Die gute Traurigkeit als Chance Mk 10,17-27

Da spricht einer mit Jesus und geht anschließend traurig weg. Eigentlich dürfte es das nicht geben.

Wie konnte es dazu kommen? Einem jungen Menschen geht es um die ganz großen Fragen: „Was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben?“ Anders gefragt: Worum soll es mir gehen? Wie lebe ich sinnvoll? Wo und wie bin ich meines Glückes Schmied?

Jesus verweist ihn zuerst auf die Zehn Gebote, auf das gute und richtige Leben im Alltag. Und der junge Mann: „Alle diese Gebote habe ich von Jugend an befolgt.“ Und im Matthäusevangelium hakt er nach: „Was fehlt mir noch?“ (Mt 19,20)

Jesus sieht den jungen Mann an, und Markus ergänzt „ihn lieb habend“ (er „umarmte ihn“, heißt es in der neuen Einheitsübersetzung) und sagt: „Geh, verkaufe, was du hast, gib es den Armen und du wirst einen Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!“

Der liebende Blick sieht, was ihm fehlt. Noch fehlt ihm die Freiheit, das zu tun, was ihn ins Glück und in die Freude führt. Nicht der Reichtum an sich ist schlecht. Er wird es erst, wenn er ungerecht erworben oder verwaltet wird – oder wenn er einem höheren Ziel im Weg steht. Und so ist es hier.

In den Exerzitien des hl. Ignatius habe ich gelernt, dass nicht jede Traurigkeit schlecht ist. Es gibt eine Traurigkeit, die aus einem guten Geist, und eine Traurigkeit, die aus einem bösen Geist kommt. Die böse Traurigkeit ist Überforderung. Sie verkennt und verdirbt das mögliche Gute und hängt dem Unmöglichen nach. Die gute Traurigkeit erinnert mich an das mögliche Gute oder das jeweils Bessere und führt mich zu ihm zurück.

Ich kenne diese „gute Traurigkeit“ – die Traurigkeit dessen, der das Gute nicht tut, das er eigentlich will und soll.

Die gute Traurigkeit ist die des Menschen, der unter seinen Möglichkeiten bleibt. Sie ist seine Chance. Sie ruft ihn zurück in den liebenden Blick und auf den Weg dessen, der sein ganzes Glück ist.

Fra‘ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie