An Gernegroß und Gerneklein – Über die Demut

31.08.2025    Lukas 14,1.7-14

An Gernegroß und Gerneklein – Über die Demut

Königsstuhl im Schloss Ludwigsburg

„Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden. (Lk 14,11)

Sowohl letztes wie dieses Jahr haben sich Schriftsteller öffentlich darüber beklagt, den Deutschen Buchpreis nicht bekommen zu haben. Den Schmerz, eine erwartete Ehre nicht empfangen zu haben, kenne ich. Aber die Empörung der nicht Geehrten schien mir der Entscheidung, sie nicht zu ehren, im Nachhinein fast recht zu geben.

Das Gleichnis von den Ehrenplätzen beim Festmahl erzählt von der Peinlichkeit, dass einer sich auf einen für ihn nicht vorgesehenen Ehrenplatz gesetzt hat. Den muss er für einen anderen Gast räumen, der an der Tür gewartet hat, bis ihm sein Platz zugewiesen wird. „Freund, rück auf!“, wird letzterem gesagt, der so vor allen geehrt wird. „Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt“, schließt Jesus, „und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“

Die Haltung, in der einer an der Tür wartet, bis ihm sein Platz zugewiesen wird, ist die Demut. Sie ist in Verruf geraten, weil so getan wurde, als ginge es bloß darum, sich klein zu machen – oder machen zu lassen. Dabei geht es der Demut um beides: um die Erniedrigung der Selbsterhöhten und die Erhöhung der Selbsterniedrigten. Die Demut widerspricht dem Gernegroß wie dem Gerneklein. Dem einen sagt sie: Komm runter!, Dem anderen sagt sie: Komm rauf! Den einen schrumpft sie, den anderen baut sie auf – beide zu ihrer wahren Größe und Gestalt. Denn Demut bedeutet auch, sich seiner Größe zu stellen.

Demut heißt lateinisch humilitas. Sie bedeutet Nähe zum Humus, Bodenständigkeit und Realitätssinn, sie ist Liebe zur Wirklichkeit. Sie kennt die Grenzen des Menschen. Sie verlaufen diesseits des Stolzes und jenseits des Kleinmuts. Die Grenzen des Menschen sind auch die Kontur seiner Lebensgestalt. Mit beiden ist die Demut versöhnt. Über beide freut sie sich.

Die Demut verwirklicht sich in Beziehung. Für Christen ist das zuerst die Beziehung zu Gott. Der demütige Mensch lässt sich von der Liebe zeigen, wer er in Wirklichkeit ist – in seiner Versehrtheit und Schwäche und in seiner Größe und Schönheit. Und die sind anders, als Stolz oder Kleinmut ihm weismachen wollten.

Er lässt sich gefallen, was unvermeidlich ist. Er lässt sich geben, was er empfangen soll. Er lässt sich senden, wohin immer er gehen soll. Und er erbittet Mut für das, was ihm zugemutet wird.

Der demütige Mensch empfängt seine Ehre nicht von Menschen. Sie einzufordern, käme ihm nicht in den Sinn. Kommt ihm Ehre von Menschen zu, freut er sich. Gebührt sie anderen, freut er sich mit ihnen.

Wäre das Leben ein Fest, stünde er an der Tür und hielte Ausschau nach dem Platz, den der Gastgeber ihm weist.

Und wo immer der ist: Für den Demütigen wird es sein Ehrenplatz sein.

Fra‘ Georg Lengerke

BetDenkzettel 
Georg Lengerke

Der BetDenkZettel ist eine Reihe kurzer Bet- und Denkimpluse zu einem Wort aus den Schriftlesungen der Liturgie von Fra Georg Lengerke.

Zum Profil

BDZ verpasst?

BDZ vom 30. November 2025

Wachsam statt schlaflos (Erster Advent)

Matthäus 24,29-44

Mehr

BDZ vom 15. November 2025

Kleine Pause

Mehr

BDZ vom 9. November 2025

Wisst ihr nicht, was ihr seid? (Weihetag der Lateranbasilika)

1 Korintherbrief 3,9c-11.16-17

Mehr

Zum BDZ gehören

Suche