BDZ vom 31. Oktober 2026
Die Morgenandacht im Deutschlandfunk vom 31. Oktober 2026 kann angehört werden unter: https://www.deutschlandfunk.de/zum-reformationstag-100.html
Am 31. Oktober 1517 schickte der Augustinermönch Martin Luther Briefe an mehrere Bischöfe. Darin formulierte er 95 theologische Thesen zur kirchlichen Praxis der Sündenvergebung und Buße. Luther wollte damit eine akademische Diskussion anstoßen. Doch bei der blieb es nicht. In die Geschichte ist der 31. Oktober als Beginn der Reformation eingegangen. Von evangelischen Christen wird er als…
Die Morgenandacht im Deutschlandfunk vom 31. Oktober 2026 kann angehört werden unter: https://www.deutschlandfunk.de/zum-reformationstag-100.html
Am 31. Oktober 1517 schickte der Augustinermönch Martin Luther Briefe an mehrere Bischöfe. Darin formulierte er 95 theologische Thesen zur kirchlichen Praxis der Sündenvergebung und Buße. Luther wollte damit eine akademische Diskussion anstoßen. Doch bei der blieb es nicht. In die Geschichte ist der 31. Oktober als Beginn der Reformation eingegangen. Von evangelischen Christen wird er als Reformationstag gefeiert.
Dieser Tag erinnert mich an eine Frage, die nicht bloß ein Thema im Gespräch zwischen Evangelischen und Katholischen ist. Sie steht immer dann im Raum, wenn Menschen auf irgendeine Weise nach Himmel und Erde, nach Gott und der Welt fragen.
Wie hängen Spiritualität und Weltverbundenheit zusammen? Was hat meine Beziehung zu jener höheren Macht, die die Christen Gott nennen, mit meiner Beziehung zu meinen Nächsten zu tun – zur Natur und zur Welt insgesamt?
Das Bild, das mir dabei hilft, ist das Kreuz. Es ist das allen Christen gemeinsame Zeichen. Es erinnert an Jesus Christus. Von ihm sagen die Christen: In ihm kommt Gott selbst zu den Menschen. Das Kreuz zeigt Jesus am Ort der größten Bosheit, den er zu einem Ort des Erbarmens macht. Es erzählt von einer Liebe, die auch im Hass, im Leid und im Tod noch Liebe bleibt. Sie rettet den von Gott getrennten und doch geliebten Menschen aus der Trennung von Gott ins Leben mit ihm.
Die beiden Balken des Kreuzes erinnern mich zugleich an diese beiden Beziehungen, um die es heute geht:
Der senkrechte Balken erinnert mich an meine Beziehung zu Gott. An die Verbindung zwischen der Welt als unserem Lebensraum und dem Raum Gottes, den wir nur ahnen aber nicht besitzen können und den die Bibel bildlich „Himmel“ nennt. Von oben kommt das Licht, von unten wächst das Leben. Von oben kommt Gott zum Menschen, von unten fragt und sehnt sich der Mensch nach Gott.
Der waagerechte Balken lässt mich an mein Verhältnis zu meinen Mitmenschen und zur Welt um mich denken, an meine irdischen Erfahrungen und gegangenen Wege. Er erinnert mich an die ausgebreiteten Arme meiner Eltern, in die ich als Kind gelaufen bin; und an die Hände, mit denen wir geben, von denen wir empfangen und die wir uns reichen.
Wie die Balken des Kreuzes gehören auch die beiden Beziehungen nach oben und zur Seite zusammen. Die Beziehung zu Gott konkretisiert sich in den Beziehungen zu Menschen. Gott hat mich erschaffen, indem zwei Menschen mich gezeugt haben. Ich habe die Liebe Gottes zunächst in der Liebe von Menschen erfahren. Später habe ich sie in ihrem Zeugnis auch als Liebe Gottes erkannt.
Ja, Gott selbst, sagt die Bibel, kommt als Mensch in unsere Welt. Er fällt nicht vom Himmel, sondern er wird „geboren von einer Frau“ (Gal 4,4). Gottes Wort wird im Menschenwort hörbar, und sein Wirken wird in heiligen Zeichen anschaulich. Gottes Wort erzählt mir von der unbedingten Würde des Menschen vor jedem Verdienst und trotz aller Schuld.
Wenn ich in der Mitte dieses Kreuzes aus vertikaler und horizontaler Beziehung bin, dann bin ich ganz beim Menschen und ganz bei Gott. Und das Ringen der Konfessionen hilft mir, in der Mitte zu bleiben.
Die evangelische Tradition erinnert mich daran, über das menschliche Werk die göttliche Gnade nicht zu vergessen und über die sichtbaren Zeichen nicht den Unsichtbaren, der in diesen Zeichen wirkt.
Die katholische Tradition sagt mir, dass auch die irdischen Weisen und Wege heilig sind, auf denen Gott zu mir kommt, und dass Gottes Liebe Mitliebende sucht, damit sie nicht theoretisch bleibt, sondern praktisch wird und wir uns an ihr freuen können.
Wie gut, wenn das, was als akademische Diskussion beginnt, am Ende dazu führt, dass Menschen zu jener Mitte finden, an der Gott zum Menschen und der Mensch zu Gott kommt.
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