Glaube hat Heimweh

10.08.2025    Hebräerbrief 11,1-2.8-19

Glaube hat Heimweh

Pilger, Sommer 2017, (c) Georg Lengerke

„Und die, die solches sagen, geben zu erkennen, dass sie eine Heimat suchen..“ (Hebr 11,14)

Als Kind hatte ich woanders Heimweh nach zuhause. Als Jugendlicher hatte ich zuhause Fernweh nach woanders. Als Erwachsener lernte ich zuhause zu sein, woanders auch immer ich war – und dennoch Heimweh zu haben.

Dieses Heimweh unterschied sich von dem des Kindes. Auch das Zuhause des Kindes erwies sich ja bald als Station auf einem Weg. Das „Heim“, wonach mir später „weh“ wurde, ist ein Zuhause jenseits aller Orte, ein Ankommen, jenseits dessen es nichts mehr gibt, wohin noch ein Aufbruch möglich wäre.

Der Hebräerbrief erzählt von einer „Wolke von Zeugen“, die uns umgibt. Von ihnen können wir lernen, was Glaube ist:   „Grundlage dessen, was man erhofft, ein Zutagetreten von Tatsachen, die man nicht sieht“ (11,1). Der Glaube streckt sich aus nach dem, was (noch) unsichtbar ist, was begonnen hat, aber noch nicht vollendet ist, was verheißen, aber noch nicht ganz erfüllt ist.

„Aufgrund des Glaubens“, sagt die Lesung, sind die Zeugen aufgebrochen und „Fremde und Gäste auf Erden“ geworden. Das werden auch die Christen, die aufgrund solcher Zeugnisse ihrerseits aufbrechen. Deshalb verstehen sie sich als Pilger. Pilger sind Menschen auf dem Weg zu Gott. Auf Todesanzeigen lesen wir, jemand sei zu Gott gegangen. Der Pilger hat diesen Aufbruch zu Gott vorverlegt. Er ist aufgebrochen, als er gläubig wurde, und wenn er stirbt, kommt er an.

Wer sein Leben als Pilgerschaft versteht, für den wird jede Heimat zur Raststätte, jeder Zeitraum zur Wegstrecke, jedes Ziel zum Zwischenziel, jeder Nächste zum Weggefährten.

Das Ziel, sagt der Glaube, ist die vollkommene Liebe Gottes. In ihr werden alle Spannungen des Lebens aufgehoben. Auf dieses Ziel hin lernt der Pilger schon hier die Spannung auszuhalten: zwischen Schon und Noch-Nicht, zwischen Weg und Ziel, zwischen Anspruch und Wirklichkeit, Himmel und Erde, Gott und der Welt.

Aber wird uns diese Spannung nicht zerreißen? Und führt ein Leben als Pilgerschaft nicht am Ende zur Geringschätzung der Welt? Nein, denn noch etwas kommt dazu: Der Pilger geht dem Ziel nicht nur entgegen. Zugleich erwartet er das Ziel, das ihm entgegenkommt. Denn in Jesus Christus ist der Himmel auf die Erde gekommen, hat das Ziel sich auf den Weg gemacht zu uns, hat Gott die Welt aufgesucht.

Denn Gott hat Heimweh nach dem Menschen. Deshalb sollen wir sein „wie Menschen, die auf ihren Herrn warten, der von einer Hochzeit zurückkehrt“, sagt Jesus, „damit sie ihm sogleich öffnen, wenn er kommt und anklopft!“ (Lk 12,36)

„O Welt, ich muss dich lassen“, sagt ein altes Lied über das himmlische Heimweh. Das stimmt nur halb. Wir müssen sie lassen, wo sie uns hält. Wir sollen sie mitnehmen, wo sie Heimweh hat. Denn sie ist – mit allen, die zu ihr gehören – unsere Weggefährtin zu Gott.

Fra‘ Georg Lengerke

BetDenkzettel 
Georg Lengerke

Der BetDenkZettel ist eine Reihe kurzer Bet- und Denkimpluse zu einem Wort aus den Schriftlesungen der Liturgie von Fra Georg Lengerke.

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