Als ich anfing umzukehren Mk 1,14-20

Eine Band heißt so. Ein Parfum ist nach ihr benannt. Und in einem Münchener Vorort trägt ein „Studio für Körperbewusstsein“ ihren Namen: Metanoia.

Ursprünglich bedeutet Metanoia aber „Umkehr“. Oder genauer „Umdenken“. Und mit dem Aufruf zu solchem Umdenken beginnt das öffentliche Auftreten Jesu im Evangelium: „Metanoiete – Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“

Umkehr bedeutet zuerst eine Richtungsänderung in der Absicht. Und dann geht es um eine neue Weise des Denkens: um neue Kriterien des Urteils, um ein neues Licht und eine neue Perspektive auf das, was mir begegnet, kurz: um eine neue Weise des Erkennens, Urteilens und Handelns.

So auch im Evangelium: Zuerst geht es um eine Richtungsänderung auf Jesus zu und mit ihm auf den Weg zu den Anderen. Und dann um eine neue Denk- und Lebensweise, die sich aus dieser Verbundenheit mit Jesus ergibt.

Mir geschieht das immer wieder, dass ich auf meinem Weg mit Gott und den Menschen umdenken muss. Von drei Momenten des Umdenkens will ich berichten:

1. Gott führt mich ins Weite, auch wenn’s eng wird.

Bindungen können uns einengen oder frei machen. Zu vielem wären wir nicht fähig, wenn andere uns nicht gelehrt hätten, worauf es ankommt, und wenn Menschen nicht verbindlich für uns oder wir für sie da gewesen wären.

Für viele Menschen jedoch bedeutet – sei es aus eigener Erfahrung oder durch Hörensagen – die Erfahrung der Bindung an die Kirche und den von ihr verkündigten Gott und sein Wort eine geradezu unerträgliche Beschneidung ihrer Freiheit und eine Verengung ihres Lebens.

Ich kenne solche Verengungen. Auch in der Kirche. Und sie sind mir schwer erträglich. Aber je länger ich mit Gott lebe, um so mehr wird mir der Weg im Glauben ein Weg in die Freiheit. Auch wenn sich meine äußeren Möglichkeiten mehr und mehr einzuschränken beginnen.

Das Hören auf Gott und die Seinen macht Menschen nicht klein, sondern groß, engt sie nicht ein, sondern weitet sie – mitunter mehr als ihnen lieb ist.

2. Gott ist schon da und hat mich zuerst geliebt.

Ich weiß eigentlich gar nicht so genau, wie ich vorher dachte. Jedenfalls hatte es viel mit Leistung zu tun – und vielleicht damit, dass ich in allem irgendwie „zuvorkommend“ sein wollte.

Irgendwann hat mich das dann überfordert. Ich hatte mich in einer Weise abgemüht, die Gott und den Menschen „genügen“ sollte, aber mir selbst nie zu genügen schien.

An dem Punkt wurde ich hellhörig für die vielen Male, die Jesus den Jüngern sagen muss, dass nicht sie ihn, sondern er sie gefunden und erwählt hat, dass vor dem Tun das Hören, vor dem Geben das Empfangen, vor dem Lieben das Geliebtwerden kommt.

Gott ist in Jesus schon bis hierher, an diesen Ort, in diesen Moment und in diese meine momentane Verfassung gekommen. Mehr braucht es nicht – als allein ja zu sagen und einverstanden zu sein, mich von Ihm und den Seinen lieben zu lassen. Und dem Maße ich das erlaube, werde ich auch ein Liebender sein.

3. Christus liebt auch die, mit denen ich nichts zu tun haben will.

Jesus lässt sich nicht für unsere Interessen, Parteinahmen und Sympathien vereinnahmen. Er ist nicht gekommen, um die Gerechten zu rufen (denn die gehören ja längst schon zu ihm), sondern die Sünder, nicht nur zu den Guten, sondern auch zu den Bösen, nicht nur für die Opfer um ihrer Heilung willen, sondern auch für die Täter um ihrer Umkehr willen.

Wo ich selbst zu den Sündern gehöre, ist das mein Glück. Und wo ich erkenne, dass Jesus die liebt und bei sich haben will, mit denen ich noch nichts zu tun haben will, ist das mein heilsamer Schmerz.

Die Einheit der Kirche und der Menschheit fängt nicht da an, wo wir alle auf Linie sind. Sondern dort, wo wir darum bitten und zu lernen beginnen, die zu verstehen und zu lieben, mit denen wir nicht einverstanden sind.

„Metanoiete – Kehrt um und glaubt an das Evangelium.“ Das beschreibt einen lebenslangen Weg. Und manchmal kommt er mir vor, als hätte ich ihn gerade erst begonnen.

Fra’ Georg Lengerke

Jetzt mal abgesehen von uns Joh 1,35-42

Manchmal begegnen uns Menschen, die so von Äußerlichkeiten in Anspruch genommen sind, dass ein Blick nach innen für sie eine Lebenswende bedeuten würde.

Andere dagegen sind so mit sich selbst beschäftigt, dass ihr Aha-Erlebnis darin bestünde, einmal von sich abzusehen, um die Welt um sich wahrzunehmen. Und damit auch das, was in ihr für ihr eigenes Leben und das ihrer Nächsten existentiell relevant und daher im Augenblick wichtiger ist als ihr eigenes Befinden.

Gegen ein solches Absehen von sich selbst kann sich Widerstand regen. Manche haben sich in ihrer Innerlichkeit eingerichtet und fürchten, von dem, was ihnen begegnet, infrage gestellt zu werden.

Andere fürchten, durch Absehen von sich selbst als Verharmloser ihrer Schuld und Vertuscher ihrer Schwächen zu gelten.

Und dann gibt es auch noch welche, die so von sich überzeugt sind, dass sie Angst haben, andere oder anderes könnte bedeutender sein als sie selbst.

Wenn ich ehrlich bin, ist mir auch selbst all das nicht fremd: die einseitige Inanspruchnahme von außen oder von innen und der Widerstand dagegen, mal von mir abzusehen.

Und schließlich kenne ich das auch von der Kirche und ihren Gemeinschaften: dass sie (entweder an sich verzweifelnd oder von sich selbst betört) so mit sich selbst beschäftigt sind, dass sie glauben, es sich keinesfalls leisten zu können, von sich abzusehen.

In den biblischen Lesungen an diesem Sonntag begegnen uns zwei Menschen, die so von sich absehen, dass das, was dadurch für andere hörbar und sichtbar wird, zur Lebenswende wird.

Der junge Samuel hört eine nächtliche Stimme seinen Namen rufen. Er meint, es sei die des alten Priesters Eli, und tritt an dessen Lager. Zweimal verneint dieser, ihn gerufen zu haben. Beim dritten Mal erkennt Eli, dass Gott selbst den Knaben gerufen hat: „Wenn er dich ruft, dann antworte: Rede, Herr; denn dein Diener hört.“ (1 Sam 3,9) Die Stimme ruft wieder. Samuel antwortet, wie Eli sagt. Und Gott spricht…

Am Anfang des Johannesevangeliums weist der Täufer Johannes gleich zu Anfang darauf hin: „Ich bin nicht der Christus!“ (Joh 1,20) Was muss das für eine gewaltige Versuchung gewesen sein, die Menschen im Zweifel darüber zu lassen, dass er erwartete Retter sei.

In der Szene heute weist er zwei seiner eigenen Schüler auf Jesus hin, in dem Johannes den Christus, den göttlichen Gesalbten und Retter der Welt erkannt hat: „Seht, das Lamm Gottes!“, sagt er in Anspielung auf ein Prophetenwort. Die beiden hören es, verlassen den Täufer und gehen hinter Jesus her.

Es ist entscheidend wichtig für das Christsein im Allgemeinen und für die Dienste in der Kirche im Besonderen, dass wir immer wieder von uns absehen. Ohne Angst davor zu haben, infrage gestellt zu werden. Ohne sich damit schon für einen Verharmloser oder Vertuscher zu halten. Und ohne die Angst, dadurch an Bedeutung zu verlieren.

Samuel wird zum Propheten, weil Eli die Stimme Gottes nicht für seine ausgibt, sondern von sich absieht und den Jungen lehrt, Gottes Stimme zu vernehmen und zu verstehen. Andreas und sein Gefährte lassen sich von Jesus infrage stellen und einladen, weil Johannes sie auf ihn verweist und sie weggehen lässt.

Eli, der Priester von Schilo, und Johannes, der Täufer am Jordan, erinnern uns daran, worauf es beim Christsein, bei der geistlichen Freundschaft und Begleitung und beim Zeugnis der Christen ankommt:

Es kommt darauf an, dass einer dem anderen von dem erzählt, was er erlebt und als wahr erkannt und als Lebensprägung angenommen hat. Und dass er dann dem anderen hilft, selbst zu hören und zu verstehen (wie Samuel) oder zu sehen und zu erkennen (wie Andreas und der andere Jünger), was es heißt, auf Gott zu hören und mit Christus zu leben und zu lieben.

Wo es Wege und Orte, Gemeinschaften und Dienste, Freundschaften und Beziehungen gibt, in denen Menschen einander so von sich erzählen und so von sich absehen – um Gottes Willen – da fängt etwas Neues an.

Fra' Georg Lengerke

Einander anvertraut (Neujahr, Lk 2,16-21)

Nach Weihnachten habe ich meine alten Eltern besucht. Sie versorgen sich selbst. Geistig sind beide hellwach und interessiert. Körperlich jedoch sind sie unterschiedlich gut zurecht. Das gleicht die Mutter in der Sorge um den Vater so gut es geht aus. Sie sind einander anvertraut.

Als wir abends beieinandersitzen, muss ich daran denken, dass auch ich im Anfang diesen beiden Menschen anvertraut war. Eltern können Kinder ja nicht „machen“. Sie können nur die Bedingungen schaffen, dass sie werden. Und in ihrem Fall waren diese Bedingungen meines Werdens Ausdruck einer großen Liebe. Sie haben uns Geschwister empfangen und angenommen, uns werden und losgehen lassen. Das war nicht schmerzlos und nicht immer einfach. Aber einmal mehr empfinde ich an diesem Abend eine große Dankbarkeit. Wir sind einander anvertraut.

Heute, am ersten Tag des Kalenderjahres, dem sogenannten Oktavtag des Weihnachtsfestes, feiert die Kirche das Hochfest der Gottesmutter Maria. Mir kommt es vor, als würde die Kirche an diesem Tag rückblickend noch einmal fragen: Wie konnte es eigentlich dazu kommen, dass Gott der Sohn als Mensch in die Geschichte der Menschen eintritt?

Das Evangelium erzählt, wie die Hirten Ihn fanden. Sie mussten ja gewissermaßen erst dreimal hinschauen „und fanden Maria und Josef und das Kind, das in einer Krippe lag“. „Als die Zeit erfüllt war“, schreibt Paulus der Gemeinde in Galatien, „sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau.“

Gott macht sich angewiesen und vertraut sich uns an. Oder genauer gesagt: Er vertraut sich einer von uns an. Nicht durch die liebende Übereinkunft von Mann und Frau, sondern durch den Entschluss Gottes, zu dem eine Frau mit ihrer ganzen Existenz ja sagt.

Dieses Anvertrauen Gottes geht weiter. Er vertraut den Menschen Seine Sichtbarkeit an, indem Er sie als Sein Bild schuf. Er vertraut den Liebenden Seine Gabe zu lieben an und den Glaubenden Sein Wort, damit es ihr Leben forme und sie es weitersagen und Ihn bezeugen, damit die Menschen erkennen: Gott ist mit uns.

Und Er verbindet sich mit denen, die uns anvertraut sind: mit den Kindern und den Alten, mit den Einsamen und den Traurigen, den Nackten, Hungrigen und denen, die kein Zuhause haben. Von ihnen sagt Er: Was ihr ihnen tut, das tut ihr mir.

Und schließlich sagt uns Gott, dass wir einander Ihm anvertrauen sollen. Das geschieht im Segen. Wer segnet, sagt: Ich vertraue dich der Liebe, der Macht und der Treue Gottes an, die über meine hinausgeht. Segen hat mit Freigabe und Sendung zu tun. Mit dem Verzicht, den anderen durch Hilfe abhängig zu machen und zu beherrschen.

Wie mag das in Euren Familien und Freundschaften sein? Gibt es so etwas, wie einen Brauch oder eine Kultur des Segnens? Vielleicht können wir damit ja beginnen in diesem Neuen Jahr, dass wir einander einfach segnen.

Heute muss ich besonders an den Muttersegen denken. Als ich neulich von den Eltern aufbreche, zeichnet meine Mutter beim Abschied wie immer ein Kreuz auf meine Stirn: „Gott schütze dich, mein Junge!“ Der „Muttersegen“ hat eine ganz eigene Würde. Einfach deshalb, weil Gott uns zuallererst unseren Müttern anvertraut hat.

Vor Jahren sah ich nach einer Trauung, wie die Großmutter der Braut (80) von der Urgroßmutter der Braut (104) im Rollstuhl Abschied nahm. Sie küssten einander und dann machte die Ältere ein Kreuz auf die Stirn der Jüngeren und sagte: „Gott segne dich, mein Kind!“

Wir bleiben für immer jemandes Kind. Deshalb können wir auch immer um den Segen der Eltern bitten, übrigens auch wenn sie längst gestorben und bei Gott sind.

Wenn uns aber schon am Muttersegen unserer leiblichen Mütter gelegen ist, dann sollte uns am Muttersegen Marias erst recht gelegen sein. Denn sie segnet uns mit der Gegenwart des Sohnes Gottes, der ein Mensch wird.

Gott hat uns einander anvertraut. Er hat sich selbst uns anvertraut. Und Er wirbt darum, dass wir uns Ihm anvertrauen und Seinem Segen in diesem neuen Jahr.

Fra' Georg Lengerke

Mir ist nach Dir – Wonach wem an Weihnachten ist (Predigt in St. Peter, München, in der Hl. Nacht 2023, 10:08 Min.)

„Mir ist nicht nach Weihnachten!“, sagt meine Gesprächspartnerin auf einem adventlichen Spaziergang. Dann sprechen wir vom Krieg und seinen schrecklichen Bildern, vom Klima und der Zukunftsangst, von Polarisierungen und Sprachunfähigkeit, von zerbrochenen Beziehungen und verlogenen Familienfesten.

Während wir weitergehen, frage ich mich, wie einem ist, wenn einem „nach Weihnachten“ ist. Und ich denke an die überzogenen Erwartungen an Stimmung und Atmosphäre; an angestrengte Weihnachtskartenschreiber und Geschenkekäuferinnen; an die Betonung der „Besinnlichkeit“ und die Frage, worauf man sich denn besinnen soll; an die Sehnsucht nach guten Gefühlen, die wichtiger werden als das Gefühlte. Und ich denke an die belogenen Kinder, denen man erzählt, das „Christkind“ habe die Geschenke der Eltern gebracht. Nach solcher Weihnacht ist auch mir nicht.

„Wonach ist Dir denn?“, frage ich meine Begleiterin. „Mir ist danach, dass Weihnachten einen Unterschied macht“, sagt sie, „und nicht einfach nur eine Pause wie jede andere oder eine Flucht aus der Wirklichkeit.“

„Ich glaube, der Unterschied besteht in dem, was wir feiern“, sage ich. Und dann sprechen wir über die Geburt der historisch am besten bezeugten Person der Antike. Über das, was wir über Jesus von Nazareth historisch wissen, und über das, was wir von den Zeugen hören, die mit ihm gelebt und ihm geglaubt haben. Und wir sprechen von denen, die ihn abgelehnt, und denen, die ihn angenommen haben.

„Den Menschen in Bethlehem war offenbar auch nicht nach Weihnachten zumute“, sagt meine Nachbarin und lächelt. Das Evangelium sagt, sie hatten keinen Platz für Josef aus Nazareth und Maria, seine schwangere Braut. „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“, sagt das Johannesevangelium über die Geburt Jesu (Joh 1,11).

An Weihnachten feiern die Christen, dass Gott als ein Mensch in die Welt kommt und in das Leben der Menschen eintritt. Einmal und für immer. Gott bleibt im Kommen. Gott kommt zum Menschen, damit der Mensch zu Gott kommt. Der Himmel kommt zur Erde, damit die Erde in den Himmel kommt. Gott nimmt Anteil am Leben der Menschen, damit die Menschen Anteil am Leben Gottes bekommen – und zwar schon hier in der versehrten und blutenden, gefährlichen und gefährdeten Welt.

An Ihm scheiden sich die Geister. Den Satten und Schläfrigen und Selbstgenügsamen ist nicht nach Weihnachten. Sie wollen Ihn aus ihrem Leben entweder raushalten oder rausschaffen.

Aber den Hirten ist nach Weihnachten. Denen, die nichts zu verlieren haben, denen angesichts der Welt angst und bange wird, die wachen, wenn andere schlafen, weil sie bereit sein wollen, wenn entweder Gefahr oder Rettung naht. Und den Weisen aus dem Morgenland ist nach Weihnachten, weil sie nach dem Sinn hinter den Dingen und nach der Botschaft fragen, von der uns Himmel und Erde erzählen.

Auf unserem Adventsspaziergang erzähle ich dann von meinem schönsten Weihnachtsfest. Am 22. Dezember 2016 ruft mich im Auto ein Arzt an und sagt mir, dass ich Krebs habe. Nach Weihnachten würden wir über die weitere Behandlung reden müssen. Ich bin zu Tode erschrocken. Ich nehme alles nur noch wie durch Watte wahr. Nur ein Wort erreicht mich so, wie mich kaum eines je erreicht hat. Eine alte Franziskanerin erzählt mir, was der heilige Franz von Assisi über das Weihnachtsfest sagt: „Für uns am Wegrand geboren, kommt Er in das Fleisch unserer Zerbrechlichkeit.“

Das Wort werde ich nie vergessen. Weihnachten sagt uns, dass Gott als Mensch so in unser Leben kommt, dass nichts mehr ohne Ihn geschieht: dass wir nicht ohne Ihn leben und wachsen, Wege wählen und gehen, fallen und aufstehen und Verzeihung finden, lieben und leiden, unser Leben geben und sterben. Und zwar hinein in jene Fülle des Lebens, von der die Engel auf den Feldern bei Bethlehem den Hirten singen.

„Hat Dir die Diagnose nicht das ganze Weihnachtfest versaut?“, fragt meine Begleiterin. „Nein“, sage ich, „im Gegenteil. Mir war noch nie so sehr nach Weihnachten.“

Eine Weile gehen wir schweigend nebeneinanderher. Dann frage ich: „Und? Ist dir jetzt mehr nach Weihnachten?“ „Ich weiß nicht“, sagt sie. „Vielleicht brauche ich einfach noch Zeit.“ Wieder gehen wir eine Weile schweigend. Dann sagt sie: „Vielleicht kommt es gar nicht darauf an, ob mir nach Weihnachten ist. Vielleicht geht es an Weihnachten ja darum, dass Gott nach mir ist.“

Es ist Weihnachten. Und an Weihnachten feiern wir, dass Gott in unser, in Dein Leben eintritt und sagt: „Gut, dass Du da bist. Denn mir ist nach Dir!“

Fra’ Georg Lengerke

Der Beitrag erschien zugleich in der Reihe „Spurensuche“ der Deutschen Welle unter https://www.dw.com/de/wonach-uns-an-weihnachten-ist/a-67769408 

Erschreckte Überlegung – Vierter Advent/Heiliger Abend Lk 1,26-38

„Irgendwie kommt Weihnachten jedes Jahr überraschend“, sagte vor Jahren eine Freundin von mir und lächelte. Sie ist Mutter einer kinderreichen Familie und wollte sagen: Die Vorbereitungszeit ist immer zu kurz. Wir nehmen uns immer zu viel vor. Es wäre immer noch was zu tun. Und scheinbar plötzlich ist keine Zeit mehr, weil Weihnachten ist.

Dieses Jahr mag es einem erst recht so vorkommen. Der Advent ist so kurz wie nie. Die Vierte Adventswoche dauert nur einen Tag. Am Abend des Vierten Advents beginnt das Weihnachtsfest – „irgendwie überraschend“.

Von einem Erschrecken erzählt das heutige Evangelium: Ein Engel verkündet Maria die Geburt Jesu. Aber Maria erschrickt nicht etwa darüber, dass ein Engel im Zimmer steht. Sie hat ja nicht von ihm geträumt wie Josef oder eine Engel-Erscheinung gehabt wie Zacharias, der Vater Johannes des Täufers.

Ein sichtbarer Engel im Zimmer – das wäre mal ein Grund zum Erschrecken. Aber Maria erschrickt nicht über seine Sichtbarkeit. Es klingt fast so, als wäre die ihr ganz selbstverständlich. Sie erschrickt über seine Anrede.

„Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir“, sagt der Engel. Und Maria, erzählt der Evangelist Lukas, „erschrak über die Anrede und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe.“ Das möchte ich verstehen und mitempfinden: „Sie erschrak … und überlegte.“

Gut, wenn Josef das gesagt hätte, dann wäre das charmant gewesen und zärtlich und vielleicht verliebt. Aber dieses Wort tritt aus der „unsichtbaren Welt“ (Credo), aus der Unverfügbarkeit und Unerreichbarkeit Gottes in Gestalt des Engels bei ihr ein: „Du Begnadete!“ Und sie erschrickt.

Ich stelle mir vor, ich nähme eine solche Zusage von Ich-weiß-nicht-wo wahr. Ich würde fragen: Was heißt hier begnadet? Was weißt Du, was ich nicht weiß?

Und ich würde mich erinnern an das, womit ich „begnadet“ wurde: An das, was ich geschenkt bekam, ohne es verdient zu haben. An das, was ich bin, ohne mich entschieden oder es gemacht zu haben. Und schließlich an das, was zu entscheiden und zu tun, zu lernen und zu bauen mir ermöglicht und erlaubt wurde. „Du Begnadeter!“ Und dann würde ich an das denken, was schon da ist, was ich aber noch nicht erkannt und angenommen habe. An den Schatz im Acker, der noch nicht gehoben ist und darauf wartet, gefunden und gehoben zu werden.

„Der Herr ist mit dir.“ Das ist er. Der ungehobene Schatz. Alles, woran ich mich gerade erinnerte, war Gabe. Jetzt aber heißt es vom Geber, dass er bei mir, in mir, mit mir ist. Auf meiner Seite. Nicht gegen die Anderen, mit denen ich mich auseinandersetze. (Irritierenderweise ist er ja auch „mit ihnen“.) Sondern in mir mit mir. Auch da, wo ich gegen mich selber bin, oder gegen meine Seele, gegen das, was ich von Gott her bin. Gott kommt auf meine Seite in mir. Und er überwindet mit mir, was ich nicht bin – auch wenn ich es krampfhaft zu sein versucht habe.

„Der Herr ist mit dir.“ Und zwar nicht nur in einem geistig-intellektuellen beziehungsweise geistlich-spirituellen Sinn. Sondern leiblich und anfassbar, sichtbar und hörbar, verständlich und zugleich unbegreiflich. Denn als Kind ist er kleiner und als Gott unvergleichlich, unendlich größer als ich.

Weihnachten heißt: Was in Maria geschieht, geschieht für uns. Gott wird ein Mensch. Und was für uns geschieht, soll in uns geschehen. Der in Maria Mensch gewordene Gott tritt in unser Leben ein, um „Immanuel“ – „Gott mit uns“ zu sein – damit auch wir selbst wieder bei uns, mit uns und in uns sind – und mit Gott für die Anderen.

„Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir.“ Der Advent ist dieses Jahr kurz. Heute Abend schon beginnt das Weihnachtsfest. Wie gut, dass wir noch ein Leben lang Zeit haben, um zu überlegen, „was dieser Gruß zu bedeuten habe.“

Fra' Georg Lengerke