BDZ vom 9. August 2026
In der Höhle ergeht das Wort des Herrn an Elija: „Komm heraus und stell dich auf den Berg vor den Herrn!“ (1 Kön 19,11b) „Was willst du hier?“ fragt die Gottestimme den Propheten Elija auf dem Horeb. In wenigen Worten gibt Elija Rechenschaft: über sein leidenschaftliches Eintreten für Gott, über seine Verfolgung und Flucht, die ihn, zu Tode erschöpft, schließlich bis zum Horeb führt, wo er sich in einer Höhle...
In der Höhle ergeht das Wort des Herrn an Elija: „Komm heraus und stell dich auf den Berg vor den Herrn!“ (1 Kön 19,11b)
„Was willst du hier?“ fragt die Gottestimme den Propheten Elija auf dem Horeb. In wenigen Worten gibt Elija Rechenschaft: über sein leidenschaftliches Eintreten für Gott, über seine Verfolgung und Flucht, die ihn, zu Tode erschöpft, schließlich bis zum Horeb führt, wo er sich in einer Höhle verbirgt.
„Komm heraus und stell dich auf den Berg vor den Herrn“, hört er die Stimme Gottes noch einmal. Doch schon bevor Elija vor die Höhle tritt, heißt es: Gott zieht an ihm vorüber. Es kommt ein gewaltiger Sturm auf, die Erde bebt und es brennt. In der Bibel sind Gottesbegegnungen oft von gewaltigen Naturereignissen begleitet, die die Macht Gottes bezeugen.
Aber hier auf dem Horeb kommt es anders. Jedes Mal heißt es: „Gott war nicht im Sturm […] nicht im Erdbeben […] nicht im Feuer.“ Die einstmals gefüllten Zeichen sind hier leer. Es stürmt, es bebt, es brennt. Aber Gott zeigt sich nicht. Die Vorstellung einer gewaltigen, mit einem Mal alles verwandelnden Gotteserfahrung bleibt auf dem Horeb unerfüllt.
Stattdessen geschieht etwas, das die Einheitsübersetzung etwas verharmlosend „ein sanftes, leises Säuseln“ nennt. Das ist keine milde Beruhigung nach dem Donnerwetter. Der hebräische Ausdruck qol demamah daqqah spricht dagegen scheinbar widersprüchlich von einer Stimme dünnen Schweigens.
Elija muss diese stille Stimme hörend geahnt oder ahnend gehört haben. „Komm heraus und stell dich…“, erinnert er sich. Jetzt erst verhüllt er sein Gesicht in Ehrfurcht und Scheu, tritt vor die Höhle und stellt sich der mächtigen, schöpferischen, schweigend-vernehmlichen Gegenwart Gottes.
Vor geistlichen Auszeiten gestehen mir manchmal Menschen, dass sie Angst vor der Stille haben und vor dem, was schweigend in ihnen oder an sie vernehmbar werden mag. Und auch ich kenne die Scheu, mich dem zu stellen, und die Vermeidungsmuster, mit denen ich scheinbar Wichtigerem nachgehe.
„Komm heraus und stell dich […] vor den Herrn“, höre ich mit dem Propheten Elija. Das ist ein Ruf ins Gebet, ins Vertrauen und in die Nachfolge. Täglich soll ich heraustreten aus der Höhle meiner Fluchten und Erschöpfungen, meiner Kränkungen und Träumereien davon, wie alles anders besser wäre. Täglich soll ich mir und Gott Rechenschaft geben, worum es mir ging und fortan gehen soll. Täglich soll ich mich zurücksenden lassen in das wirkliche Leben. Nicht nur als wirkmächtig Tätiger, sondern zuvor als hellwacher Hörer der „Stimme verschwebenden Schweigens“ (Übers. Martin Buber).
Auf dem Horeb lernt ausgerechnet der gewaltige Elija Gott neu kennen. Und zwar als zarte, sich schweigend mitteilende Gegenwart dessen, der die Liebe ist. Zu ihr kann er aus seiner Höhle heraustreten. Und von ihr lässt er sich zurückschicken – in die Wüste, nach Damaskus, in das wirkliche Leben. Wo wir diese Gegenwart annehmen und anbeten, da hat unser Gebet schon begonnen, da lebt und liebt es sich anders – dieses wirkliche Leben.
Fra‘ Georg Lengerke
Link zum Beitrag