Kein Liebeslied wird „nur notfalls“ gesungen

23.08.2026    Mt 16,13-20

Kein Liebeslied wird „nur notfalls“ gesungen

König David singt, Egbert Psalter (10. Jahrhundert)

Dann befahl er den Jüngern, niemandem zu sagen, dass er der Christus sei. (Mt 16, 20)

Manchmal tun wir Christen so, als wäre das der letzte Wille Jesu gewesen: Sagt bloß niemandem, dass ich der Messias bin.

Kurz vorher war es ja schon einmal um das Sprechen über ihn gegangen. Das geht in der Einheitsübersetzung etwas unter: „Für wen halten die Menschen den Menschensohn?“ fragt Jesus da die Jünger (Mt 16,13). Aber im Griechischen heißt es: „Wer sagen die Menschen, dass ich sei?“ Es geht hier nicht nur um das, was die Leute von Jesus halten. Jesus fragt ausdrücklich danach, was sie von ihm sagen. Ihr aber, wer sagt ihr, dass ich sei?, fragt Jesus seine Jünger also ganz konkret kurz darauf.

Was würden die Christen auf der Straße ihm heute antworten? „Ehrlich gesagt haben wir schon ziemlich lange nicht mehr von dir gesprochen“, müssten die meisten wohl zugeben. Selbst in der Kirche tun sich Menschen schwer, von Jesus zu reden.

Manchen ist es peinlich oder zu persönlich. Sie meinen, sie hätten das nicht gelernt oder studiert und lassen den Profis den Vortritt …

Gerade unter uns Profis allerdings höre ich häufig ein anderes Argument. Angeblich stammt es vom hl. Franziskus. Aber dafür gibt es keinen Beleg: Wir sollten das Evangelium eher in Taten und nur notfalls in Worten verkünden.

Nehmen wir den unwahrscheinlichen Fall an, der Poverello hätte tatsächlich Ähnliches gesagt. Ausgerechnet er kann kaum gemeint haben, wir sollten vom Glauben nur ausnahmsweise reden. Sondern dass wir tun sollen, wovon wir reden – und nur dann glaubhaft reden, wenn wir das Gesagte auch versuchen zu tun.

Unsere Taten können davon erzählen, dass wir lieben. Aber dass wir geliebt sind – von Menschen und unendlich mehr von Gott – darüber sagen unsere Taten nichts. Gottes Liebe ist in der Menschenliebe wirksam – aber er liebt uns über sie hinaus. Das jedoch, was unsere Liebe übersteigt, kann nicht mehr nur getan werden. Davon muss auch erzählt, gedichtet, gesungen werden – über unsere getane Liebe hinaus. Und kein Liebeslied wird nur „notfalls“ gesungen.

Aber warum dann am Ende der heutigen Lesung das strenge Verbot, „zu sagen, dass er der Messias sei“? Einfach deshalb, weil es ein zu frühes, ein unerleuchtetes, uninformiertes, unangemessenes Reden von Jesus gibt, das sowohl bei Hörern wie bei Rednern mehr verdunkeln als erhellen kann.

Kurz nach der heutigen Lesung meint Petrus denn auch, Jesus zurechtweisen und belehren zu müssen (vgl. Evangelium vom nächsten Sonntag: Mt 16,21-27). Mit dem noch frischen, felsenartigen Selbstbewusstsein des Ersten unter den Aposteln. Dabei muss er selbst erst noch lernen, wer der ist, von dem er sagt, er sei „der Messias“ und „des lebendigen Gottes Sohn“.

Wir müssen lange hören, viel lieben und immer nach Jesus fragen, um Wahres, Wichtiges und Gutes über Gott und die Menschen sagen zu können. Aber dann sollen wir es auch tun. Denn wo von Gott nicht mehr gesungen, gedichtet und gesprochen wird, da kommt auch Gott nicht mehr zu Wort.

Fra‘ Georg Lengerke

BetDenkzettel 
Georg Lengerke

Der BetDenkZettel ist eine Reihe kurzer Bet- und Denkimpluse zu einem Wort aus den Schriftlesungen der Liturgie von Fra Georg Lengerke.

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