Karsamstag Botschaft an unsere Grabwächter Mt 27,62-65

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Vorgestern Abend kam die Polizei. Wir haben die Heilige Messe vom Gründonnerstag mit Fußwaschung gerade gefeiert und sind in der Anbetung der beginnenden Ölbergnacht. Der Livestream läuft noch. Wir sind zu fünft. Es klingelt. Agnes macht auf. Zwei Beamte stehen in der Tür. Offenbar hatten uns Nachbarn denunziert, bei uns seien angeblich 20 Leute zu einer unerlaubten Versammlung. Wir stehen im Flur – ich noch im Messgewand, die Polizisten haben ihre Mienen erstaunlich gut im Griff –, erklären, wer wir sind, was wir hier am Gründonnerstag machen und dass wir hier wohnen. Die Polizisten, sachlich und von dienstlicher Freundlichkeit, schauen durch alle Zimmer, hinter die Türen und auf die Balkone und gehen wieder.

Es gibt nicht viele Wohnungen, von denen man ins Fenster der Kapelle sehen kann. Ich will auch gar nicht wissen, wer das war, ob sie gesehen haben, dass wir die Heilige Messe feiern, ob es böser Wille, Misstrauen oder Panik war, weshalb sie die Polizei gerufen haben.

Ich finde es auch sinnvoll, dass die Polizei die Einhaltung der Regeln zur Eindämmung der Ansteckung überwacht. So wie ich es ehrlichgestanden sinnvoll fand, dass Pilatus eine Wache ans Grab gestellt hat. Das kann den Christen nur recht gewesen sein.

Schlimm wird es, wo ein Nachbar zum Grabwächter des anderen wird. Wo die Angst vor dem Tod zur Angst vor dem Leben wird, da hört das Leben auf. Wo aber Menschen aufhören zu leben, um nur nicht zu sterben, da hat der Tod schon gewonnen.

Es ist Ostern, liebe Nachbarn! Morgen öffnet sich das Grab. Da könnt Ihr machen, was Ihr wollt. Ihr werdet Euch mit uns noch wundern.

Fra‘ Georg Lengerke

Karfreitag Corona Jesu – unsere Krankheit Jes 52,13-53,12

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Lange rätselte man über die Darstellung des Gekreuzigten auf dem Isenheimer Altar von Matthias Grünewald (1516). Erst in neuerer Zeit erkannte man, dass die gemalten Wunden nicht Geiselspuren, sondern die Symptome der Mutterkornvergiftung darstellen.

Die daran erkrankten Patienten des Isenheimer Spitals sollten im 16. Jh. im Gekreuzigten den erkennen, von dem Jesaja sagt: „Er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen“. Der Gekreuzigte geht an die Stelle eines jeden leidenden und sterbenden Menschen in der Welt – bis heute.

Wie müsste eine Darstellung des Gekreuzigten aussehen, der die Wundmale der Pandemie trägt? Bei einem unsichtbaren Virus ist das schwierig. Aber es gibt doch ein Zeichen, das mich an die Krankheit erinnert. Der Virus hat seinen Namen von seiner Kranzform. Daher „corona“, was lateinisch „Kranz“ oder „Krone“ heißt.

Jesus wird von den Soldaten eine „corona spinea“, eine Dornenkrone aufgesetzt (Joh 19,5). Der Gefolterte als Witzfigur, als Karikatur eines Königs. Ohne es zu bemerken sagt Pilatus über ihn ein prophetisches Wort: „Ecce homo – Seht der Mensch“. Das ist auch vom Menschen schlechthin gesagt: So steht es um Euch. So geht ihr miteinander und Euch selbst um. So steht es um Eure Souveränität. Feine Könige seid Ihr!

Heute ist es der Virus mit dem Namen Corona, der unserer Souveränität, unserer Selbstsicherheit, unserem Glauben, alles in der Hand zu haben, spottet. Der Dornengekrönte trägt unsere Krankheiten bis vor den Thron dessen, von dem die königliche Würde eines jeden Menschen kommt. Einmal wird der uns die „corona vitae“, die „Krone des Lebens“ verleihen (Offb 2,10).

Fra‘ Georg Lengerke

Gründonnerstag Alles in der Hand Joh 13,1-15

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Kurz bevor es so aussieht, als entgleite Jesus alles aus der Hand, heißt es bei Johannes, dass Jesus wusste, dass ihm der Vater alles in die Hand gelegt hat.

Das heißt nicht, dass Jesus einfach alles im Griff gehabt hätte. Sondern, dass es ihm in die Hand gegeben wurde. Weil Jesus sein Leben vom Vater empfängt, kann er auch in Freiheit geben, was er empfangen hat (Joh 10,18). Jesus geht in Freiheit den Weg, den wir in diesen Tagen mit ihm gehen und der ihn letztlich alles kosten wird.

Aber was, wenn wir das Wort auch wörtlich verstehen? Was konkret hält Jesus an jenem Abend in seinen „heiligen und ehrwürdigen Händen“, wie der Erste Römische Messkanon sie nennt? Nun, „Brot und Wein“ möchte man sagen. Stimmt. Aber vorher? Vorher sind es die Füße seiner Jünger. Schwielige, staubige Füße. In denselben Händen. „Ihr seid schon rein durch mein Wort“, hatte Jesus ihnen gesagt (Joh 15,3). Jetzt noch der „letzte Dreck“, der Reinigung und Vergebung nötig macht. Warum? Damit Ihr Anteil bekommt an mir.

Jesus gibt uns Anteil an seinem Leben – dadurch dass sein Wort unser Leben prägt, dadurch, dass sein Abstieg unsere Schuld vergibt, dadurch, dass wir uns hineinnehmen lassen in seinen Leib, den wir in Gestalt des Brotes empfangen und zu dem wir in Gestalt der Kirche der Apostel gehören.

Und dann gibt Jesus schließlich sein Leben aus der Hand und in die Hände der Menschen. In die Hand der Jünger, die ihn fallen lassen, wie eine heiße Kartoffel. In die Hände der Leute, denen die Anwesenheit der Liebe unerträglich ist. Und in unsere Hände bis heute… Was werden wir damit tun?

Fra‘ Georg Lengerke

Österliches Homeschooling Jes 50,4-9a

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Homeschooling (das schulische Lernen zuhause) ist oft nur eine Notlösung. Im Glauben allerdings ist es eine lebenslange Realität – gerade jetzt.

Der Gottesknecht bei Jesaja ist ein „Schüler“ (Jünger). Jesus ist zugleich der Hörende auf den Vater und der Lehrende für seine Jünger. Österliches Homeschooling heißt: auf Jesus hören, mit Jesus hören, von Jesus lernen.

Wer auf Jesus hört, hört den Schüler des Vaters und das was er vom Vater gehört hat. Die Lebensbedingungen dieser Tage werden uns vieles anders und neu hören lassen. Die Worte im Abendmahlssaal, in Getsemani, im Prozess und auf Golgota, die Worte seiner letzten Tage spricht Jesus hinein in die müde und erschöpfte Welt unserer Tage.

Je vertrauter wir mit Jesus werden, umso mehr werden wir auch mit ihm hören. Dieses Hören geht immer in zwei Richtungen: wir dürfen mit Jesus auf den Vater hören – gerade dort, wo er in die Einsamkeit geht oder schweigt. Und wir sollen mit Jesus auf die Menschen hören: auf die in Not und Verzweiflung, aber auch auf die in Wut und Hass.

Schließlich dürfen wir durch diese Tage als Schüler Jesu gehen. Wir können von Jesus das Leben und die Liebe und die Freude lernen, die bleiben – selbst durch den Tod hindurch. Allerdings nur dann, wenn wir mit dem misshandelten Gottesknecht auch zu leiden lernen. Zum einen das, was uns an Krankheit und Gebrechlichkeit zugemutet wird; zum anderen das, was wir einander antun. Und den unverschuldeten Hass von Menschen zu erleiden, wird noch schwerer sein, als es die Last von Krankheit und Alter jetzt schon ist.

Österliches Homeschooling heißt auch: leidensfähig werden um der Osterfreude willen.

Fra‘ Georg Lengerke

Nicht vergebliche Mühe Jes 49,1-6

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Wenn die Grundlagen unseres Lebens erschüttert werden, fragen sich viele, wozu sich die ganze Mühe für dieses oder jenes lohnt. Der Prophet Jesaja stellt nüchtern fest: „Vergeblich habe ich mich bemüht, habe meine Kraft für Nichtiges und Windhauch vertan.“

Ich stelle mir Abend für Abend diese Frage: Was hat sich heute wofür gelohnt? Manchmal ist das Ergebnis ernüchternd, vor allem nach vertanen Abendstunden. Der hl. Ignatius rät dazu, sich diese Frage zu stellen, als stünde man am Abend des Lebens: Welche Mühe wird sich am Ende gelohnt haben?

Im Leben des Propheten Jesaja finden wir eine Ankündigung und Auslegung des Lebens Christi und der Christen: es ist eine Geschichte von Ruf und Antwort mit Gott dem Vater. Entscheidend ist für Jesus nicht das, was wir für einen „Erfolg“ halten. Entscheidend ist die Antwort auf das, was kommt. Entscheidend ist, dass sich an seinem Leben und Lieben, Scheitern und Siegen die „Herrlichkeit“ des Vaters offenbaren soll. So wird er als „Licht für die Völker“ offenbar.

Derzeit sehe ich deutlicher, was in den letzten Jahren meine Mühe gelohnt hat und was nicht. Es lohnt nicht, sich nach Bällen zu strecken, die keiner spielt, Fragen zu beantworten, die keiner stellt, verwirklichen zu wollen, was keiner möglich gemacht hat.

Es lohnt sich, zu erwarten und anzunehmen, zu verwirklichen und zu gestalten, was sich nahelegt, was mir begegnet, was sich fügt. Und zu ertragen, was ich nicht ändern kann.

Hilf mir, guter Gott,
geduldig und tapfer ertragen,
was ich nicht ändern kann;
und lass mich
mit Dir
von ganzem Herzen wollen
und mit ganzer Kraft tun,
was Du fügst.
Amen.

Fra‘ Georg Lengerke