Nur nicht wie dich selbst! Mt 22,34-40

Wir sollen, sagt Jesus, unsere Nächsten lieben, wie uns selbst. Aber mal ganz ehrlich: Freut Ihr Euch darüber, von Euren Nächsten so geliebt zu werden, wie die sich selbst lieben? Ich weiß nicht recht. So viele zweifeln hinter ihrer Fassade an sich selbst oder denken nicht gut von sich oder machen sich kleiner als sie sind. Vielleicht ist das genau das Problem, dass die Leute ihre Nächsten nur so lieben wie sich selbst.

Es ist ja auch nicht so einfach, sich selbst zu lieben. Der selbstverliebte Narziss vor dem Spiegel bleibt einsam, unerfüllt und traurig und ist uns keine Hilfe. Nein, wir lernen, uns gut zu sein, wo jemand gut zu uns ist. Wir lernen uns anzunehmen, wo jemand uns annimmt.

Aber vollkommene Annahme und Güte finden wir beieinander nicht. Nur Gott kann vollkommen lieben. Deshalb geht dem Gebot der Nächstenliebe das Gebot der Gottesliebe voraus.

Egal, ob wir Menschen sind, die begonnen haben, von weitem die Güte Gottes zu ahnen, oder Menschen, deren Leben von einer vertrauenden Beziehung zum göttlichen Du geprägt ist. Jesus sagt uns: Du sollst Gott und seine Güte lieben. Und zwar mit allen Dimensionen Deines Lebens: mit Deinem Herzenund dem, was Du empfindest; mit Deiner Seeleund dem, was Du bist; mit Deinen Gedankenund mit dem, was du denkst, sagst und tust.

Zu dieser Liebe gehört auch, Gottes Ja zu mir anzunehmen. Das sagt er mir durch meine Nächsten – aber auch über sie hinaus durch Jesus Christus und seine Kirche, durch sein Wort und sein verborgenes Wirken.

Je mehr wir uns darin einüben, uns von Gott und den Menschen lieben zu lassen, umso mehr werden wir uns selbst gut sein – und umso mehr werden sich die Menschen darüber freuen, dass wir sie mit Gott so lieben wie uns selbst.

Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie

Eingeprägt und ausgeprägt Mt 22,15–21

Was wir erleben, was uns gesagt und angetan wurde, ob und wie wir geliebt oder gehasst wurden, prägt uns. Aber auch wie wir leben, was wir denken, sagen und tun, was wir wählen oder lassen, lieben oder hassen, prägt uns.

„Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!“ Die Antwort Jesu auf die Frage nach der Erlaubtheit der römischen Steuer für Juden hat nicht nur das Verhältnis der Kirche zum Staat geprägt. Sie wirft auch die Frage nach unserer Prägung auf.

Die Kirchenväter sehen nämlich in der Münze des Kaisers Tiberius auch einen Hinweis auf uns Menschen. Als Bild Gottes geschaffen, tragen wir zwar den „Stempel Gottes, doch als seine Münze“, sagt Augustinus, „sind wir vom Schatz weg gekommen. Wir sind in Umlauf geraten, und es wurde abgerieben, was uns aufgeprägt war.“

Wie der Kaiser seine Münze sucht, so sucht Gott uns Menschen. Die Münze gehört dem Kaiser, wir gehören Gott. Gott wird Mensch, sagt Augustinus, um uns „wieder umzuprägen“. Damit wir wieder den sichtbar machen, der uns erschaffen hat.

Schon die Taufe prägt den Christen mit einem unauslöschlichen Prägemal der Zugehörigkeit zu Jesus. Diese Prägung wird dann sichtbar, wenn zu ihr eine Einprägung und eine Ausprägung kommen, die aus der Freundschaft mit Jesus und dem Dasein mit ihm für die Menschen folgt.

Präge Dich mir ein,
in Deiner Liebe zu mir,
in Deinem Dasein für mich,
in Deinem Leben mit mir,
in Deinem Wirken in mir,
in Deinem Wort an mich,
in Deiner Botschaft durch mich.

Damit ich Dich auspräge
in meiner Liebe mit Dir,
in meinem Dasein vor Dir,
in meinem Leben in Dir,
in meinem Wirken für Dich,
in meinem Wort von Dir.
in meiner Sendung durch Dich.

Amen

Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie

Hinz und Kunz und ich Mt 22,1-14

Ich stelle mir vor, ich wäre da. Bei diesem Hochzeitsmahl, von dem Jesus sagt, dass es dem Himmel gleicht. Genauer: Ich bin nachgeladen worden. Diesmal wurmt mich das nicht. Fast alle sind nachgeladen. „Gute und Böse“. Der Himmel will sie alle. Das ist mein Glück.

Komische Hochzeit. Hier heiratet ein Königssohn nicht irgendeine fremdländische Schönheit. Er heiratet sein Volk. Die Braut sind wir. Ich gehöre dazu.

Ich denke an die, die abgesagt haben, und frage mich: Habe ich eigentlich zugesagt? Oder bin ich nur so mitgegangen oder sonst wie dahin geraten? Und mir fallen die Träume ein, in denen ich im Schlafanzug in der Messe oder in fremder Leute Haus stehe und nicht weiß, wie ich dahin kam.

Der Mann ohne Hochzeitsgewand kommt mir vor wie einer, der den Himmel noch so mitnehmen will. Wie die letzte Party einer durchzechten Nacht. Er meint, weil die Erstgeladenen nicht erschienen und stattdessen Hinz und Kunz und er und ich eingeladen sind, werde das Fest nun zur späten Stunde verramscht. So wie die Mitnehmsel an der Kasse von IKEA.

Er hat sich nicht mit der Liebe bekleidet, sagen die Kirchenväter. Ohne sie können wir beim Fest zwar dabei sein, aber teilnehmen können wir ohne sie nicht.

Also hole ich meine Zusage nach. Und ich ziehe mir die Liebe an, mit der sich der Bräutigam nach denen sehnt, die abgesagt haben. Sie wissen ja nicht, was sie verpassen. – Wie können sie auch, wenn sie nur so von außen drauf schauen, auf das alt gewordene Haus und die müden Gäste vor der Tür.

Es ist noch Platz. Ich muss noch mal los. Die Freunde holen. Wäre doch zu schade, wenn sie nicht auch noch kämen und hören würden, wie der Bräutigam sagt: „Ich nehme dich an“.

Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie

Die Gesandten Mt 21,33–42.44.43

Was mich am Glauben der Juden und Christen so fasziniert, ist, dass die Suche des Menschen nach Gott sich umkehrt. Nicht der Mensch sucht und findet den verborgenen Gott, sondern Gott sucht und findet den sich verbergenden Menschen. Und gerade dort, wo der Mensch sich von Gott finden lässt, findet er Gott.

In Jesus sucht und findet Gott uns Menschen. Ich glaube, dass Gott mich gesucht und gefunden hat. Aber Gottes Suche nach mir geht weiter. Wir sind gefunden, aber noch immer sucht Gott uns in der Kirche auf – wie ein Weinbergsbesitzer seine Pächter. Er sucht uns auf durch seine Diener, die ungehört bleiben. Er sucht uns auf durch seinen Sohn, den wir zu oft zum Verstummen bringen, wo wir einfach nicht mehr von ihm hören noch reden wollen.

Das Gleichnis von den Weinbergbesitzern sagt, das uns von Gott anvertraute Leben der Kirche sei wie ein Weinberg. Dieser Weinberg kann noch immer verwahrlosen. Er kann zu einem Ort der Ungerechtigkeit oder der Säuernis werden. Er kann ein Allerweltsort werden, der nur deshalb gut da zu stehen scheint, weil er nichts anderes zu bieten hat als der Rest der Welt.

Gott schickt bis heute seine Leute und in ihnen seinen Sohn. Aber wo sind die Menschen, durch die Gott uns aufsucht? Der Verworfene kommt in den Verworfenen, den Armen, den Schwierigen. Und er kommt in seinen Jüngern. Und sie kommen, um von uns zu empfangen, was Gott bei uns für sie gesät und gepflanzt hat und wachsen ließ.

Guter Gott,
wenn die Deinen kommen,
dann lass uns die Gaben erkennen,
durch die Du selbst
von Dir erzählst,
durch die Du selbst
den Menschen dienst
und ihnen ein Zuhause gibst
für den Weg,
der noch vor uns liegt
zu Dir.
Amen.

Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie

Die Lebenslüge Mt 21,28–32

Ich sitze in einer unbekannten Gesprächsrunde. Wir sprechen darüber, was wer beruflich macht, als einer mich fragt: „Und, wie ist das so, mit einer Lebenslüge zu leben?“

Offenbar fand er, dass der priesterliche Zölibat eine einzige verlogene Heuchelei sei.

Ich habe mich sehr geärgert. Aber anstatt wütend zu werden, lächelte ich die Sache weg. Doch die Frage hat mich – und zwar anders als beabsichtigt – nicht losgelassen: „Wie ist das, mit einer Lebenslüge zu leben?“

Jesus erzählt von zwei Söhnen, die ihr Vater beide zur Arbeit in den Weinberg schickt. Der eine weigert sich und geht dann doch. Der andere sagt Ja, geht aber nicht hin.

Wie ist das mit meinen Lebenslügen, wenn ich mich Christ nenne, aber lebe, als gäbe es Gott nicht? Oder wenn ich von anderen selbstverständlich erwarte, was ich selbst nicht zu leben vermag? Oder wenn ich Menschenrechte für heilig halte, sie aber Menschen erst ab einem bestimmten Alter zugestehe?

„Die Zöllner und die Dirnen haben Johannes geglaubt“, sagt Jesus den religiös und moralisch Etablierten, „ihr aber habt nicht bereut und ihm nicht geglaubt“.

In der Fazenda da Esperanza in Brasilien bin ich einer jungen Frau begegnet, die als Mädchen einen Mann umgebracht hat, in dessen Abhängigkeit sie geraten war. Sie sagte mir: „Für die Menschen war ich nur noch ein Stück Dreck. Und ich habe einen Gott kennen gelernt, der mich liebt und mich heil macht – obwohl ich eine Mörderin bin.“

Seitdem halte ich Ausschau nach denen, die erst Nein gesagt und dann zum Ja gefunden haben, damit ich von ihrem Ja zur Liebe Gottes lernen kann.

Mittlerweile bin ich dem Flegel fast dankbar für seine pampige Gewissensfrage: „Wie ist das, mit einer Lebenslüge zu leben?“

Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie