BDZ vom 20. September 2026
Als der Gutsbesitzer um die elfte Stunde noch einmal hinausging, traf er wieder einige, die dort standen. Er sagte zu ihnen: Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig? Sie antworteten: Niemand hat uns angeworben. Da sagte er zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! (Mt 20,6-7)
Mir begegnen viele Ängste. Die größte scheint mir derzeit die zu sein, nicht mehr gebraucht und abgeschafft zu werden. Kaum einer, der…
Als der Gutsbesitzer um die elfte Stunde noch einmal hinausging, traf er wieder einige, die dort standen. Er sagte zu ihnen: Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig? Sie antworteten: Niemand hat uns angeworben. Da sagte er zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! (Mt 20,6-7)
Mir begegnen viele Ängste. Die größte scheint mir derzeit die zu sein, nicht mehr gebraucht und abgeschafft zu werden. Kaum einer, der sich nicht fragt, ob oder inwieweit die Maschine seine Arbeit günstiger, schneller und verlässlicher erledigen kann.
Im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg findet dessen Besitzer noch eine Stunde vor Feierabend übriggebliebene Tagelöhner auf dem Marktplatz stehen. „Niemand hat uns angeworben“, antworten sie ihm auf seine Frage nach ihrer Untätigkeit.
Das ist mehr als bloß wirtschaftliche Not: Niemand hat uns gesucht und gefunden, niemand hat um uns geworben oder auch nur nach uns gefragt. Und wozu sind wir da, wenn keiner nach uns fragt?
„Geht auch ihr in meinen Weinberg“, sagt ihnen der Besitzer. Auch wenn nur noch eine Stunde zu arbeiten ist. Er braucht sie kaum noch. Aber er will sie unbedingt. Bei der Abrechnung kommt es zum Eklat. Die Letzten bekommen für eine Stunde genauso viel wie mit den Ersten für einen Tag verabredet wurde: einen Denar. Wäre der eine Denar nur Lohn für geleistete Arbeit, wäre das eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Aber er ist mehr als das.
Weinberg und Ernte gehören zu den großen Bildern Jesu für Gottes Werk an den Menschen. Ernte ist Einholen dessen, was Gott hat wachsen lassen in Feld, Weinberg und Wald. Aber sie ist auch das Sammeln und Einholen der Menschen in die verlorene und wiedergefundene Freiheit der Liebe Gottes. Sie ist ein Fest. So wie die Obsternte im Herbst. Ein Fest der Heimkehr, des Wiedersehens, der Dankbarkeit für das Leben. Die Ernte ist schließlich ein Geschehen, bei dem Dabeisein wirklich alles und bei dem mitwirken zu dürfen schon der Lohn ist.
Was im Weinberg geschah, geschieht auch im Leben der Menschen bis heute. Wenn angesichts der Güte Gottes „das Auge böse“ und der Mensch misstrauisch und neidisch wird, dann wird aus dem Geschenk des Lebens eine Rechnung. Aus dem Willkommen der Ernte wird eine Bilanz. Aus der Erntefreude wird das mühselige Ertragen von „Last und Hitze“. Und aus dem Versprechen des Tageslohns wird der Anspruch auf einen Stundenlohn.
Das ist ein Gleichnis für das Himmelreich, sagt Jesus: Gott sucht und findet Menschen, damit sie mit ihm tun, was keine Maschine vermag: im irdischen Alltag Erntehelfer seiner Liebe für den Himmel zu sein.
Zu denen gehört, wer aus jeder mühseligen Erledigung des Tages einen Liebesdienst macht. Wer, statt sich über „Last und Hitze“ zu bekümmern, sich am Wachstum der Menschen freut, die Gott an sich zieht. Und wer, statt mit Lohn zu rechnen, sich am Denar seiner spät hinzugekommenen Nächsten freut – weil der ihr Auskommen und das Zeichen unserer gleichen Würde ist.
Fra‘ Georg Lengerke
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