Bei Dir zuhause bleiben Joh 1,35-42

„Wo bleibst Du?“ frage ich einen, der säumig ist, obwohl es Zeit ist zu gehen.

„Wo bleibst Du?“ frage ich den, der übrigbleibt, weil an ihn nicht gedacht wurde.

Wo bleibst Du?“, fragen die beiden Männer Jesus wörtlich übersetzt im heutigen Evangelium (Joh 1,38).

Uns wird derzeit oft gesagt, wir sollten zuhause bleiben. Aber wo ist eigentlich mein Zuhause? Zuhause ist, wo ich bleiben kann. Aber vielen fällt das Bleiben schwer. Denn unser Zuhause ist nicht nur unsere Bleibe. Es ist auch der Ort, von wo ich aufbreche und zu dem ich heimkomme.

„Wo bleibst Du?“, fragen die Jünger. Das ist keine Frage an den Nachzügler und keine Frage an den Übriggeblieben. „Wir suchen Dich“, wollen sie sagen, „wo lässt Du Dich finden? Wo können wir bei Dir sein?“

„Kommt und seht!“, antwortet Jesus den beiden. Und der Evangelist sagt, sie gingen, sie sahen und sie blieben.

Das ist nicht nur ein Tages- sondern ein Lebensprogramm: zu und mit Jesus gehen (weil er der Weg ist), Jesus und mit ihm die Wirklichkeit sehen (weil er die Wahrheitist), bei Jesus und mit Jesus bleiben(weil er das Leben ist, Joh 14,6).

Heute kommt es auf das Bleiben an. Darauf, dass ich bei ihm bleibe. Auch wenn mir zuhause die Decke auf den Kopf fällt. Darauf, dass ich auf ihn höre wie Samuel in der Nacht. Darauf, dass ich mit ihm verbunden bleibe, im Leib und im Geist, im Ruhen und Tun. Heute kommt es darauf an, dass ich zuhause bei ihm bleibe, damit ich bei ihm zuhause bleibe, auch wenn ich wieder aufbreche und weitergehe.

„Bleiben Sie zuhause“, wird mir gesagt. So mag das gehen: indem ich zuhause bei Ihm und bei Ihm zuhause bleibe – daheim und wohin immer Er mit mir geht.

Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie

Uns steht das Wasser bis zum Hals Mk 1, 7–11

Von einem Menschen, dessen Not an den Rand des Lebbaren geht, sagt man: „Ihm steht das Wasser bis zum Hals.“ Mehr darf nicht kommen – oder er ertrinkt.

Viele, die heute um ihr wirtschaftliches oder familiäres, körperliches oder psychisches Überleben kämpfen, könnten das sagen: „Mir steht das Wasser bis zum Hals!“ (vgl. Ps 69,2)

Auf alten Darstellungen der Taufe Jesu ist es Jesus, dem das Wasser bis zum Hals steht. Der Jordan wird hier zum Bild des Todes, auf dessen Grund die verblassten Gestalten der Verstorbenen anwesen.

„Hatte Jesus es nötig, sich von Johannes als Zeichen der Umkehr taufen zu lassen?“ könnten wir fragen. Und Augustinus fragt zurück: „Hatte der Herr nötig, geboren zu werden? Hatte der Herr nötig, gekreuzigt zu werden? Hatte der Herr nötig, zu sterben?“

Nicht er hatte es nötig, sondern wir. Jesus reiht sich ein in die Schlange der Menschen, denen das Wasser bis zum Hals steht. Die zum Jordan kommen, weil sie spüren, dass es so nicht mehr weiter gehen kann.

Er geht ihren Weg mit – bis ganz nach unten. Nicht zufällig wird der Ort der Taufe Jesu am tiefsten Punkt der Erdoberfläche verehrt: nahe der Jordan-Mündung am Toten Meer (428 m unter Meeresspiegel).

Weihnachten endet liturgisch an der tiefsten Stelle der Welt. Gerade dort offenbaren der Vater und der Geist Jesus als den geliebte Sohn und authentischen Offenbarer Gottes. Aus der Umkehrtaufe des Johannes wird unsere Eintauchung in die Teilhabe am Leben Jesu.

In Ihm kommt Gott an unsere tiefste Stelle, an der uns das Wasser bis zum Hals steht. Und wir dürfen ihm glauben, dass er mit uns durchs Wasser ins neue Leben geht und dass wir jetzt schon geliebte Töchter und Söhne im Sohn sind.

Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie

Walk in the Dark (Epiphanie) Jes 60,1–6

Über Weihnachten war mein 9jähriger Neffe Sylvester mit Eltern und Geschwistern im Libanon, um das Fest mit schwerstbehinderten Freunden aus einem dortigen Heim zu feiern.

Nach der Rückkehr fällt ihm vor dem Schlafengehen eines der dortigen Lieder ein: „Walk in the Light“. Doch irgendwie wollte der Refrain nicht zu der familiären Verwerfung und dem Schmerz seines gleichaltrigen Schützlings Youssef passen. Er fragte: „Müssten wir nicht eigentlich singen: ‚Walk in the Dark and bring the Light‘?“

Beim Propheten Jesaja lesen wir heute von beidem: davon, dass Menschen im Licht gehen, das ihnen von Gott aufgeht, und davon, dass sie und die Völker, die zu ihnen kommen, selbst licht und hell werden: „Werde licht, Jerusalem, denn es kommt dein Licht und die Herrlichkeit des Herrn geht strahlend auf über dir.“ (Jes 60,1)

Für die ersten Christen begann sich diese Prophetie zu erfüllen, als die Weisen aus dem Morgenland das Kind in der Krippe finden (Mt 2,11). Mit ihnen kommen die Völker aus der Dunkelheit zu Gottes Licht, um so selbst licht und hell zu werden für das Dunkel, aus dem sie kommen.

Wie dem natürlichen Licht, so können wir uns auch dem Licht, das Christus ist, entziehen. Nur wer sich Ihm stellt, wird sich selbst und seinen Nächsten in Seinem Lichte sehen. Dann wird beides wahr: Wir werden licht, wo wir in Seinem Lichte gehen.

So wie der Raum im All schwarz aussieht, obwohl die Sonne scheint. Hell wird es erst, wo ihre Strahlen auf etwas fallen, das dem Licht ausgesetzt ist.

Lieber Sylvester,
heute bete ich,
dass Du ein Ritter des Lichtes Christi wirst
und dort, wo es dunkel ist,
in Seinem Lichte gehst.
Dann wirst Du Licht zu Youssef
und all denen bringen,
die im Dunkeln sind.

Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie

Wo die Weisheit wohnt Sir 24, 1–2.8–12

Weisheit ist eine „Dreh- und Angel-Eigenschaft“ für ein gutes Leben. Deshalb wird sie unter die „Kardinaltugenden“ (von lat. cardo– Türangel) gezählt. Sie bezeichnet die Fähigkeit, zu erkennen, was etwas ist und bedeutet, zu unterscheiden, worauf es ankommt, und zu handeln, wie es dieser Erkenntnis und Unterscheidung entspricht.

In der Weisheitsliteratur des Alten Testaments jedoch ist die Weisheit nicht bloß eine Fähigkeit, die der Mensch erwerben soll. Sie wird vielmehr als eine Person beschrieben, die von Gott kommt und dem Menschen begegnen, von ihm aufgenommen werden und bei ihm wohnen will.

Die Weisheit Gottes (so heißt es in den ausgelassenen Versen der Lesung aus Jesus Sirach 24,3-7) will zu allen Völkern kommen. Doch in Jerusalem kommt sie zur Ruhe, wird mächtig und schlägt Wurzeln.

Für die ersten Christen gehören Weisheit und Offenbarung zusammen (Eph 1,17). Für sie ist Weisheit keine autonome Erkenntnisfähigkeit. Sie wird vielmehr offenbart und kommt auf den Menschen von außen zu. Nicht nur geistig, theoretisch oder abstrakt. Sondern leiblich, praktisch und konkret – als eine Person.

Paulus betet für die Epheser um den „Geist der Weisheit und der Offenbarung“. Wozu? Damit wir die Hoffnung, den Reichtum und die Macht erkennen, die von Jesus Christus kommen, der die offenbarte Weisheit Gottes für die Menschen ist (1 Kor 1,24).

Du Weisheit Gottes,
weise ist,
wer mit Dir Umgang hat,
wer nach Dir fragt,
wer zu schweigen und auf Dich zu hören weiß,
wer mit Dir und von Dir reden lernt,
wer sein Leben von Dir
bewohnen und bewegen,
erhellen und ermächtigen lässt.
„Ich steh‘ an Deiner Krippe hier…“
Amen.

Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie

Anfängerin der Welt (Weihnachten IV) Lk 2,16-21

Heute morgen sind wir alle Anfänger. Zumindest was dieses Jahr angeht. Aber was werden wir anfangen mit diesem Jahr? An den Jahresbeginn stellt die Kirche Maria, die Anfängerin der Welt.

Keiner von uns hat sich selbst angefangen. Wir alle sind angefangen worden. Auch Maria wurde angefangen. Und von da an hat sie sich anfangen lassen. Auf der Kirchentreppe meiner Kaplanspfarrei saß mal ein trauriges Kind. Auf meine Frage, was denn sei, sagte es: „Niemand hat mich angefangen!“ Der Mensch wird lebendig, wenn jemand mit ihm spielt. Gott fängt uns an. Und er weiß mit uns etwas anzufangen. Jeden Tag. Wir brauchen uns nur von ihm anfangen zu lassen.

Maria hat angefangen. Aber wer an‑fängt, was fängt der eigentlich? Wer anfängt, der fängt, was beginnen soll oder will. Maria hat an‑gefangen, indem sie emp‑fangen hat. Ich bitte Gott heute nicht nur, dass Er mich vor dem Bösen bewahrt. Ich bitte ihn, dass ich die Dinge so empfange und anfange, wie er es will – das Gute und das Übel, das Schwere und das Leichte, das Frohe und das Traurige.

Das können wir, weil Maria uns Menschen den göttlichen Anfang geschenkt hat. Das Tagesgebet sagt, Maria habe uns den „auctor vitae“, den „Urheber des Lebens“ geboren. Durch sie kommt der Neuanfang unseres Lebens als ein Mensch zu uns.

Von den Hirten heißt es, sie hätten mit Maria und Josef auch das Kind in der Krippe gefunden, von dem ihnen erzählt worden war. Christsein heißt, dieses Menschenkind suchen und finden und mit ihm leben.

Wo wir das tun, da fängt Er uns an, da weiß Er mit uns etwas anzufangen, da emp-fangen wir von Ihm, was wir mit Ihm an‑fangen können – auch dieses neue Jahr und was es bringen mag.

Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie