Der seelenverwandte Feind Apg 7,51-8,1a

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Während des Martyriums des hl. Stephanus, des ersten Blutzeugen der Kirche, betritt – zunächst als Randfigur – ein geradezu fanatischer Christenverfolger die Bühne. Später sollte aus ihm einer der streitbarsten Verkündiger des Evangeliums werden: Saulus, später Paulus aus Tarsus.

Wir wissen nicht, welche Wirkung die Begegnung der beiden auf Saulus hatte. Beide waren jung, beide gebildet und begabt, beide begeistert und für Gott entbrannt – und beide auf das Erbittertste gegeneinander gestellt.

Welche Spuren mögen die letzten Worte des Sterbenden – die Schau des erhöhten Christus und das Gebet für seine Mörder – in Paulus hinterlassen haben? Noch viel später wird er sich an diese Szene erinnern (Apg 22,20)

Da behauptet einer, in einer Beziehung zu Jesus von Nazareth zu stehen, die bis vor das Angesicht Gottes reicht. Da erlebt einer seine letzten Minuten schon im Schauen und Angeschautwerden Gottes. Und da bittet einer sterbend darum, dass das auch mir geschenkt wird, obwohl mich der Hass gegen ihn schier verzehrt.

„Saulus war mit dem Mord einverstanden“, heißt es zum Schluss. Das war keine emotionale Aufwallung. Das war eine Haltung. Das Zeugnis des seelenverwandten Feindes sollte noch eine Inkubationszeit brauchen, bis Paulus selbst dem Auferstandenen begegnet und ihm glaubt.

Fulgentius von Ruspe (ca. 462-533) schreibt über Stephanus: „In der Kraft der Liebe besiegte er den grausam wütenden Saulus, und der ihn auf Erden verfolgte, durfte im Himmel sein Freund werden. […] Getötet durch die Steine des Paulus schritt Stephanus voraus, Paulus folgte. Sein Helfer war das Gebet des Stephanus.“
Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie

Springen wir jetzt Joh 21,1–14

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Es ist, als wollten Petrus und die anderen nach der Auferstehung Jesu ihr gewohntes Leben wieder aufnehmen. Sie gehen fischen – und fangen nichts. Am Ufer der Fremde. Auf sein Wort ist das Netz voll. Wieder ist Johannes der schnellere: „Es ist der Herr!“

Was mag in den folgenden Sekunden in Petrus vorgegangen sein? Irgendwo hier hatte Jesus ihn am Anfang ja schon einmal das Netz auswerfen lassen. Die Netze waren voll und Petrus folgte ihm (Lk 5). Und irgendwo hier war er auf dem Wasser Jesus entgegengegangen, hatte den Mut verloren und war gesunken (Mt 14,30). Und sicher brannte ihm noch der letzte Blick Jesu in der Seele, nachdem Petrus geschworen hatte, ihn nicht zu kennen (Lk 22,61).

Jetzt noch einmal neu mit ihm beginnen können. Jetzt nichts mehr besser wissen. Jetzt mein ganzes gebrochenes Leben geben können, ohne mir was vorzumachen… Und Petrus springt.

Ich habe über diese Stelle meine erste Predigt als Diakon gehalten. Und seitdem kommt es mir vor, als wäre dieser Sprung der Akt des Glaubens schlechthin. Glauben heißt springen. Dem Anderen glauben, dass dort der göttliche Freund wartet. Ohne sicher sein zu können, dass er es ist. Ohne mich noch länger vorbereiten zu können. Ohne zu wissen, ob das andere Ufer nicht letztlich eine Täuschung ist.

Glauben heißt nicht, im sicheren Boot den Herrn am jenseitigen Ufer betrachten. Glauben heißt, mich ihm Tag für Tag entgegenwerfen in die Wasser des Lebens. Die sind gefährlich und wunderbar, und nicht viele trauen sich hinein. Es gibt keine Garantie für Schmerzfreiheit oder Gesundheit oder fürs Überleben. Aber dort drüben wartet der Herr, um mit uns zu leben. Springen wir jetzt.
Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie

Die gute Nachricht Mk 16,15-20

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Eigentlich ist bei der heutigen Lesung das Markusevangelium schon vorbei. Bei den ältesten Textzeugen fehlt sie. Am ursprünglichen Schluss – vor der heutigen Lesung – wäre die Botschaft fast an ein Ende gekommen. Die Zeugen des leeren Grabes „flohen, denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemandem etwas davon, denn sie fürchteten sich.“ (Mk 16,8)

Markus, dessen Fest die Kirche heute feiert, verfasst das vermutlich älteste der Evangelien im Stil einer antiken Herrscherbiographie. Es ist jedoch die Geschichte eines unbekannten jungen Mannes aus einer Unruheprovinz, der am Ende als Aufrührer gekreuzigt wird. Als erster nennt Markus diese Geschichte „Evangelium“. „Eu-angelia“, „gute Nachrichten“, waren in dieser Zeit in der Regel Botschaften über weltpolitisch wichtige Ereignisse. So nennt Flavius Josephus z.B. die Nachrichten von der Ernennung Vespasians zum Kaiser „Evangelien“.

Vielleicht ahnen wir, was für ein Anspruch mit der Einführung des Begriffs „Evangelium“ für das Leben und die Botschaft Jesu einhergeht. Sie ist die „gute Nachricht“ schlechthin. Sie ist nicht harmlos. Sie erschrickt ihre ersten Zeugen und lässt sie verstummen. Doch sucht und findet und befähigt Gottes Geist jene, die sein Evangelium weitersagen.

Die gute Nachricht
ist Deine Geschichte mit uns.

Die gute Nachricht ist,
dass sie weitererzählt wird
von Menschen,
deren Gemüter Du bewegst,
deren Schuld Du vergibst,
deren Herzen Du erfüllst,
deren Denken Du inspirierst,
deren Blick Du erhellst
deren Verstehen Du erleuchtest,
und deren Taten auch die Deinen sind.

Die gute Nachricht ist,
dass Du uns meinst
und alle, die Du mit uns lieben willst.
Amen.
Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie

Was sich von allein erledigt Apg 5,34-42

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In seinem Buch „Dinge geregelt kriegen“ (2008) schreibt Sascha Lobo, dass Prokrastination (Aufschieben) in vielen Fällen nicht das Problem, sondern die Lösung sei. Die meisten Dinge erledigten sich von ganz allein.

So ähnlich klingt die Intervention des Gamaliël im Hohen Rat, dem Wirken der Apostel einstweilen Gottes Lauf zu lassen: „Wenn dieses Vorhaben oder dieses Werk von Menschen stammt, wird es zerstört werden; stammt es aber von Gott, so könnt ihr sie [diese Männer] nicht vernichten.“

Das heißt nicht, dass Abwarten in jedem Fall das Gebot der Stunde sei: Gott sucht und wirbt um Mitwirkende, die seine Initiative vernehmen und annehmen, kraftvoll wollen und umsetzen. So beginnt Gott seine Sachen in der Kirche und der Welt. Mancher hat schon Lebensentscheidungen aufgeschoben, bis sie nicht mehr getroffen werden konnten.

Und es gehört zu unserer Freiheit, dass wir die Initiativen Gottes verwerfen können. Bis dahin, dass Menschen den Mensch gewordenen Gott zu Tode foltern. Auch daraus kann Gott noch Großes entstehen lassen. Aber das Wunder Gottes heiligt nicht unsere Verweigerung, sondern holt sie ans Licht.

Was in der Kirche nicht von Gott stammt, sagt Gamaliël, wird zerstört werden. Selbst wenn es reich, mächtig und allgemein anerkannt ist. Je fester wir uns daran halten, umso länger und schmerzhafter werden die Sterbeprozesse sein.

Derweil ist mir der Rat des Gamaliël dort eine Mahnung, wo ich zu schnell meine Ordnung in die Kirche um mich herum bringen will.

Und er ist mir dort ein Trost, wo ich im Kleinen versuche, der geglaubten Initiative Gottes treu zu sein, auch wenn es aussichtslos erscheint.
Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie

Gehorsam und Leidensdruck Apg 5,17-26

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Die Apostelgeschichte erinnert uns an das differenzierte Verhältnis zwischen der Kirche und dem Staat, wie es sich in der Urkirche herausgebildet hat.

Einerseits betet sie für den Kaiser, um das Wohlergehen des Reiches und seiner Bürger und fordert den schuldigen Gehorsam gegenüber der Obrigkeit. Andererseits ist sie nicht bereit, sich irgendeiner irdischen Macht absolut zu unterwerfen: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen!“

Bis heute sieht die Kirche die Christen in der „Gewissenspflicht, die Vorschriften der staatlichen Autoritäten nicht zu befolgen, wenn diese Anordnungen den Forderungen der sittlichen Ordnung, den Grundrechten des Menschen oder den Weisungen des Evangeliums widersprechen.“ (KKK1 2242)

Ich habe nicht den Eindruck, dass wir schon so weit sind. Aber Wachsamkeit ist auf beiden Seiten angesagt. Der Staat fordert nun mit Recht von der Kirche Schutzkonzepte, wie unter Einhaltung hygienischer Standards wieder Gottesdienst gefeiert werden kann.

Aber wie groß ist eigentlich der Leidensdruck, daran gehindert zu sein? Eine Tochter aus einer Gastwirtsfamilie sagte mir vorgestern: „Wir leben von der persönlichen Begegnung, von Freundschaften, von Festen und vom gemeinsamen Essen. Wenn all das länger nicht erlaubt ist, können wir nicht überleben.“

Genau das müsste der Leidensdruck der Kirche sein. Wo der fehlt, stimmt bei uns was nicht. Wenn wir ihn hätten, kämen wir dem Gehorsamskonflikt vielleicht schon etwas näher. Sicherlich aber würden die Verhandlungen um die Gottesdiensterlaubnis sehr viel vernehmbarer geführt.
Fra’ Georg Lengerke

1 KKK = Katechismus der Katholischen Kirche

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