kurze Zeit, seine Angelegenheiten zu regeln. Er sorgt sich um das Leben nach seinem beruflichen Tod. Und er wird großzügig gegenüber denen, ohne die er in dieses neue Leben nicht kommen kann.

Darum geht’s bei diesem Gleichnis: Ob wir bereit sind, auch von Leuten zu lernen, die wir heimlich verachten.

Angenommen, ich würde mich mit der gleichen Hellsichtigkeit meinen Grenzen stellen, wie der untreue Verwalter aus dem Gleichnis. Angenommen, ich hätte seine Großzügigkeit gegenüber den Armen und Kranken, mit denen ich einmal bei Gott angekommen soll. Angenommen, ich würde mit der gleichen Kraft und Findigkeit in das Leben investieren, das der Tod uns nicht nehmen kann. – Es wäre besser um mich und meinen Weg mit Gott bestellt.

Lernt von den Schuften, auf die ihr herabschaut. Und da sage jemand, Gott habe keinen Humor.

Fra‘ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie