BDZ vom 13. September 2026
Du elender Knecht! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich angefleht hast. Hättest nicht auch du mit deinem Mitknecht Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte? (Mt 18,32b-33)
Bei den Franziskanerinnen von Sießen gibt es sonntags nach der Heiligen Messe einen schönen kleinen Brauch: Die Küsterin gibt dem Zelebranten ein Tellerchen mit Schokolade. Damit kann er dann den in der Sakristei versammelten Mitwirkenden eine…
Du elender Knecht! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich angefleht hast. Hättest nicht auch du mit deinem Mitknecht Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte? (Mt 18,32b-33)
Bei den Franziskanerinnen von Sießen gibt es sonntags nach der Heiligen Messe einen schönen kleinen Brauch: Die Küsterin gibt dem Zelebranten ein Tellerchen mit Schokolade. Damit kann er dann den in der Sakristei versammelten Mitwirkenden eine kleine Freude machen.
Das fand ich immer sehr lustig; vor allem aber hatte es für mich einen tiefen Sinn: Die Küsterin schenkt mir, anderen gut sein zu können. So ist Gott. Mit der Vergebung schenkt er das Vergebenkönnen. Davon handelt das Gleichnis vom unbarmherzigen Gläubiger.
Ein Mann in königlichen Diensten schuldet seinem König ein Vermögen, das nach heutigen Maßstäben mehrere Milliarden Euro wert ist. Als die Schuld fällig wird, fleht der Schuldner um Aufschub. Doch stattdessen bekommt er vom König die Schuld geschenkt.
Ich habe lange Zeit die Differenz zwischen den beiden übersehen: Der Mann hatte gar nicht um Erlass gebeten, sondern um mehr Zeit, um sich selbst gerecht machen zu können. Das war allerdings bei einem solchen Betrag ein schier unmögliches Vorhaben. Stattdessen bekommt er geschenkt, worum er gar nicht gebeten hatte.
Die Vergebung, die den König immerhin teuer zu stehen kam, hatte der Mann empfangen. Aber er hatte sie offenbar nicht innerlich angenommen, und damit auch nicht die Gabe, nun seinerseits wie der König vergeben zu können. Nun trifft er auf einen, der mit ihm gemeinsam im Dienst des Königs steht und ihm weit weniger schuldet als er zuvor dem König. Und den nagelt er auf seine Schuld fest und nimmt ihn in Schuldhaft.
Vergebung ist kein Kinderspiel. Aber wir lernen sie wie die Sache mit der franziskanischen Schokolade: Die Erfahrung, dass mir vergeben wird, was ich selbst nicht wiedergutmachen kann, befähigt mich, meinen Schuldigern zu vergeben, was sie nicht wiedergutmachen können.
Und zwar so oft und so lange, wie wir und sie das nötig haben – bis wir miteinander am Ziel sind.
Fra‘ Georg Lengerke
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