BDZ vom 16. August 2026
Jesus erwiderte der Frau: Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den kleinen Hunden vorzuwerfen. Da entgegnete sie: Ja, Herr! Aber selbst die kleinen Hunde essen von den Brotkrumen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. (Mt 15,26-27) Das Verhalten Jesu gegenüber einer heidnischen Frau im Süden des heutigen Libanon ist kaum erträglich. Sie kommt in höchster Not zu ihm: „Meine Tochter wird von einem Dämon gequält.“ Doch...
Jesus erwiderte der Frau: Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den kleinen Hunden vorzuwerfen. Da entgegnete sie: Ja, Herr! Aber selbst die kleinen Hunde essen von den Brotkrumen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. (Mt 15,26-27)
Das Verhalten Jesu gegenüber einer heidnischen Frau im Süden des heutigen Libanon ist kaum erträglich. Sie kommt in höchster Not zu ihm: „Meine Tochter wird von einem Dämon gequält.“ Doch Jesus spricht nicht mit ihr. Als die Jünger intervenieren, erklärt Jesus sich für nicht zuständig: „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.“
Für uns Heutige ist das empörend. Doch die Frau empört sich nicht. Sie tritt vor ihn, wirft sich zu Boden und insistiert: „Herr, hilf mir!“ Aber die Antwort Jesu macht für uns die Sache nicht besser: „Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den kleinen Hunden vorzuwerfen.“ Hier sind die Kinder. Ihr seid die Hündchen.
Doch die Frau geht nicht etwa gekränkt weg. Im Gegenteil. Sie gibt ihm recht: „Ja, Herr! Aber selbst die kleinen Hunde essen von den Brotkrumen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.“
Mir sagte einmal jemand, Jesus lerne von der heidnischen Frau, die ihn aus der religiös-ethnischen Beschränktheit seiner Zeit herausführt, hinein in eine „universale Menschlichkeit“.
Aber die Sendung Jesu „zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel“ ist kein exklusivistischer oder rassistischer Irrweg. Sie gehört zur Heilsgeschichte. Jesus ist zuerst (Mk 7,27) zu den Kindern jenes Volkes gesandt, in dem Gott Mensch wird und der Weltenretter die Welt betritt.
Hier bereitet Gott den Weg, auf dem sein Heil nach Ostern und Pfingsten zu allen Völkern gelangt. Hier werden Juden und Heiden zum einen Gottesvolk gesammelt, in dem das „Haus des Gebetes für alle Völker“ steht (Jes 56,7, heutige Erste Lesung).
Jesus Christus ist nicht gekommen wie „Hänschen klein“, von dem es im Volkslied heißt, es „ging allein / in die weite Welt hinein“. Er verkündet auch nicht einfach „universale Menschlichkeit“. Sondern er gründet, beginnend mit Israel, ein Reich aus Beziehungen, in dem seine Gegenwart, sein Wort und seine Wirksamkeit von einem zum anderen in alle Welt geht.
Durch ihren Glauben, in dem sie Jesus als „Herr“ und „Sohn Davids“ anruft, nimmt die Kanaanäerin das Kommende und Verheißene voraus, dessen Stunde noch nicht gekommen ist. Sie ist nicht die Lehrerin Jesu, sondern die Auslegerin seines Wortes. Augustinus sieht in ihr eine figura Ecclesiae, ein Vorausbild der Kirche aus den Völkern.
Mir scheint, damit verändert sich auch die Lesart des zunächst verächtlich klingenden Bildes von den Brotkrumen. Die Krümel sind gar nicht bloß Rest und Abfall. Sie sind der unscheinbare Einfall einer neuen Wirklichkeit in die alte Welt. Gottes Größtes beginnt mit dem Kleinsten: als Senfkorn und Sauerteig, als Kind in der Krippe und als „Brot vom Himmel“. Wir leben vom Allergrößten, das im Allerkleinsten zu uns kommt. Wir leben von den Krümeln, die vom Festmahl erzählen. Wir gehören schon zum Tisch, an dem wir einmal sitzen werden.
Fra‘ Georg Lengerke
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