BDZ vom 6. Juni 2026
Der HERR „kommt so sicher wie das Morgenrot. […] Eure Liebe ist wie eine Wolke am Morgen und wie der Tau, der bald vergeht.“ (Hos 6,3.4) Morgens – so kommt es mir vor – bin ich ein besserer Mensch. Nicht nur, weil ich ausgeruht bin. Sondern auch, weil ich einen klareren Blick für das Fällige, das Mögliche und das Gute dieses Tages habe. Morgens ist mir zum Beispiel klar, dass...
Der HERR „kommt so sicher wie das Morgenrot. […] Eure Liebe ist wie eine Wolke am Morgen und wie der Tau, der bald vergeht.“ (Hos 6,3.4)
Morgens – so kommt es mir vor – bin ich ein besserer Mensch. Nicht nur, weil ich ausgeruht bin. Sondern auch, weil ich einen klareren Blick für das Fällige, das Mögliche und das Gute dieses Tages habe. Morgens ist mir zum Beispiel klar, dass ich abends nur die Hälfte essen, das zweite Glas freundlich ablehnen und früh schlafen gehen sollte.
Mittags hat sich diese Einsicht schon etwas eingetrübt. Abends ist sie dann oft nur noch eine belächelte Erinnerung: Ich war morgens doch vielleicht ein bisschen zu streng. Die Freunde des Abends hast du lange nicht gesehen. Früher schlafen gehen kannst du auch morgen noch.
Wie mit der Erkenntnis des Guten kann es auch mit der Liebe zu Gott, dem schlechthin Guten, gehen: „Eure Liebe ist wie eine Wolke am Morgen und wie der Tau, der bald vergeht“, lässt der Prophet Hosea Gott sagen.
Morgen und Abend sind wichtige Übergangszeiten. Nicht nur in der Natur und im Biorhythmus des Menschen. Sondern auch im geistlichen Leben. In der Heiligen Schrift ist die Nacht die Zeit der Ruhe und Erholung, die Zeit der Träume und Visionen, die Zeit, in der Gott geheimnisvoll wirkt, was der Mensch nicht selber machen kann. Der Abend ist ein Gleichnis für den Lebensabend, der Schlaf „des Todes sanftes Bild“, wie es in einem alten Abendlied heißt. Der frühe Morgen ist Zeit der Auferstehung und die aufgehende Sonne eine Ikone des auferstandenen Christus. Deshalb hat das Volk Gottes seit Urzeiten mit den Bewegungen der Gestirne und im Rhythmus der Natur im Jahreskreis gebetet. Von Abraham, Isaak und Jakob bis zum Judentum und zur Kirche unserer Tage.
Der Prophet Hosea beklagt nun den Konflikt, der darin zutage tritt: Die Liebe Gottes ist wie das Morgenrot, wie die Sonne, die das Leben weckt, ermöglicht und hell macht. Eure Liebe jedoch ist wie der Tau: zart, frisch und glänzend – aber schon am Vormittag wieder verdampft. Ihr seid morgens begeistert und abends ernüchtert. Beim Aufstehen seid ihr entschieden und beim Mittagessen zwischen Ansprüchen zerrissen. Früh seid ihr gesammelt und wenig später zerstreut.
„Ihr Morgen ist nur so gut, wie der Abend davor“, sagte uns ein geistlicher Lehrer im Studium. Seitdem vermeide ich Abende, die mir morgens leidtun. „Am Abend soll wahr werden, was ich morgens erkannt und entschieden habe“, könnte ich ergänzen. Aber wie?
Zum Beispiel, indem ich nicht verzückt stehen bleibe beim Morgentau, der bald verdampft und mich traurig zurücklässt. Sondern indem ich mich freue an Gott, von dem Sonne und Licht erzählen. Der mir Tag für Tag die Welt zeigt. Mit dem ich morgens, mittags und abends eines Willens werden kann. Der mir die Morgenliebe schenkt, die bis zum Abend geht. Der in der Nacht treu bleibt und aus dem Todesdunkel rettet. Und der mir jeweils neu das Gute schenkt, das er mit mir vollbringen will.
Fra‘ Georg Lengerke
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