Erpressung mit Himmel oder Erde Apg 15,1-6

Wenn nichts mehr geht, wird auch in der Kirche die Versuchung zur Erpressung schier übermächtig. Früher konnte man die Christen mit dem Himmel erpressen, in den sie nicht kommen, wenn sie sich nicht an die Regeln halten. Heute kann man die Christen mit der Welt erpressen, in der sie nichts mehr zu sagen haben, wenn sie nicht profitabel wirtschaften und mehrheitsfähige Positionen vertreten.

„Wenn ihr euch nicht beschneiden lasst, könnt ihr nicht gerettet werden.“ Zugegeben, die Ermahnung an die Heidenchristen, sich beschneiden zu lassen und zuerst Juden zu werden, um auch Christen sein zu können, war keine Erpressung im eigentlichen Sinn. Aber sie war doch eine vorschnelle Festlegung auf eine Bedingung, über die in der Urkirche erst noch zu entscheiden war.

Dass unser Leben Bedingungen hat, bringt unsere Freiheit mit sich. Wenn ich mich nicht halte, stürze ich. Wenn ich nicht esse, verhungere ich. Wenn ich mich nicht operieren lasse, sterbe ich. Selbst Gottes bedingungslose Liebe stellt sich der Bedingung, von mir angenommen zu werden.

Die Beschneidung und die Einhaltung des mosaischen Gesetzes war und ist für die Juden heiliges Zeichen und Bedingung des Bundes mit Gott. Der Urkirche ging es nun darum, dass an die Stelle des Gesetzes nun die Gemeinschaft mit Jesus Christus tritt, die diesen Bund allen Menschen, die ihn wollen, eröffnet.

Wenn das Kommen des Menschgewordenen zu allen Menschen und das Kommen aller Menschen zum Menschgewordenen das Kriterium wäre, um das es uns heute in der Kirche vor allem ginge,

dann wären wir Christen sehr viel weniger leicht zu erpressen – weder mit dem Himmel, noch mit der Erde.
Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie

Gottesverwechslung Apg 14,19-28

Wie Jesus, so machen auch die Apostel mit der „Volksmenge“ äußerst ambivalente Erfahrungen. In der gestrigen Lesung hielten die Heiden in Lystra nach der Heilung eines Gelähmten Paulus und Barnabas für Götter. Heute wird uns erzählt, wie die Volksmenge kurz darauf überredet wird, den Paulus zu steinigen.

Gerade noch galten die Apostel selbst als Götter, wenig später werden sie für gottlos gehalten. Diese beiden Gottesverwechslungen erinnern an die Urwunde des Menschen. Er kann sich selbst an Gottes Stelle setzen und ihn noch „benützen“, um sich zu legitimieren. Oder er kann sich willentlich von Gott trennen, um ohne ihn Geschichte zu machen.

In Antiochien berichten Paulus und Barnabas dann später „alles, was Gott mit ihnen zusammen getan […] hatte“. Der Handelnde ist hier Gott, die Apostel sind Mitwirkende. Ich kenne die umgekehrte Wahrnehmung: Dass ich Gott bitte, ermöglichend und schützend bei dem mitzuwirken, was ich mir zu tun vorgenommen habe.
Aber am Anfang der Kirche ist es eben nicht Gott, der den Jüngern bei der Verwirklichung ihrer Pläne hilft, sondern es sind die Jünger, die Gott bei der Verwirklichung seiner Pläne helfen. Nicht, weil Er sonst hilflos wäre. Wir Menschen werden vielmehr gewürdigt, selbst „Sakrament“ zu sein, also „Zeichen und Werkzeug“ des Handelns Gottes in der Welt. Unsere Beziehungen zueinander werden zum Königsweg des Handelns Gottes.

Auf dem Koppelschloss der Reichswehr und der Wehrmacht stand der Wahlspruch des preußischen Königshauses „Gott mit uns“. Hätte es die beiden Weltkriege wohl auch gegeben, hätte darauf gestanden: „Wir mit Gott“?

Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie

Sein wo Du bist Joh 14,1-12

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Im christlichen Glauben geht es um einen „heiligen Tausch“. Gott wird ein Mensch, damit wir Menschen zu Gott kommen. Der Menschgewordene nimmt uns, was uns von Gott tödlich trennt, und gibt uns dafür schon auf Erden Anteil an seinem Leben. Gott lebt das Leben der Menschen, damit wir Menschen Gottes Leben leben.

Jeden Tag versuche ich das herunterzubrechen auf mein Leben, auf mein Sehen, Urteilen und Handeln, auf die Liebe zu meinen Nächsten und ihre Liebe zu mir. In allem will Jesus Christus bei mir sein, damit ich bei ihm bin. Er macht sich selbst und die Gemeinschaft mit ihm zu dem Weg, auf dem sich die Wahrheit zeigt und der ins Leben führt.

Du hast versprochen, Herr,
dort zu sein, wo ich bin,
damit ich sein kann, wo ich bin,
damit ich kommen kann, wohin ich soll,
damit ich werden kann, wer ich bin.

Du hast versprochen, Herr,
dort zu sein, wo ich bin:
in Kraft und Schwachheit,
in Glück und Unglück,
im Licht und in der Finsternis,
die uns Dir zu nehmen scheint;
in guten und in bösen Tagen,
in Gesundheit und Krankheit
(und Du hast versprochen,
dass der Tod uns nicht scheidet).

Schenke mir, Herr,
dass ich dort bin, wo Du bist:
schon hier,
wo nach Dir gerufen wird,
wo von Dir zu reden ist,
wo Du den Nächsten nicht ohne mich lieben willst;
und einmal dort,
wo das Haus mit den vielen Wohnungen offen steht,
wo die Liebe gesiegt hat,
wo die Freude vollkommen ist
und wir einander sehen, wie wir sind
– angesichts Deiner.
Amen.

Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie

Die Langeweile der Insider und die Freude der Outsider Apg 13,44-52

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Die Vertreibung von Paulus und Barnabas aus Pisidien beschreibt einen Wendepunkt in der frühen Kirche. Sie markiert einerseits den Aufbruch zu den Heiden und andererseits den Abbruch mit den Juden. Der ursprüngliche Gedanke der Kirche aus Juden und Heiden, in der alle Völker Anteil an dem einen Volk Gottes bekommen, tritt zurück. Aus einer Kirche aus Juden und Heiden wird eine Kirche aus Heiden statt Juden. Dieser Bruch ist eine Wunde bis heute.

Gegenwärtig besteht eine ähnliche Gefahr. Es gibt in der Kirche die, denen das Evangelium anvertraut und scheinbar egal ist. Und es gibt inner- und außerhalb der Kirche jene, die nach dem Evangelium und dem „christlichen Unterschied“ fragen und keine Antwort bekommen.

Viele kehren der Kirche heute ja nicht etwa deshalb den Rücken, weil sie scheinbar weltfremd aus den Quellen des Ursprungs lebt und in Wort und Tat ein störendes Zeugnis für die Würde des Menschen gäbe.

Sondern deshalb, weil sie in ihr statt einer relevanten Verkündigung und einer zeugnishaften Lebensform oft nur eine traditionelle Vereinsmeierei oder die Unternehmenskultur eines Sozialkonzerns vorfinden.

Ein Bruch wie der zwischen Juden und Heiden in der Kirche des Anfangs lässt sich zwischen Insidern und Outsidern heute nur dann vermeiden, wenn sich in der Kirche genügend Mutige finden, die nach den fragenden Outsidern suchen, die sich über das Evangelium freuen würden.

Wenn die dazu Bereiten nicht wie Paulus und Barnabas aus der Kirche vertrieben werden, dann besteht auch für die gelangweilten Insider eine Chance, sich dank der Fremden wieder an Gott freuen zu können.
Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie

Das verwirrte Herz Joh 14,1-6

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„Euer Herz lasse sich nicht verwirren“, beginnt Jesus das Gespräch mit den Jüngern heute. Sie müssen ja verwirrt gewesen sein: von der Ankündigung des Sterbens Jesu, von der Ansage ihres Verrats und von der Sorge, ihr Leben vertan zu haben.

Thomas bringt die Verwirrung auf den Punkt: Wir kennen den Weg nicht. Das sagen die Klügeren heute auch, wenn ausgewiesene Nichtfachleute den Weg allzu genau zu kennen meinen. Das sind sowohl die, die Covid 19 für eine bessere Grippe und Ausgangsbeschränkungen für das Ergebnis einer Verschwörung halten. Das sind aber auch die, die in jedem unverhüllten Gesicht eine Todesgefahr sehen und darauf bestehen, vor jedem gesundheitlichem Risiko geschützt zu werden.

Entscheidend ist, sagt Jesus, dass „ihr dort seid, wo ich bin.“ „Wir wissen nicht, wohin Du gehst“, erwidert Thomas. In aller Verwirrung gibt es drei Bezugspunkte, an denen wir dort sind, wo er ist:

Erstens dort, wo uns jetzt die Liebe braucht, weil Er mit uns lieben will.

Zweitens dort, wo unser jeweils Nächster ist, um dessentwillen Er gestorben ist.

Und drittens „im Haus Seines Vaters“, wohin wir mit ihm und einander unterwegs sind.

Damit ist schon mal der Raum unserer Wege in der Pandemie umrissen. Sie verlaufen irgendwo zwischen

erstens dem Recht, meine eigene Gesundheit um der Liebe willen zu riskieren, und

zweitens der Pflicht, die Gesundheit meines Nächsten nicht leichtfertig zu gefährden.

Und drittens schließlich ist aller Wege Ziel das Haus mit den vielen Wohnungen, zu dem wir mit ihm unterwegs sind. Dort hat der Tod und seine Angst keine Macht mehr über unser entwirrtes Herz.
Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie