Einander genommen und gegeben werden Apg 1,1-11

Die alte Dame hatte mich gebeten, sie die letzte Wegstrecke zu begleiten. Es sollten uns vier Wochen bleiben. Sie war hellwach bis zum Schluss. Wir sprachen über Vergebung, Abschied und Heimweh und darüber, was es heißt, das Zeitliche zu segnen.

In ihren letzten Tagen dann eine kleine „heilige Meinungsverschiedenheit“. Ihre Enkel wollten von ihr Abschied nehmen, und von ihr – nachdem Corona ihr nun wirklich nichts mehr anhaben konnte – gesegnet werden. Behutsam habe ich bei ihr für dieses Anliegen geworben.

Sie fühlte sich den Enkeln nahe. Diesen Gedanken jedoch fand sie pathetisch und irgendwie „bürgerlich“. Sie wollte wohl auch von den Kindern nicht mehr so gesehen werden. Vor allem aber wollte sie keinen großen Bahnhof und keine Rührung mehr am Sterbebett. Dann sagte sie: „Näher können wir einander hier nicht mehr kommen. Aber näher werden wir einander aus der Vollendung sein.“

Darum geht es an Christi Himmelfahrt. Näher kann Jesus den Menschen irdisch nicht mehr kommen. Er muss den Jüngern, ihren Blicken, ihren Gewohnheiten und der beginnenden nachösterlichen Routine genommen werden, um ihnen neu gegeben werden zu können. Und zwar so, dass er nicht mehr nur den Jüngern, sondern mit ihnen allen Menschen gegeben wird.

Noch schauen die Jünger dem Herrn in den Himmel nach. Bald werden sie lernen, nach ihm auszuschauen, wie er durch alles Irdische hindurch da sein wird für sie und mit ihnen für alle Menschen.

Noch schauen wir der alten Freundin nach. Bald werden wir ausschauen nach ihr, wie sie zusammen mit dem erhöhten Herrn von Zuhause aus für uns da sein wird.

Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie

Nach meiner Hoffnung gefragt 1 Petr 3,15-18

„Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die euch erfüllt.“ Für heute bin ich um ein Video zum Thema „Gott im Alltag begegnen“ gebeten worden.

Gott begegnet mir im Alltag…
… in allem – und in Einem.
Die großen geistlichen Meister lehren uns, Gott „in allen Dingen“ zu suchen und zu finden. In den Gaben, die wir empfangen, und im Tragen dessen, was uns zugemutet wird. Aber überall begegnet er uns „in Anderem“.

Doch einmal begegnet er uns „selbst“ und „in Person“. Jesus von Nazareth zeigt uns Gott von Angesicht zu Angesicht.

… in denen, die mit ihm gehen – und in denen, zu denen er geht.
Der in Jesus Mensch gewordene Gott begegnet uns in seinen Zeugen und in ihrem Wort, das seines ist. Je vertrauter wir mit seinem Wort werden und je mehr Freunde Jesu wir kennen (von den Aposteln bis heute), um so besser kennen wir ihn.

Und er begegnet uns in denen, zu denen er uns vorausgegangen ist. In denen, mit denen er sich verbunden hat, besonders im Menschen, für den wir da sein sollen.

… in dem, was mir entgegenkommt – und in dem, was er in mir wirkt.
Die Gegenwart Gottes ist mir gegenüber, kommt auf mich zu, ist für mich da.

Aber sie lebt und wirkt auch in mir durch den Geist, der mir die Welt und den Nächsten im Lichte Gottes zeigt, mein Herz weit macht, mich zu lieben lehrt und mich im Leiden stärkt.

Beides kommt zusammen, wo wir uns hineinnehmen lassen in seine Bewegung der Liebe in die Welt. Das geschieht vor allem im Sakrament und im Dienst. Wir empfangen das Sakrament, um mit der Kirche Sakrament zu werden für unsere Schwestern und Brüder.

Fra’ Georg Lengerk

Schott Tagesliturgie

Mach, was geht Apg 16, 1-10

Wir waren an diesem Wochenende mit großen Plänen zusammengekommen. Es ging um einen neuen Weg mit den Maltesern. Etwas, was es so bei uns noch nicht gab. Wir wollten es besser machen, als es woanders versucht worden war. Aber irgendwie wollte es nicht weitergehen.

Und dann kam wie heute am Samstag diese Lesung: Paulus reist mit Gefährten durch Kleinasien. Verschiedene Missionspläne werden verhindert. Die Reise in die „Provinz Asien“ wurde „ihnen […] vom Heiligen Geist verwehrt“. Bithynien erreichten sie nicht, denn „auch das erlaubte ihnen der Geist Jesu nicht“.

Worin diese Hinderung bestand, wissen wir nicht. Es ging einfach nicht. Das ist eine nur scheinbar selbstverständliche Lektion im geistlichen Leben: Gott will von uns nur, was geht. Einige Menschen empört dieser Satz. Manche deshalb, weil sie „was schön wäre“ mit dem verwechseln, „was geboten ist“. Andere glauben, ich hätte gesagt, Gott wolle nur, „was leicht geht“. Habe ich nicht. Manchmal ist es schwer.

Aber möglich muss es sein. Die Kunst menschlichen Handelns besteht nämlich nicht darin, das Unmögliche möglich sondern das Mögliche wirklich zu machen.

Nach Asien und Bithynien zu reisen war Paulus unmöglich. Daraufhin kam der Ruf nach Mazedonien: „Komm und hilf uns!“ Und dieser Schritt war der entscheidende Überschritt, mit dem das Evangelium nach Europa kam.

Das Wochenende ist viele Jahre her. Bald danach haben wir die Pläne ad acta gelegt. Es fanden sich für uns andere, bessere Wege. Manchmal führt uns Gott durch Hindernisse zum Ziel.

Schaut mal zurück. Gab es nicht Hindernisse zu Zielen, die nicht erreicht zu haben Ihr heute von Herzen dankbar seid?
Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie

Ein Brief, der mich freute Apg 15,22-31

Soll die Kirche Jesu Christi eine innerjüdische Gruppe bleiben oder eine die Welt umspannende Gemeinschaft werden? Es gibt heftigen Streit. Am Ende treffen „die Apostel und die Ältesten“ in Jerusalem eine einmütige Entscheidung und schicken einen Brief nach Antiochien. Die Adressaten freuen sich. Warum?

1. Der Brief wird geschrieben von Menschen, die hart miteinander gerungen haben. Zugleich hören sie aufeinander und auf den Heiligen Geist. Dann heißt es am Ende: „Der Heilige Geist und wir haben beschlossen…“

2. Eine negativ formulierte Nachricht kann unter Umständen erfreulicher als eine positiv formulierte sein. Denn die negative legt mich nicht auf etwas fest, was gilt, sondern sagt mir, was nicht gilt (hier: Beschneidung und Gesetz). So hält es den ganzen verbleibenden Raum der Freiheit offen.

3. Zum Glauben an Christus führt nicht ein langer Weg zu erfüllender Regeln und Kriterien. Der Weg zu Gott kurz ist geworden, weil Gott uns auf ihm entgegengekommen ist, um den langen Weg mit uns zu gehen.

4. Der Brief schildert das Minimum des gemeinsamen rituellen Rahmens von Juden und Heiden. Damit verbindet er die polarisierten Lager in dem Raum, in dem die neue Gemeinde wachsen kann. Das funktioniert, weil sich aus beiden Lagern genügend Leute darüber einig sind, wer Jesus für sie ist und wer sie für Jesus sind.

5. Der Brief wird überbracht und mündlich erläutert von Zeugen, von Christen, „die ihr Leben für Christus eingesetzt haben“, die mit ihrem Leben für das Wort und das Wirken Jesu Christi bürgen.

Von solchen Leuten würde auch ich mir was sagen lassen. Über einen solchen Brief würde auch ich mich freuen.

Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie