BDZ vom 15. März 2026
„Um zu richten, bin ich in diese Welt gekommen: damit die nicht Sehenden sehen und die Sehenden blind werden.“ (Joh 4,14) Für die Freude dieses Sonntags (Laetare) blieb dem blind geborenen Mann nicht viel Zeit. Das Evangelium erzählt, wie Jesus ihn heilt. Gleich darauf wird er zum Zankapfel zwischen denen, die ihm seine Geschichte glauben, und jenen, die sie ihm nicht glauben. Da er offensichtlich sehend ist, zweifeln sie erst...
„Um zu richten, bin ich in diese Welt gekommen: damit die nicht Sehenden sehen und die Sehenden blind werden.“ (Joh 4,14)
Für die Freude dieses Sonntags (Laetare) blieb dem blind geborenen Mann nicht viel Zeit. Das Evangelium erzählt, wie Jesus ihn heilt. Gleich darauf wird er zum Zankapfel zwischen denen, die ihm seine Geschichte glauben, und jenen, die sie ihm nicht glauben. Da er offensichtlich sehend ist, zweifeln sie erst an seiner Identität, dann an seiner Blindheit, schließlich an seiner Integrität.
Was an dieser Auseinandersetzung auffällt, ist die Nüchternheit, mit der der blindgeboren Geheilte seine Geschichte erzählt: „Er legte mir einen Teig auf die Augen und ich wusch mich und jetzt sehe ich.“ Zweimal. Wortgleich. Das war’s. Was er über Jesus zu sagen habe, wird er gefragt: „Er ist ein Prophet.“ Mehr nicht.
Hier ist einer, der eine Erfahrung gemacht hat, und da sind Leute, die diese nicht glauben. Und es sind die Zweifler, die spekulieren: „Wir wissen, dass dieser Mensch ein Sünder ist“, sagen die Pharisäer, worauf der Mann erwidert: „Ob er ein Sünder ist, weiß ich nicht. Nur das eine weiß ich, dass ich blind war und jetzt sehe.“
Als sie ihn wieder fragen: „Wie hat er deine Augen geöffnet?“, wird der Mann ungeduldig und konfrontiert sie: „Ich habe es euch bereits gesagt, aber ihr habt nicht gehört.“ Erst jetzt, als die Zweifler sich daraufhin empören, schließt der Geheilte von der Heilung auf den Heiler: „Wenn dieser nicht von Gott wäre, hätte er bestimmt nichts ausrichten können.“
Aber es kommt schon längst nicht mehr darauf an, was der Blindgeborene sagt, sondern wer er angeblich ist. Und so folgt kein Argument mehr, sondern eine Verwerfung: „Du bist ganz und gar in Sünden geboren und du willst uns belehren?“ Und sie stießen ihn hinaus.
Am Ende dieser Szene sagt Jesus: „Um zu richten, bin ich in diese Welt gekommen: damit die nicht Sehenden sehen und die Sehenden blind werden.“ Das ist nicht nur ein Ausblick, sondern auch eine Beschreibung des gerade Geschehenen: Der Blinde wurde sehend. Nicht nur mit den Augen, sondern auch in der Erkenntnis dessen, wer Jesus ist und was er sagt und tut. Mit dem Augenlicht wurde ihm eine nüchterne Wahrheitsliebe geschenkt.
Die Sehenden jedoch wurden blind – in ihrer Verunsicherung und ihrem Argwohn, ihrem falschen Eifer, der böse wird, sich zum Hass gegen die Wahrheit auswächst und in ihnen mächtig wird.
Und das sollte mir zu denken geben. Denn darunter waren ja auch fromme und gottesfürchtige, gebildete und rechtschaffene Leute. Was war passiert? Irgendwann haben sie aufgehört, nach Gott zu fragen, weil das Bescheidwissen über Gott an Gottes Stelle trat. Irgendwann war klar, „dass nicht sein kann, was nicht sein darf“, weil ihre eigene die Gerechtigkeit Gottes abgelöst hatte. Irgendwann wurden Gefühle wichtiger als Tatsachen und Identitäten wichtiger als Argumente.
„Sind auch wir blind?“, fragen einige Pharisäer, die ihn hörten. Das ist eine gute Frage, denke ich mir – und bitte, dass Gott uns wie den Blinden sieht und sehend macht.
Fra‘ Georg Lengerke
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