Warum so feige? Mk 4,35-41

Es gibt die „Ruhe vor dem Sturm“. Das ist das stille Knistern bevor ein Gewitter sich entlädt; der Moment, wo die Verhandlungen erfolglos waren und die Schlacht kurz bevorsteht; die Sekunde auf den Plätzen zwischen „fertig“ und „los“.

Und es gibt die „Ruhe nach dem Sturm“. Das ist der Morgen nach dem Fliegerangriff, an dem die Bomber verschwunden und die Bunker noch geschlossen sind; der Moment nach der Kollision, in dem noch keiner zur Hilfe gekommen ist; der Tag, nachdem der Brand gelöscht ist und die Aufräumarbeiten noch nicht begonnen haben.

Und es gibt die „Ruhe im Sturm“. Das ist der Schlaf Jesu in einem Boot, das zum Spielball der Wellen wird und zu sinken droht. Das Boot, sagen die Kirchenväter, ist die Kirche im Sturm. Und Jesus schläft, mitten im Sturm.

Aber auch die Jünger tun nichts. Sie schöpfen kein Wasser. Sie navigieren nicht. Sie sind vor allem empört. Sie wecken Jesus mit einer Frage, die zugleich ein ungeheurer Vorwurf ist: „Kümmert es Dich nicht, dass wir zugrunde gehen?“

Jesus erhebt sich, und als wäre der Sturm eine personale Macht gebietet er ihm: „Schweig, sei still!“ Und es tritt „völlige Stille“ ein, die „Ruhe nach dem Sturm“.

Jesus ist der Herr über den Sturm auf dem See Genesareth und über den Sturm um die und in der Kirche heute. Er hat es in der Hand, ob und wann der Sturm nachlässt.

Die vorwurfsvolle Frage der Jünger beantwortet Jesus seinerseits mit einer Frage: „Warum habt ihr solche Angst?“ Oder anders: Warum seid ihr so furchtsam? Warum seid ihr so feige?

Vielleicht ist der Sturm auch dazu da:
Dass wir von dem,
der „die Ruhe im Sturm“ ist
und der Herr des Sturmes,
lernen, was es heißt,
mutig zu werden
an seiner Seite –
mitten im Sturm.

Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie

Fleißig schlafen Mk 4,26–34

Ganz manchmal rauben mir Sorgen den Schlaf. Dann wache ich nachts um drei auf und schlafe nicht wieder ein, weil ich über Dinge grüble, die ich nicht ändern kann.

So ging es mir neulich vor einer Tagung in Rom. Die handelte von der Erneuerung meiner Gemeinschaft. Vorher hatte ich einem Verantwortlichen geschrieben, was ich auf diesem Weg für entscheidend wichtig halte, wenn wir den Wagen nicht an die Wand fahren wollen. Ich habe keine Antwort bekommen.

Irgendwo zwischen Wachen und Schlafen träumt mir, dass ich mein Papier dem Adressaten in die Hand gebe, wir uns anschauen und zwischen uns eine Tür zugeht. Danach habe ich tief und fest geschlafen.

Der Sämann aus dem Evangelium bereitet den Boden. Er müht sich um gute Saat. Er wählt einen Tag mit günstigem Wetter. Dann sät er. Er übergibt was er kann und hat der Unverfügbarkeit der Erde und der Nacht, damit es keimt und wächst. Ihm bleibt nichts mehr zu tun als zu vertrauen und zu hoffen – und schlafen zu gehen.

Das Entscheidende, sagt das Gleichnis, geschieht während wir schlafen.

Solches Vertrauen und solche Hoffnung schließt die Möglichkeit ein, dass das Papier ungelesen, die Saat unfruchtbar bleibt und der Wagen an die Wand fährt. Dann ist es so. Und ich konnte es nicht verhindern. Aber der, der sogar die Saat wachsen machen kann, wird auch aus unseren Katastrophen etwas zu machen wissen.

Wenn Ihr nicht schlafen könnt, dann versucht das mal: Gebt das, was Ihr gekonnt und getan habt, dorthin, wohin es gehört – in die Hände dessen, der jetzt dran ist, oder in den Boden, in dem ein Anderer wachsen lässt. Dann schließt die Tür oder deckt die Saat mit Erde.

Und wisst: Für jetzt bleibt nichts mehr zu tun als „fleißig“ zu schlafen. Gott und die Seinen sind am Zug.

Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie

Am “toten Punkt” Mk 3,20-35

Der schlimmste Vorwurf gegen Jesus lautet: Er gehöre selbst zu den bösen Mächten, die er bekämpft.

Seine Antwort: Egal, ob es sich um ein Reich, eine Familie, eine Person oder den Satan selbst handelt – was „gegen sich selbst entzweit“ ist, wird nicht bestehen, es ist erledigt.

Die Kirche scheine „an einem gewissen ‚toten Punkt‘“ angekommen, schrieb Kardinal Marx letzte Woche.

Vielleicht hat das Ankommen an einem „toten Punkt“ auch mit ihrem „Entzweitsein gegen sich selbst“ zu tun:

Mit dem „Entzweitsein“ zwischen dem, was sie vor den Menschen scheinen, und dem, was sie von Gott her nur ungern und geniert sein will.

Mit dem Entzweitsein von Christen, Priestern und Bischöfen in Teilzeit und mit Vorbehalt eines „privaten“ Zweitlebens.

Mit dem Entzweitsein einer Atomisierung der Menschen. Die hätte geistgewirkte Vielfalt sein sollen. Jetzt aber ist ihr jeder konstitutive Konsens verdächtig geworden.

Mit dem Entzweitsein zwischen dem Ideal einer vollkommenen Kirche und ihrer mutwilligen Zerstörung, wenn schon das Ideal ohnehin nie erreicht wird.

Die Kirche kommt dauernd an den toten Punkt. Hier scheiden sich die Geister. Und hier wird sie geeint. Gerade das Ankommen am toten Punkt bewahrt sie vor dem „Erledigt-Sein“.

Ich teile die „österliche Hoffnung“ des Kardinals, dass der tote Punkt zu einem „Wendepunkt“ wird. Deshalb will ich ungeteilt Christ und Priester sein – in einer entzweiten Kirche, die geeint wird.

„Ich wünsche nicht, dass die Kirche vollkommen ist, sie ist lebendig“, schreibt Georges Bernanos. „Gleich den niedrigsten, den ärmsten ihrer Kinder, schleppt sie sich aus dieser in die andere Welt. Sie macht Fehler, sie sühnt sie, und wer für einen Augenblick den Blick von ihrem Prunk abwendet, hört sie mit uns in der Finsternis beten und schluchzen.“

Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie

„Zu wem betest Du?“ (Dreifaltigkeitssonntag) Röm 8,14-17

„Zu wem betest Du eigentlich?“, fragt mich neulich jemand. Einen Moment bin ich irritiert. „Ich frage mich nämlich, ob ich zum Vater oder zum Sohn oder zum Heiligen Geist beten soll.“

Gut, das mit der Trinität ist kompliziert, irritierend und missverständlich. Die Christen hätten sich viel Ärger erspart, wenn sie auf diesen Gedanken verzichtet hätten. Nur gäbe es dann gar keine Christen. Denn sie haben sich das mit der Dreifaltigkeit ja nicht ausgedacht. Trinität ist gerade die Weise, wie Gott sich offenbart und verständlich macht.

Trinität bedeutet nämlich, dass der eine Gott selbst zu uns kommt und uns von Gott erzählt – von einem Anderen, der jedoch nichts Anderes ist als der Eine Gott.

Wenn Gott uns von sich erzählt, dann ist der Vater der Ursprung, der die Welt erschafft und erhält und uns den Sohn sendet. Dem Vater verdanke ich, was ich bin.

Der Sohn lässt sich vom Vater senden, offenbart den Vater und sagt, was er vom Vater hört. In Jesus wird Gott in allem wie ich – außer der Sünde. Damit ich auch ich werde wie ich von Gott her bin. Jesus hat meine Entfremdung überwunden und meinem Tod die Macht genommen.

Der Geist reinigt, erleuchtet und ermächtigt. In seinem Licht erkenne ich an Jesus, dem Sohn, wer und wie Gott ist. Er betet in mir und mit mir. Und er ermächtigt uns, in seiner Kraft von Gott zu sprechen und mit Gott zu lieben.

Der dreifaltige Gott steht uns nicht bloß gegenüber und ist auch nicht bloß irgendwie in allem da. Er offenbart sich uns als Mensch und nimmt uns zu sich, damit wir Töchter und Söhne im Sohnwerden.

Ich bete zum dreifaltigen Gott, der sich offenbart und zugleich unergründlich ist. Ersteres ist mein Glück und zweiteres heilsam irritierend.

Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie