BDZ vom 1. November 2026
Die Sendung „Am Sonntagmorgen“ im Deutschlandfunk vom Allerheiligenfest am 1. November 2026 kann angehört werden unter: https://www.deutschlandfunk.de/kennste-alle-kennste-einen-die-vielen-heiligen-und-der-eine-gott-100.html
Der „Alte Peter“ in München trägt seinen Spitznamen nicht ohne Stolz. Er ist die älteste Pfarrkirche Münchens und ein Wahrzeichen der Stadt. Zudem hat es St. Peter zumindest anonym in die Herzen von Millionen Hörern des Bayerischen Rundfunks geschafft. Dessen Erkennungsmelodie bestand über Jahrzehnte aus den ersten sieben Tönen des Liedes „Solang der Alte Peter am Petersbergl steht …“: „Tadam-tadam-tadie-dam“.
Bei einem meiner ersten Besuche im Alten Peter hat mich vor allem das Deckengemälde in seinen Bann gezogen. Es zeigt die Hinrichtung des heiligen Apostels Petrus. Die Berichte darüber sind uns nur außerhalb der Bibel überliefert. Sie erzählen, nach seiner Verurteilung zur Kreuzigung habe Petrus sich nicht für würdig gehalten, wie Jesus zu sterben. Deshalb habe man ihn andersherum, mit dem Kopf nach unten, hingerichtet. An der Decke von St. Peter sind vier Männer damit beschäftigt, das Kreuz mit dem Geschändeten aufzurichten. Links stehen drei Soldaten, rechts sitzt ein Mann im Baum, darunter sind Kinder mit ihrer Mutter.
Alle sind richtig herum, denke ich mir, während mein Nacken steif wird. Nur einer ist falsch herum. Der heilige Petrus steht Kopf. Und über die Grausamkeit seiner Hinrichtung hinaus wird er so durch diese Groteske auch noch zum Gespött der Leute. Während ich die Szene betrachte, denke ich an die vielen Heiligen, denen es ähnlich ging. Auch wenn sie nicht kopfüber gekreuzigt wurden. Nicht selten ist der Heilige in den Augen seiner Zeitgenossen falsch herum. Sein ganzes Leben scheint ihnen verkehrt zu sein. Was für die Leute oben ist, ist für den Heiligen unten. Worüber die Leute sich lustig machen, das ist dem Heiligen heilig. Mitunter so heilig, dass er lieber stirbt, als es preiszugeben. Und was der Heilige für Gottes Kraft und Weisheit hält, das gilt den Leuten als Torheit und Ärgernis.
Heute feiert die Kirche das Fest Allerheiligen. Sie gedenkt jener Frauen und Männer, deren Leben vom Wirken Gottes erzählt und das nun bei Gott vollendet ist. Wer sich mit ihnen näher beschäftigt, erfährt nicht von tadellosen oder fabelhaften Biographien; sondern von Menschen, die auf ganz verschiedenen Wegen von Gott erreicht und berührt worden sind. Diese Erfahrung hat ihr Leben verändert, auf diese Erfahrung haben sie geantwortet. Und zwar so, dass an ihnen sichtbar wird, wer und wie Gott ist und wie Gott sich den Menschen denkt. Freilich geschah das nicht selten im Widerspruch zur Welt um sie herum.
Musikimpuls
Es ist wie in einem Chor. Alle singen harmonisch miteinander. Und während des Stücks senkt sich der ganze Gesang erst um einen halben, dann um einen ganzen Ton. Keiner merkt’s. Außer einem. Und der, scheint es, singt falsch. Er singt unbeirrbar in der Tonlage des Anfangs, haarscharf oder völlig an den anderen vorbei. Es ist unerträglich. Der eine versaut das ganze Konzert. Es wird Zeit, dass der Chorleiter eingreift. Wenn er nicht mitsingt wie wir, fliegt er raus.
Nicht der Widerspruch macht den Heiligen zum Heiligen. Heilige widersprechen dort, wo ihr Ja zu dem, was sie von Gott erkannt haben, sie dazu zwingt. Ihr Nein ist immer der Preis für ihr größeres Ja. Wenn Menschen dieses Ja der Heiligen zu Gott, zu seiner Offenbarung und zu seinem Wirken hören und sehen, dann kann es geschehen, dass sich deren Leben von Grund auf verändert. So berichtet das Neue Testament von der Aufsicht des Saulus bei der Steinigung des Stephanus. Der betet sterbend für seine Mörder. Wenig später wird aus dem Verfolger Saulus der Apostel Paulus. Augustinus deutete das so: Ohne das Gebet des Stephanus hätte die Kirche keinen Paulus.
Manchmal kann die Veränderung, die einen Heiligen zum Heiligen macht, dazu führen, dass Menschen um ihn herum fasziniert sind, nachfragen und sich auf eine neue Denk- und Lebensweise einlassen: eine neue Weise, an Gott zu glauben, eine neue Weise, Wesentliches vom Unwesentlichen zu unterscheiden oder den Nächsten zu sehen und zu lieben.
Manchmal führt das Anderssein des Heiligen aber auch zu Sanktionen – wie beim renitenten Falschsänger im Chor: zur Umerziehung, zur erzwungenen Abschwörung, zu Redeverbot, Ausschluss oder Exil, nicht selten sogar zum gewaltsamen Tod. So wie bei dem englischen Lordkanzler Thomas Morus, der 1535 enthauptet wurde, weil er den geforderten Eid auf die kirchliche Oberhoheit des Königs nicht leisten konnte.
Musikimpuls
Mich hat schon immer fasziniert, wie verschieden die Heiligen sind. Keiner ist wie der andere. Manchmal sind sie so unterschiedlich, dass man sich kaum vorstellen kann, dass sie an denselben Gott glauben, geschweige denn zur selben Glaubensgemeinschaft gehören:
Mir fallen mehrere Paare von Heiligen ein, die Zeitgenossen waren und an denen diese Verschiedenheit deutlich wird.
Zum Beispiel der singende Bettler Franz von Assisi und der ringende Professor Thomas von Aquin. Beide lebten im 13. Jahrhundert. Franziskus zieht predigend durch die Gegend, singt von Bruder Sonne und Schwester Mond und will das Evangelium möglichst wörtlich leben. Thomas forscht und lehrt an den Universitäten von Paris und Neapel und errichtet mit seiner „Summa theologiae“ eines der gewaltigsten Gedankengebäude der christlichen Theologie. Der eine sagt: Vergiss über das Studieren die Liebe nicht. Der andere sagt, vergiss über das Empfinden das Denken und Verstehen nicht. Beide sind Zeugen und Lehrer des Glaubens, weil Gott gedacht und geliebt werden will.
Ganz verschieden sind auch die beiden römischen Zeitgenossen Ignatius von Loyola und Philipp Neri. Ignatius, der ehemalige Soldat, lehrt die geistliche Unterscheidung und Entscheidung und gründet den schon bald weltumspannenden Orden der Jesuiten. Philipp Neri dagegen wird zum „Heiligen der Freude“ und zum Leutesammler Gottes: humorvoll, spontan, gelegentlich geradezu närrisch, mit einer ungezwungenen Form geistlicher Begleitung und Gemeinschaft. Zur gleichen Zeit Mitte des 16. Jahrhunderts in Rom, lernen sie voneinander, und doch geben sie ganz unterschiedliche Antworten auf die Frage, wie christliches Leben geht.
Schließlich denke ich an die ehemalige Sklavin Josephine Bakhita und die jüdische Philosophin Edith Stein. Bakhita wird im Sudan als Kind entführt, versklavt und verkauft. Sie gelangt nach Italien, wird freigelassen, lässt sich taufen und lebt schließlich als Schwester ein äußerlich einfaches Ordensleben. Edith Stein wächst in einer gebildeten jüdischen Familie in Breslau auf und verliert als Jugendliche ihren Glauben. Sie studiert Philosophie, findet zum Christentum, tritt in den Orden der Karmelitinnen ein und wird in Auschwitz ermordet. Die eine lernt Gott in Erniedrigung und Befreiung kennen, die andere findet ihn auf einer radikalen Suche nach Wahrheit. Am Ende tragen beide ein Ordenskleid und nennen denselben Christus ihren Herrn.
Heilige sind Vorbilder, aber keine Kopiervorlagen. Ich soll nicht werden wie Franz von Assisi oder Thomas von Aquin. Sondern ich soll vom einen das Lieben und vom anderen das Denken lernen. Ich werde immer anders sein als Ignatius oder Philipp. Aber der eine lehrt mich, den Ruf Gottes ernst zu nehmen, und der andere erinnert mich daran, mich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Ich finde kaum Ähnlichkeiten zwischen meinem Leben und dem der beiden Ordensschwestern Josephine Bakhita und Edith Stein. Aber die eine lehrt mich das befreiende Wirken Gottes unter den Bedingungen der Welt und die andere, dass die Frage nach Gott und die Zugehörigkeit zu seinem Volk so kostbar sind, dass sie mich alles kosten dürfen.
Kurzer Musikimpuls
Wenn die Kirche heute an die Heiligen erinnert, sieht sie in ihnen nicht nur Vorbilder, sondern Lehrerinnen und Lehrer.Es geht nicht darum, genau so zu werden, wie sie in ihrer Gottesverbundenheit geworden sind. Sondern darum, von ihnen zu lernen, so zu werden, wie ich von Gott her werden soll. Ich soll nicht so werden, wie der heilige Pfarrer von Ars. Aber so wie er glaubend, hoffend und liebend er selbst wurde, so soll ich in der Schule Gottes ich selbst werden. Noch einmal anders, unverwechselbar, mit einer einzigartig neuen Perspektive auf denselben Gott und einer so noch nicht dagewesenen Antwort an ihn und meine Nächsten.
Kennste alle, kennste einen
Das Zeugnis der Heiligen sagt uns zweierlei: Es sagt uns, wer wir für Gott sind und immer mehr werden sollen. Und es sagt uns, wer Gott für uns ist und wie er sich in Jesus Christus offenbart hat. Die Heiligen sind mit ihrem Leben Ausleger des Wortes Gottes und der Heiligen Schrift. Das Leben eines jeden Heiligen erzählt uns von einer bestimmten Seite des Lebens Jesu. Und es gibt so viele Seiten Jesu, so viele Weisen, Jesus zu kennen und zu lieben, wie es Menschen gibt, die an ihn glauben und ihm folgen.
In dem Zusammenhang muss ich an den Spott über die angebliche Verwechselbarkeit ganzer Gruppen denken: Kennste einen, kennste alle. So sagt der Volksmund, wenn in bestimmten Zusammenhängen ein Mensch dem anderen so sehr zu ähneln scheint, dass man beruhigt von einem auf alle anderen schließt und sich die Mühe spart, noch lauter andere Varianten des sowieso immer Gleichen kennen zu lernen.
In Wirklichkeit ist es jedoch andersherum: Ein größeres Ganzes besteht in der Regel aus so vielen verschiedenen Facetten, dass wir das Ganze umso besser erkennen, je mehr seiner ganz unterschiedlichen Teile wir kennengelernt haben. Je mehr Zeugnisse und Zeugen Jesu wir kennen, umso besser kennen wir ihn. Von den Heiligen und Jesus Christus kann man daher sagen: „Kennste alle, kennste einen“, weil jeder Christ anders von demselben Christus erzählt.
Dieses Zeugnis für Gott geht in konzentrischen Kreisen weiter. Die Heiligen sind die von der Kirche verbürgten Zeugen für die Fülle des liebenden Heilswirkens Gottes. Aber auf einer anderen Ebene gilt das dann auch von allen Christen. Wenn sie das Geschenk des Glaubens angenommen haben, werden sie es jeweils anders im Alltag realisieren. Und auf wieder einer anderen Ebene gilt das auch von jedem Menschen. Nach dem Glauben der Juden und Christen ist der Mensch „als Bild Gottes“ geschaffen und dazu berufen, dass einer dem anderen Gott und dessen schöpferische Liebe sichtbar macht. Dazu hat jeder Mensch je verschiedene Gaben von Gott für seine Mitmenschen, die von Gott und seiner Liebe zu den Menschen erzählen. Mit diesen Gaben der Menschen, wie mit den Zeugnissen der Heiligen, kommen wir an kein Ende bis zur Vollendung der Welt: Kennste alle, kennste einen.
Musikimpuls
Kurz nach meinem Besuch im Kirchenschiff von St. Peter und der Betrachtung des Deckengemäldes bin ich wieder dort. Es ist Sonntag und ich feiere mit der Gemeinde die Heilige Messe. Nun stehe ich am Altar und sehe darum von vorne in das Kirchenschiff, andersherum als beim letzten Mal.
Und dieses Mal erschrecke ich ein wenig. Vom Hochaltar aus sehe ich an der Decke das umgekehrte Bild von neulich: Alle Personen sind verkehrt herum. Die Soldaten und der Mann im Baum, die Frau mit den Kindern und die vier Henker – alle sind sie falsch herum. Alle stehen Kopf. Nur einer ist richtig herum: der heilige Petrus an seinem langsam aufgerichteten Kreuz.
Vielleicht sehen vom Himmel die Dinge so aus: Die Heiligen sind richtig herum, und die Leute um sie herum stehen Kopf. Wohin die Heiligen streben, da ist oben, während alle anderen nach unten wollen. Der ganze Weltenchor ist – ganz harmonisch! – um mehrere Töne gesunken. Nur der Heilige singt noch tapfer störend richtig. Wenn’s gut geht, dann merken wir das schon, bevor wir in den Himmel kommen: Es sind die Heiligen, die die Welt vom Kopf auf die Füße stellen.
Fra‘ Georg Lengerke
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