09.11.2025 1 Korintherbrief 3,9c-11.16-17

Giotto, Legende des heiligen Franziskus, 1295
„Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ (1 Kor 3,16)
Am Fest der Weihe der Lateranbasilika in Rom muss ich an das Fresko von Giotto in Assisi denken. Papst Innozenz III. sieht im Traum, wie die Lateranbasilika einstürzt und der hl. Franziskus sie stützt und aufrichtet. Der Papst erkennt, dass Franziskus und seine Minderbrüder die im geistlichen Verfall befindliche Kirche erneuern und aufrichten würden. Auf dem Bild (wie am heutigen Fest) steht die Lateranbasilika für die ganze Kirche.
In der Heiligen Schrift ist das Haus ein Bild für das, was die Kirche ihrem Wesen nach ist: Nicht eine Immobilie. Sondern die Stelle, an dem der Mensch Gottes Gegenwart feiert und anbetet, erkennt und verkündet und sich von seinem Wort und Wirken ergreifen lässt. Sie ist ein Gebäude aus lebendigen Steinen (1 Petr 2,5). Ein Haus, dessen Fundament Christus ist, das von den Aposteln errichtet und an dem seitdem von Unzähligen (wie Franziskus) weitergebaut wurde (1 Kor 3,9-11).
Im Traum des Papstes stützt Franziskus die Kirche nicht nur. Er ist nicht ein Behelf, das entbehrlich wird, wenn das Gebäude wieder repariert ist. Er ist eine Säule der Kirche, er ist einer ihrer „lebendigen Steine“. Und das gilt auf je verschiedene Weise von jedem, der an Christus glaubt und mit ihm liebt.
„Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“, fragt Paulus die Christen in Korinth. Damals stand der Tempel in Jerusalem noch, der im Jahre 70 von den Römern zerstört wurde. Aber Paulus greift einen Gedanken auf, der sowohl bei den Juden als auch bei den Griechen schon vorkam: Die Gemeinde in Qumram verstand sich als Tempel Gottes. Und für die Griechen war der Leib des Menschen der Tempel des Geistes.
Von Jesus war bereits ein Wort überliefert, nach dem sein auferstandener Leib der neue, wiederaufgebaute Tempel sein würde (Joh 2,19). Wir wissen nicht, ob Paulus das Wort kannte. Aber bei ihm finden sich nun beide Bilder für die Kirche: Leib Christi und Tempel des Heiligen Geistes.
Wir sprechen in der Kirche viel darüber, was wir denken, sagen und tun sollen. Und das ist wichtig. Aber vielleicht sollten miteinander genauso darüber sprechen, wer oder was die Kirche von Gott her ist – wer wir miteinander für Gott um der Menschen willen sind.
Das Bild vom Tempel des Heiligen Geistes sagt: Gott will unter euch wohnen. Er lebt und wirkt in dir. Er ist die Stimme der Wahrheit und der Güte in dir. Er liebt dich und mit dir deine Nächsten. Gott ist nicht eine fremde und entfremdende Macht. Er ist auch nicht der Instandbesetzer deines wackelig gewordenen Lebenshauses. Er ist euer verlorengegangenes und wiedergefundenes Leben selbst. Und ihr seid miteinander sein Haus – für die Anderen.
Fra‘ Georg LengerkeFra‘ Georg
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