Festherzigkeit (Morgenandacht im DLF am 7.11.2020)

Quelle: Katholische Hörfunkarbeit

Tagtäglich sehe ich Bilder des Grauens. In Zeitungen, Nachrichten und im Netz. Und ich frage mich: Was machen diese Bilder mit mir? Und was mache ich mit ihnen?

Eine befreundete Journalistin sagte mir neulich: Die Bilder sollen uns erschüttern, damit sich etwas tut. Aber was, wenn ich gar nichts tun kann? Eine folgenlose Erschütterung ist auf die Dauer gefährlich. Sie kann Menschen verhärten. Auch ich spüre täglich die Gefahr der Gleichgültigkeit. Nicht nur gegenüber der fernen Not, sondern auch angesichts der Not in mir und unmittelbar um mich herum.

Aber welche Not soll ich an mich heranlassen und welche nicht? Mir hilft folgendes Unterscheidungskriterium: Ich will mich von dem erreichen und erschüttern lassen, was entweder ich ändern kann oder was mich ändern soll.

Die Haltung, mit der ein Mensch die Not, den Schmerz und die Schuld seiner Nächsten an sich heran lässt, nennt die Bibel „Barmherzigkeit“. Barmherzig ist dem Wortsinne nach, wer beim armen Herzen ist. Sei es verletzt, verlassen oder schuldig geworden.

In der Bibel ist Barmherzigkeit zunächst die Weise, wie Gott dem Menschen begegnet. Und sie soll die Weise werden, wie der mit Gott verbundene Menschen seinem Nächsten begegnet.

Als Papst Franziskus für 2016 ein Heiliges Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen hat, hat mich zunächst beschäftigt, wie ich ein barmherziger Mensch werden kann. Später kam mir immer mehr zu Bewusstsein, wie sehr ich selbst auf Barmherzigkeit angewiesen bin, und wie schwer es mir fällt, sie anzunehmen – von meinen Mitmenschen und von Gott.

In der Bergpredigt verknüpft Jesus die beiden Anliegen. Die Barmherzigen sind glücklich zu schätzen, sagt er, weil sie Erbarmen finden werden (Mt 5,7). Kurz gesagt: Barmherzigkeit erfährt, wer barmherzig ist.

Aber es gibt bei der Rede von der Barmherzigkeit auch eine Gefahr: Wir dürfen nämlich die Barmherzigkeit nicht gegen die Gerechtigkeit ausspielen. Barmherzigkeit ist nicht die freundliche Alternative zu einer unfreundlichen Gerechtigkeit. Opfer haben selten Interesse an Barmherzigkeit gegenüber den Tätern. Barmherzigkeit und Gerechtigkeit gehören zusammen und gewährleisten einander. „Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit ist Grausamkeit; Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit ist die Mutter der Auflösung“, so formulierte es der mittelalterliche Theologe Thomas von Aquin.

Wer barmherzig ist, hält sich nicht nur an die „guten Armen“. Ihm geht es auch um die schuldig Gewordenen, um die sogenannten „armen Sünder“. Er hat ein Herz für die Opfer um der Heilung Willen. Und er hat ein Herz für die Täter um der Umkehr Willen. Das macht die Barmherzigkeit manchmal anstrengend.

Denn die Barmherzigkeit ist nicht einfach nur eine Art spirituelle Nettigkeit. Sie nennt das Böse nicht gut, aber sie hält es aus. Die Barmherzigkeit erträgt die Spannung und den Konflikt zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Sie widersteht zwei Versuchungen: Sie versucht nicht, die ungerechte Wirklichkeit in den Anspruch der Gerechtigkeit hineinzupressen. Und sie weigert sich, den Anspruch der Gerechtigkeit in der Wirklichkeit aufzulösen.

Barmherzigkeit ist schließlich nicht einfach Weichherzigkeit. „Wer barmherzig sein will, braucht ein starkes, ein festes Herz“, schreibt Papst Franziskus. Ein hartes Herz kann nicht barmherzig sein, weil es sich von nichts bewegen lässt. Ein weiches Herz kann nicht barmherzig sein, weil es sich von allem bewegen lässt. Die Barmherzigkeit braucht ein festes, entschiedenes und mutiges Herz, das weiß, was es soll und will.

Die Zeugen des Lebens Jesu von Nazareth haben angegeben, sie seien bei ihm dem Angesicht der Barmherzigkeit Gottes begegnet. Sie haben Barmherzigkeit gefunden und Barmherzigkeit gelernt. Nach dieser Begegnung sehne ich mich.


Corona Jesu – unsere Krankheit (Morgenandacht im DLF am 6.11.2020)

Quelle: Katholische Hörfunkarbeit

Seit einigen Jahren wird ein wöchentlicher „Veggie-Day“ diskutiert. Aus gesundheitlichen und ökologischen Gründen sei es ratsam, so der Vorschlag, zumindest an einigen Tagen auf Fleisch zu verzichten. „Donnerstag ist Veggie-Day“ lautet ein Slogan dazu. In der katholischen und orthodoxen Tradition ist ein solcher „Veggie-Day“ seit langem üblich. Nicht nur aus Gründen der Gesundheit, sondern vor allem als Ausdruck der Gottesbeziehung; und auch nicht am Donnerstag, sondern am Freitag.

Denn an jedem Freitag denkt die Kirche an das Leiden und Sterben Jesu von Nazareth. Die Abstinenz von fleischlicher Nahrung soll die Christen achtsamer dafür machen, dass Gott als ein Mensch den Weg unserer Entbehrungen und unseres Leidens mitgeht – bis an ein Ziel, an dem alle Entbehrung und alles Leid ein Ende findet.

Für mich ist eine der bewegendsten Darstellungen Jesu Christi am Kreuz die des Isenheimer Altars von Matthias Grünewald aus dem 16. Jahrhundert. Lange hat man darüber gerätselt, was für Verletzungen man dort am Gekreuzigten sieht. Diese ähnelten nämlich nicht wirklich den Verletzungen einer Geißelung, wie sie im Evangelium beschrieben wird. Erst mithilfe von Medizinern kam man darauf, dass die Verfärbungen und Flecken auf der Haut des Gekreuzigten die Symptome einer Mutterkornvergiftung zeigen.

Ursprünglich stand der Altar in der Kirche des Spitals des Antoniterklosters in Isenheim. Viele der dort behandelten Kranken litten an der Mutterkornvergiftung. Wenn sie auf das Altarbild schauten, sahen sie den gekreuzigten Jesus mit den gleichen Symptomen ihrer eigenen Krankheit. Sie sahen Gott in der Gestalt eines Menschen, der war wie sie. Sie sahen Jesus Christus als einen der Ihren.

Schon im Alten Testament der Bibel finden wir die Vorstellung, dass Gott einen Menschen sendet, der sich mit uns Menschen identifiziert bis in unsere Krankheiten und Leiden hinein. 700 Jahre vor Christus sagt der Prophet Jesaja über diesen sogenannten „Gottesknecht“: „Er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen“ (Jes 53,4). Christen glauben, dass der gekreuzigte Jesus von Nazareth das Leiden und Sterben eines jeden Menschen in der Welt zu seinem macht – bis heute.

Am Karfreitag dieses Jahres habe ich mich gefragt: Wie müsste heute eine entsprechende Darstellung des Gekreuzigten aussehen, der die Wundmale der Pandemie trägt? Und ein Zeichen gibt es wirklich, das mich an diese Krankheit erinnert. COVID-19 trägt den Namen „Corona“ aufgrund der Kranzform des Virus. „Corona“ ist das lateinische Wort für „Kranz“ oder „Krone“.

Die Bibel erzählt, dass Jesus von den Soldaten eine „corona spinea“ aufgesetzt wird, eine Dornenkrone (Joh 19,5). Der Gefolterte soll damit zur Witzfigur gemacht werden, zu der Karikatur eines Königs. Ohne es zu bemerken, sagt Pontius Pilatus dabei über Jesus ein prophetisches Wort: „Ecce homo – Seht der Mensch“. Dieses Wort ist auch vom Menschen schlechthin gesagt: Seht – So steht es um Euch. So geht ihr miteinander und Euch selbst um. So steht es um Eure Souveränität. Feine Könige seid Ihr!

Heute ist es der Virus mit dem Namen Corona, der mit unserer Souveränität, unserer Selbstsicherheit, unserem Glauben, alles in der Hand zu haben, seinen Spott treibt.

An jedem Freitag gedenken gläubige Christen der Kreuzigung Jesu. Wenn ich heute eine Kreuzesdarstellung sehe, stelle ich mir den Dornengekrönten vor: Er trägt meine und unsere Krankheiten bis vor den Thron Gottes. Bis zu dem, von dem die königliche Würde eines jeden Menschen kommt. Und ich glaube ihm, was er den Menschen versprochen hat: dass er uns einmal die „corona vitae“, die „Krone des Lebens“ schenken wird (Offb 2,10).

Suchen und Gefundenwerden (Morgenandacht im DLF am 5.11.2020)

Quelle: Katholische Hörfunkarbeit

In meinem Leben gibt es ein paar große Freundschaften, die bis heute halten. Manchmal denke ich an deren Beginn zurück. Vor ein paar Jahren hätte ich gesagt: Ich habe damals eine Freundin oder einen Freund gefunden. Doch in letzter Zeit tritt eine andere Erinnerung in den Vordergrund. Nämlich die, nicht nur einen Freund gefunden zu haben, sondern von einem Freund gefunden worden zu sein. Da war jemand, der mich erkannt hat. Jemand, der sah, was nur wenige sehen, und sich daran freut. Jemand, dem ich nichts vormachen kann noch will.

Am Anfang des Christentums steht eine Geschichte vom Suchen und Finden Gottes und vom Gesucht- und Gefundenwerden des Menschen. In Galiläa, einer scheinbar unbedeutenden Gegend im nördlichen Israel, begegnen die Leute einem Jesus aus Nazareth. Einem Menschen, von dem sie sagen: Das ist der, auf den das Volk Israel und die Welt Jahrtausende gewartet hat. Das ist der, der uns sagt und zeigt, wer und wie Gott ist. In diesem Menschen ist Gott für uns da.

Entsprechend bahnbrechend ist der Satz, der von einem zum anderen geht: „Wir haben den Messias, den Auserwählten Gottes gefunden!“

Ich mag besonders die Erzählung von einem gewissen Nathanael, den diese Nachricht nicht gleich vom Hocker haut. Er hört „aus Nazareth“. Und weil Nazareth ein unbedeutendes Kaff war, kommentiert er trocken: „Was kann aus Nazareth schon Gutes kommen?“ (Joh 1,46) Ein Freund überredet ihn mitzukommen. Er geht mit und als er Jesus begegnet, ruft dieser aus: „Sieh, ein echter Israelit, an dem kein Falsch ist.“ „Woher kennst du mich?“, fragt Nathanael und Jesus antwortet: „Schon bevor man dich rief, habe ich dich unter dem Feigenbaum gesehen.“

Diese Erfahrung zieht sich durch das ganze Neue Testament: dass Menschen meinen, sie hätten Gott gefunden und dann stellen sie fest, dass es Gott war, der sie bereits gesucht und gefunden hat. Jesus selbst beschreibt das als das Grundprogramm seines Lebens. Er sei „gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist“.

Nun ist das aber mit dem Gefundenwerden so eine Sache.

Es kann sein, dass sich jemand schwer damit tut, wirklich gefunden zu werden. Es gibt Aspekte an meinem Leben, von denen ich vielleicht gar nicht möchte, dass die gefunden werden. Manche Menschen tun viel dafür, dass sie gar nicht gefunden, oder nur teilweise gefunden oder nur „gut“ gefunden werden. Wir müssen zu einem Menschen schon sehr viel Vertrauen haben, damit er uns ganz finden darf.

Und es kann sein, dass jemand sich schwer damit tut, dass Gott durch Jesus auch die sucht, die es scheinbar nicht verdient haben. Mehrmals erzählt die Bibel, dass sich gläubige Menschen darüber empören, dass Jesus ausgerechnet mit denen zu Tisch sitzt, die sie erpresst, übers Ohr gehauen oder ein anderes Unrecht begangen haben.

Ich möchte lernen, mich von Gott und suchen und finden zu lassen. Von Gott und von den Freunden Gottes, durch die er mir nahe ist. Nicht nur von außen. Nicht nur mit dem, was ich gerne von mir preisgebe. Ich möchte mich finden lassen, wo ich mich verrannt habe, wo ich mich schäme, wo ich einsam geworden bin mit dem, was keiner sehen soll. Denn alles, was gefunden wird, kann auch geheilt und erneuert und vergeben werden.

Und ich möchte lernen, mich darüber zu freuen, dass Gott auch die sucht und findet, mit denen ich eigentlich schon nichts mehr zu tun haben möchte – jene also, die ich schon verloren gegeben habe. Denn Gott gibt keinen verloren – auch nicht die, die mir Böses getan haben und an mir schuldig geworden sind.

Manchmal ist es schon da, das Vertrauen, dass mein ganzes Leben ans Licht kommen und gefunden werden darf. Und manchmal ist sie schon da, die Freude, dass Gott auch die sucht und findet, mit denen ich mich noch schwer tue.

Mit ihnen zusammen will ich mich finden lassen. Das wird unsere gemeinsame Freude sein – und der Neuanfang der Freundschaft mit Gott.

Hirte oder Mietling? (Morgenandacht im DLF am 4.11.2020)

Quelle: Katholische Hörfunkarbeit

Irgendwann mitten im Lockdown telefonierte ich mit einem aufgebrachten Bekannten. „Wenn Ihr Priester ins ‚Homeoffice‘ geht, dann ist das genauso, als wenn eine Krankenschwester oder ein Busfahrer sagen würden, sie arbeiteten jetzt von zuhause aus!“ Sofort wollte ich mich verteidigen. Aber ich wusste, dass daran etwas Wahres ist.

Die katholische Kirche gedenkt heute eines Seelsorgers, dem das Konzept ‚Homeoffice‘ für Seelsorger völlig fremd gewesen wäre: des heiligen Karl Borromäus, Erzbischof von Mailand. Sein Leben im 16. Jahrhundert besitzt für mich eine große Aktualität. Auch er lebte in einer Zeit des Umbruchs und der Erneuerung der Kirche. Zeitgenossen beschreiben ihn als betenden Menschen, als begnadeten Seelsorger und Organisator. Kraftvoll setzte er sich für die kirchlichen Reformen nach dem Konzil von Trient ein. Und er war Bischof in Zeiten einer Pandemie. In den Jahren 1576 bis 1578 wütete in Mailand die Pest. Mit gewaltiger Anstrengung setzte sich Karl Borromäus für eine umfassende gesundheitliche und seelsorgliche Versorgung ein. Diese Anstrengung ging so weit, dass er selbst schließlich an Entkräftung starb.

An seinem Gedenktag wird in der Kirche ein Text aus der Bibel gelesen, in dem Jesus von Nazareth davon spricht, wie er für die Menschen da ist. Dabei benutzt er das Bild vom „guten Hirten“ Der gute Hirt ist ein altes Symbol der idealen Sorge eines Königs für sein Volk. Doch im Verständnis Jesu ist die Herde nicht dazu da, dass der Hirte lebt. Sonders andersherum: Der Hirte ist dazu da, dass die Herde lebt. „Ich bin der gute Hirt. Ich gebe mein Leben für die Schafe,“ sagt Jesus (Johannes 10,11). Dem guten Hirten ist jedes einzelne ihm anvertraute Leben so kostbar, dass er dafür sein eigenes Leben riskiert und notfalls drangibt.

So, sagt Jesus, sorgt er und so sorgt Gott für den Menschen. Das ist nicht bloß ein schönes, unerreichbares Ideal. Wir leben täglich davon, dass unser Wohlergehen anderen Menschen so wichtig ist, dass sie um unseretwillen etwas riskieren. Angefangen bei Krankenschwestern und Rettungssanitätern, über Eltern für ihre kleinen Kinder oder Kinder für ihre alten Eltern, bis hin zu Menschen wie jenem Mann, der Anfang Juli zwei Kinder aus der Ostsee rettete und dabei selbst ertrunken ist.

Derzeit muss ich täglich an diejenigen denken, die für mich etwas riskieren. Von den vielen, die oft im Verborgenen der Gesellschaft einen nicht ungefährlichen Dienst tun, bis hin zu jenen, denen ich selbst viel zu verdanken habe – vielleicht sogar mein Leben.

Als Gegenbild zum „guten Hirten“ nennt Jesus in besagter Bibelstelle den „bezahlten Knecht“. Damit ist nicht einfach ein Angestellter gemeint, sondern ein „Mietling“, wie Martin Luther übersetzt. Ein Mietling vermietet sich für Geld. Und um das geht es dem Mietling vor allem: um den Erhalt seines eigenen Lebens. Er ist kein Hirt. Die Schafe sind ihm egal. Und wenn der Wolf kommt und es gefährlich wird, ist er weg.

Am Telefon mit dem wütenden Bekannten spüre ich, dass ich mich entscheiden muss:

Will ich zusammen mit dem guten Hirten aus dem Evangelium mein Leben für die Menschen einsetzen? Bin ich bereit, für meinen Nächsten in Not da zu sein, wenn ich merke, dass mehr auf dem Spiel steht als meine Gesundheit?

Oder kreise ich wie der Mietling so sehr um mich selbst und meinen Lebenserhalt, dass ich vor lauter Angst vor dem Tod schon aufgehört habe zu leben?

Der heilige Karl Borromäus starb erschöpft vom Dienst an den Menschen. Ich kann nicht beurteilen, ob er vielleicht er ein wenig besser hätte auf sich achten können. Aber er erinnert mich daran, dass meine Gesundheit nicht immer das höchste Gut ist. Am Ende kommt es auch darauf an, dass ich erkenne, wofür es sich lohnt, gesund zu bleiben oder vielleicht sogar meine Gesundheit zu riskieren.

Denn auch ich lebe, weil täglich jemand für mich sein Leben riskiert.