Ostern: Zweierlei Morgen-Grauen

Ein Sketch von Diether Krebs und Iris Berben zeigt das Abendgespräch eines Paares. Sie hält ein Glas Wein. Er liest Zeitung. Sie: „Weisst du Herbert, als ich aus dem Fenster sah, graute der Morgen.“ Er schaut auf und sagt: „Dem Morgen.“

„Grauen“ kann beides bedeuten: das Dämmern am Morgen oder das Entsetzen angesichts einer schrecklichen Erfahrung.

An diesem Ostermorgen muss ich an beides denken: an das dämmernde und das entsetzliche Grauen. Die Frauen kommen zum Grab „als es noch dunkel war“ (Joh 20,1). Vor dem Morgengrauen des anbrechenden Lichtes erleben sie jenes andere Grauen: Das Grab ist leer, die Grabesruhe zerstört, der Tote weggenommen. Es muss für die Frauen am Grab eine Fortsetzung, ja Steigerung eines grauenvollen Entsetzens gewesen sein.

Für viele Menschen bedeutet das „Grauen“ am Morgen nicht das Ende der Nacht, der Dunkelheit, der Angst und des Schreckens, sondern ihr Anfang.

Ich denke an Menschen, die an Depressionen leiden, für die am Morgen nicht das beginnende Licht im Dunkel graut, sondern denen schon am Morgen vor dem Tag graut, der ihnen ein nicht zu überwindendes Hindernis scheint.

Auch Menschen, die in dieser Zeit morgens aus den Kellern und U-Bahn-Schächten ihrer nächtlich bombardierten Städte kommen, überkommt das Grauen angesichts dessen, was von ihren Lieben und ihren Häusern noch übrig ist.

Und wie viele Menschen wachen gerade aus einem Traum von einer friedlichen, sicheren, wohlhabenden Existenz auf und sehen das Grauen der wirkliche Welt, die von Gewalt und Krieg, Verfolgung und Flucht gezeichnet ist.

Und dann gibt es jenes andere, das dämmernde Morgengrauen. Wenn die Nacht sich dem Ende neigt, der erste Silberstreifen des Lichtes erscheint und Menschen die Hoffnung haben, dass auch die inneren Nächte von Geist und Seele zu Ende gehen.

„Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaft auferstanden!“ lautet der Ruf der Kirche im heutigen Morgengrauen. Wenn wir den Zeugen der Auferstehung glauben und uns ihrer Kommunikation mit dem Auferstandenen anschließen, dann verändert sich etwas. Dann werden wir durch zweierlei Morgen, zweierlei Erwachen und zweierlei Grauen geführt.

Zweierlei Morgen: Ostern sagt uns, dass heute der Morgen eines neuen Tages ist – und der Morgen einer neuen Zeit.

Zweierlei Erwachen: Wir wachen aus dem Heile-Welt-Traum in der umkämpften Wirklichkeit auf – und wir werden geweckt in ein neues Sehen dessen, was die unsterbliche Liebe tut.

Und zweierlei Grauen: Wir werden bevollmächtigt, uns mutig dem Grauen angesichts menschlicher Abgründe zu stellen – und wir beginnen auszuschauen nach dem Grauen des anbrechenden „Lichtes vom Licht“, das mehr ist als Strahl, Welle oder Photonen.

Von Ostern an halten wir Ausschau. Und wir sehen im Glauben, dass schon jetzt ein neuer Morgen graut. Nicht nur ein neuer Tag, sondern eine neue Zeit.

Und es ist anders als im Sketch: Weder graut diesem Morgen vor uns, noch graut uns vor diesem Morgen. Denn was im Glauben, Hoffen und Lieben begonnen hat, ist der Ostermorgen der Welt. Der Morgen, der „keinen Abend mehr kennt“ (Augustinus).

Fra‘ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie