Allerheiligen – Wiedersehen mit den Bedrängten Offb 7,2-4.9-14 (Predigt)

Wenn wir alte Bekannte nach sehr langer Zeit wieder sehen, haben sie sich meist verändert. Manchmal so, dass sie nur schwer zu erkennen sind.

Vom Wiedererkennen der Schar der Heiligen „die aus der großen Bedrängnis kommen“ (Offb 7,14), von der Bedrängnis, aus der sie kommen und in der wir noch sind, und davon, dass wir mit ihnen zu dem gehören, dessen Liebe nicht tot zu kriegen ist – davon handelt die heutige Predigt zum Allerheiligenfest in St. Peter, München, deren Mitschnitt hier gehört werden kann.

Fra‘ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie

Runterkommen um aufzusteigen Lk 19,1-10

Gerade war ich für einige Tage in Brügge. Die mittelalterliche Stadt, die Kirchen und Museen, der Blick vom Belfried über Stadt und Land und die Gespräche mit einem Freund waren ein wichtiger Perspektivenwechsel.

Wer den Überblick haben will, braucht einen Perspektivenwechsel. In der Landschaft kann das eine Anhöhe sein. In den Herausforderungen unseres Alltags eine Viertelstunde Reflexion am Tag. Oder auch einige Tage alle paar Monate. Wir brauchen solche Perspektivenwechsel, um zu erkennen, wo wir stehen, worauf es ankommt und worum es uns gehen soll.

Für den Zöllner Zachäus ist der Ort des Perspektivenwechsels ein Baum. Auf den klettert er, um Jesus zu sehen. Dem kleinen Zöllner versperren die Leute den Blick. Die Leute, schreiben die Kirchenväter, erinnern uns an die Laster, die uns den Blick auf das Gute und den Guten versperren, oder an die Sorgen, die uns die Aussicht auf die Freude nehmen.

Manchmal kann der Ort des Perspektivenwechsels aber auch den Blick verstellen oder in die verkehrte Richtung lenken. Zum Beispiel wenn jemand die Sicht von dort für die einzige hält. Oder wenn er seine dort oben vorgestellte Welt mit der realen Welt verwechselt und in sie nicht mehr zurückkehren will.

„Komm schnell herunter!“ ruft Jesus dem Zöllner zu. Komm runter vom Baum auf den Boden. Komm runter in den Alltag. Komm runter zu den Leuten, die du betrogen hast und die dich verachten. Komm runter dahin, wo das wirkliche, raue, manchmal sogar gefährliche Leben ist. Komm runter dahin, wo ich bin.

Mich erreicht dieses „Komm ´runter!“ immer wieder sehr. So richtig und wichtig der Perspektivenwechsel, die Pause, ein zeitweiliger Entzug sein kann – irgendwann heißt es dann doch: Komm runter! Wenn ich mich empöre; wenn ich mich in meiner Opferburg verbarrikadiere; wenn ich meine Sicht für die einzige Perspektive halte… Vor allem aber dann, wenn ich mich in eine Scheinwelt flüchte, höre ich den Herrn sagen: Komm schnell herunter!

Gott hat selbst genau das getan, was er jetzt von Zachäus will: Er ist heruntergekommen. In einem Weihnachtslied bitten wir sogar darum: Komm herunter!: „O komm, ach komm vom höchsten Saal, Komm tröst‘ uns hier im Jammertal“

Aber es gibt einen wichtigen Unterschied: Christus steigt aus der seiner Wirklichkeit in unsere Scheinwelt herunter. Wir sollen aus unserer Scheinwelt in seine Wirklichkeit heruntersteigen.

Christus steigt aus der Wirklichkeit Gottes in unsere Scheinwelt hinab, in der er Zachäus und uns die Wahrheit des von Gott geliebten Menschen offenbart. Zachäus und wir sollen aus unserer Scheinwelt in die Wirklichkeit der Liebe Gottes hinabsteigen, wo uns mit Zachäus das Heil der menschgewordenen Liebe Gottes zuteilwird.

Gott will bei uns Menschen sein, damit wir Menschen zu Gott kommen. „Heute muss ich in deinem Haus bleiben.“ Wer dorthin heruntersteigt, wohin Gott als Mensch heruntergestiegen ist und wie Zachäus den Menschgewordenen einlässt in sein Lebenshaus, der steigt auf in die neue Realität der Liebe Gottes – zu ihm und zu seinem Nächsten.

Aus Brügge kommend, bin ich nun wieder im Alltag. Und ich frage mich täglich, wo das ist, wohin ich heute mit ihm heruntersteigen soll und wie er zu Gast sein will in meinem Lebenshaus.

Fra‘ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie

Nur nicht wie die anderen Lk 18,9-14

„Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin,“ sagt der Pharisäer im Gleichnis (Lk 18,11). „Die anderen Menschen“, das sind Räuber, Betrüger, Ehebrecher
oder auch „dieser Zöllner dort“, der ganz hinten im Tempel vor sich auf den Boden schaut.

Es ist das eine, dankbar dafür zu sein, wie ich bin. Es ist etwas anderes, dankbar dafür zu sein, wie ich nichtbin.

Das Problem mit dem Pharisäer ist nicht, dass er sich für anders hält als die anderen, sondern, dass er sich für besser hält.

Das Problem ist nicht, dass er kein Sünder sein will, sondern, dass er meint, keiner zu sein.

Das Problem ist nicht, dass er fromm ist und betet, sondern, dass er „bei sich“ betet und zu sich selbst, letztlich sich selbst anbetet und mit Gott verwechselt

Es kann ja durchaus richtig sein, nicht so sein zu wollen wie die anderen: Eine der größten Versuchungen des Volkes Gottes von den frühen Tagen der biblischen Offenbarung bis in die Kirche unserer Tage ist die, so sein zu wollen „wie alle anderen Völker“ (1Sam 8,20). Der Apostel Paulus mahnt die Christen, „nicht wie die anderen“ zu sein, „die keine Hoffnung haben“ (1 Thess 4,13).

Heute würde er uns vermutlich daran erinnern, dass wir nicht so sein oder werden sollen, wie jene, die sich – von ihren unverstandenen und übermächtigen Gefühlen hingerissen – von totalitären Ideen und ihren Denkern ideologisch verführen lassen.

Aber es gibt auch ein verzweifeltes, törichtes „Anders-sein-Wollen“ als alle anderen. Und das ist leider nicht auf die Pubertät beschränkt. Es gibt Menschen, die sind so sehr mit ihrer eigenen Identität beschäftigt, dass andere Menschen in ihrer Wahrnehmung nur noch als Hilfen oder Hindernisse bei ihrer Identitätsfindung vorkommen.

Viele meinen genau zu wissen, wie sie nicht sind, wissen aber keineswegs, wie sie sind. Wer den ganzen Tag mit seinem Anders-Sein beschäftigt ist, der verpasst das Sein, das Miteinander-Sein und das Füreinander-Sein.

Ob als Stadtbewohner oder Wohnungsnachbar, als Kunde oder Besucher, als Freund oder Verwandter, als Seelsorger oder als Priester: Je näher ich Menschen an mich heranlasse, umso häufiger und unausweichlicher werde ich daran erinnert, dass ich mitten unter Sündern lebe – und einer von ihnen bin.

Unter Heuchlern und Lügnern,
unter Dieben und Betrügern,
unter Ehebrechern und Pornosüchtigen,
unter Selbstmitleidern und Mitläufern,
unter Zeittotschlägern und Lebensmüden.

Und ich frage mich täglich, wie das in diesem Dschungel denn bitte gehen soll mit der Heiligkeit Gottes, zu der wir berufen sind.

Vielleicht so:

Guter Gott,
vor vielem im Leben der anderen
bin ich bewahrt worden.
Ich danke Dir.

Ansonsten bin ich wie sie – nur anders.
DU wirst ein Mensch wie ich – nur anders.
Damit ich werde wie DU – nur anders.

Gott, sei uns Sündern gnädig.
Amen.

Fra‘ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie

Engagiertes Vertrauen Lk 18,1-8

Ich gehe Leuten ungern auf die Nerven. Ich möchte nicht lästig sein. Und ich werde ungern unhöflich – oder für unhöflich gehalten. Aber es gibt Situationen, in denen solche Rücksichten nicht mehr möglich sind. Notlagen, in denen ein höheres Gut gefährdet ist. Anliegen, die wichtiger sind als die Schonung der Nerven dessen, der helfen kann oder zu helfen verpflichtet ist.

Im heutigen Gleichnis erzählt Jesus von einer Witwe, die jede falsche Rücksicht hat fahren lassen. Wir sollen uns eine mittellose Frau vorstellen, deren Leben bedroht ist, die Schutz und Auskommen verloren hat und deren einzige Chance das ihr zustehende und bislang verweigerte Recht auf Unterstützung ist.

Sie gerät an einen Richter, der ein gottloser Menschenverächter ist. Und dem macht sie mit ihrer durchgehaltenen Unnachgiebigkeit das Leben zur Hölle – so sehr, dass er gar einen tätlichen Angriff fürchtet.

Es ist, als ob diese Frau ihre ganze Lebenskraft in ihren Appell gelegt hätte, in ihr geduldiges Bestehen auf seine Hilfe und in das ganz unwahrscheinliche Vertrauen, dass selbst dieser Schuft ihr schließlich zu ihrem Recht verhelfen wird.

Wenn schon dieser Mann sich am Ende erweichen lässt, sagt Jesus, um wieviel mehr wird Gott den Menschen Recht verschaffen, die ihre Lebenskraft dahinein legen, in allem, was sie denken, sagen und tun, Gott zugewandt zu leben und auf ihn zu vertrauen.

In seinem Exerzitienbuch empfiehlt der heilige Ignatius von Loyola ein solches „engagiertes“ Vertrauen: „Vertraue so auf Gott“, schreibt der Gründer der Jesuiten, „als ob der Erfolg der Dinge ganz von dir, nicht von Gott abhinge; wende dennoch dabei alle Mühe so an, als ob du nichts, Gott allein alles tun werde.“

Ignatius hat sich nicht verschrieben. Unser Vertrauen soll nicht darauf gerichtet sein, dass wir selbst bewirken, worauf wir vertrauen. Wir sollen gerade nicht nur uns selbst vertrauen – so als wäre Gott nur eine Ermutigung dazu, dass wir uns selbst Gott sind.

Ignatius sagt, dass wir so auf Gott vertrauen sollen, als hinge alles von unserem Vertrauen ab. Wir sollen unsere ganze Kraft, Mühe und Geduld in unser Vertrauen legen, dass schließlich Gott bewirken wird, was nur er bewirken kann.

Unser Vertrauen soll nicht nur ein stilles, bangendes Abwarten sein. Sondern eine Haltung, in der wir mit aller Kraft und Geduld uns in allen Lebensvollzügen für Gott offenhalten, von dem alles kommt, was wir sind und haben.

Am Ende soll uns nicht die Frage sorgen, ob wir einen Gott finden, der uns zugewandt ist, und ob der wahr macht, was er uns versprochen hat.

Am Ende soll uns die Frage sorgen, ob Gott Menschen finden wird, die ihm zugewandt sind. „Wird der Menschensohn, wenn er kommt,
den Glauben auf der Erde finden?“, fragt Jesus. Wird er Menschen finden, die die Geduld nicht verloren und nicht aufgegeben haben, mit der heiligen Unverschämtheit jener Witwe zu beten, die selbst den bösen Richter zittern ließ?

Fra‘ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie

Den Nahen fern und den Fernen nah Lk 17,11-19

Manchmal können wir von einem Menschen sagen: Wir sind einander nahe. Oft müssen wir von Menschen sagen: Wir sind einander fern. – Es kommt aber auch vor, dass wir Menschen nahe sind, die uns fern, oder Menschen uns nahe sind, denen wir fern sind.

Denkt einmal an Eure Beziehungen, in denen es solche Ungleichheit oder Ungleichzeitigkeit gibt: Zu jemandem der mich wiedererkennt, aber ich ihn nicht. Zu einem Freund, der in Depression verstummt, dem ich treu bleibe. Am Anfang die Verliebtheit zu einer, die das nicht ahnt; oder am Ende meine Vertrautheit zu einem geliebten Alten, der mein Gesicht nicht mehr erkennt.

So geht es Gott mit dem Menschen. Die Offenbarung sagt: Gott ist dem Menschen nahe. Immer. Näher, als er sich selbst ist. Aber der Mensch ist Gott nicht nahe. Zumindest nicht immer. Oder mal mehr und mal weniger. „Wenn wir untreu sind, bleibt er doch treu“, schreibt Paulus an Timotheus in der heutigen zweiten Lesung (2 Tim 2,13).

Im Evangelium begegnet Jesus zehn Aussätzigen. Sie bleiben in der Ferne. Aus Ansteckungsgründen waren sie gesetzlich zum Fernbleiben verpflichtet. Sie hätten vor sich warnen und rufen müssen: „Unrein! Unrein!“ (Lev 13,45).

Stattdessen rufen sie aus der Ferne: „Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns!“ Aus der Ferne trauen sie sich. Aus der Ferne glauben sie, was man ihnen von Jesus erzählt: Das er denen nah ist, die ihm fern sind.

Jesus stürmt nicht auf sie zu. Von Franz von Assisi erzählte man, er habe seinen Ekel überwunden, sei vom Pferd gestiegen und habe einem Aussätzigen die Hand geküsst. Hier tut Jesus nichts dergleichen. Er verlangt nur, was das Gesetz nach einer Heilung verlangt: „Geht, zeigt euch den Priestern.“ (Lev 14,2-4) – Zeigt euch! Die Aussatz hatten, soll sich aussetzen. Auf dem Weg, heißt es dann, werden sie gesund.

So weit, so gut. Aber die Ferne bleibt. Die aus der Ferne Geheilten bleiben in der Ferne. Sie nehmen es selbstverständlich. Sie mögen sich denken: Was ich habe, habe ich. Nichts wie weg.

So denken sie alle. Außer einem. Einem Fremden. Einem doppelt Fremden. Einem Aussätzigen aus Samarien. Kein Jude, sondern einer von außen. Er kehrt zu Jesus zurück, um zu danken und Gott die Ehre zu geben. Nicht mehr aus der Ferne, sondern aus nächster Nähe. Nicht mehr vor sich warnend, sondern aus sich jubelnd.

Ich kenne Menschen, die sich nicht zu beten, zu singen oder in die Kirche trauen, weil sie sich Gott fern finden. Aber wir sollen nicht warten, bis wir meinen, wir seien Ihm nah genug. Er ist uns nah, wenn wir Ihm fern sind. Also können wir aus der Ferne rufen. Und wenn wir merken, dass wir Grund zum Danken haben, dann werden wir – wie der Aussätzige aus Samarien – auch merken, dass wir in die rettende Nähe dessen gekommen sind, der uns schon nahe war, als wir ihm noch fern waren.

Fra‘ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie