BDZ vom 22. März 2026
„Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.“ (Joh 11,21.32) Am Montagabend habe ich den gerade Oscar-prämierten Film Hamnet von Chloé Zhao gesehen. Er erzählt die frühe Geschichte der Ehe von William Shakespeare und Anne Hathaway (die im Film Agnes heißt). Während Shakespeare seine Karriere als Bühnenschriftsteller in London beginnt, stirbt zuhause in Stratford upon Avon der achtjährige Sohn Hamnet an der Pest. Agnes und William trauern...
„Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.“ (Joh 11,21.32)
Am Montagabend habe ich den gerade Oscar-prämierten Film Hamnet von Chloé Zhao gesehen. Er erzählt die frühe Geschichte der Ehe von William Shakespeare und Anne Hathaway (die im Film Agnes heißt). Während Shakespeare seine Karriere als Bühnenschriftsteller in London beginnt, stirbt zuhause in Stratford upon Avon der achtjährige Sohn Hamnet an der Pest. Agnes und William trauern beide verzweifelt und dennoch auf ganz verschiedene Weise, was sie einander mehr und mehr entfremdet. Dabei erhebt die verzweifelte Agnes immer wieder den Vorwurf gegen William, er sei nicht da gewesen und habe sie hilflos im Stich gelassen, als Hamnet in Agonie gestorben sei.
Auch Jesus ist nicht da, als sein Freund Lazarus stirbt. Als er Tage später eintrifft, halten ihm die Schwestern des Verstorbenen das unabhängig voneinander jeweils als erstes vor: „Wärest du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben“.
Es gibt Menschen, die in ihrer verzweifelten Trauer um einen lieben Menschen Ähnliches empfinden – oder vielleicht sogar so beten zu einem scheinbar abwesenden Gott: Wärest du da gewesen… Wo warst du denn, als er starb…? Wo, als wir weinten und klagten oder irgendwann verstummten in unserer Not? Und wo bist du jetzt…?
„Wärest du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben“. Das hört sich wie ein Vorwurf an. Zumal erzählt wird, dass Jesus nach der Nachricht der Erkrankung des Lazarus noch zwei Tage wartet und erst aufbricht, als sein Tod Gewissheit ist.
Aber Jesus ist gegenüber dem Tod des Freundes nicht gleichgültig: Er „liebte Marta, ihre Schwester und Lazarus“, heißt es ausdrücklich. Angesichts der Trauernden ist er „im Innersten erregt und erschüttert“. Und als man ihm das Grab zeigt, weint er.
Der Tod des Lazarus ist für Jesus kein reversibles Schläfchen. Er selbst wird ja am eigenen Leib den Tod des Lazarus und auch die schlimmsten Tode aller Menschen mitsterben, damit der Tod für sie zum Tor ins Leben wird.
Jesus lässt zu, dass Lazarus stirbt, um ihn mit göttlicher Vollmacht aus dem Tod ins Leben zu rufen. Aber wozu? Irgendwann wird Lazarus einmal endgültig sterben. Seine Auferweckung ist nicht die Lösung. Sie ist ein „Zeichen“ – also eine sichtbare und leiblich erfahrene Darstellung einer unsichtbaren Wirklichkeit. Indem Jesus den Lazarus aus dem Grab ruft, wird uns gesagt, dass er der sei, der den Menschen aus dem Tod herausruft in ein neues Leben. Und dieses Leben ist nicht mehr von Schuld entstellt oder der Vergänglichkeit unterworfen und der Tod kann es nicht töten.
In dem Film geschieht Ähnliches. Als Agnes im Globe Theater den „Hamlet“ sieht, erkennt sie, dass William sich nicht entzogen hatte. Er hatte vielmehr die Geschichte seiner Trauer, die Geschichte der Liebe des Vaters zu seinem Sohn aufgeschrieben, die sich nun auf der Bühne vor ihren Augen ereignet und ihre Perspektive weitet.
Und ihr ist, als ob ihr Sohn in der Gestalt des Hamlet noch einmal aufersteht, als der tapfere Kämpfer mit dem Degen, der er sein wollte. Hamlet stirbt. Und während Agnes, dank Williams, noch einmal auf neue Weise mit ihm Abschied nimmt von ihrem Sohn, sieht sie ihn nach hinten von der Bühne gehen – in einen Raum, in ein Leben, in das sie ihm einmal folgen wird.
Fra‘ Georg Lengerke
Link zum Beitrag