The road to Damascus Apg 9,1-20

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„Have a Vision. Take the road to Damascus“ stand in großen Lettern auf dem Werbeplakat der syrischen Tourismusbehörde irgendwo vor der Hauptstadt.

Na, schöne Werbung, dachte ich mir… Die Vision des Paulus war nun keine beglückende Schau. Es war eine erschreckende Erkenntnis und Ankündigung. Paulus hört, wen er an Stelle der Kirche eigentlich verfolgt hat und dass dieser Jesus ihm im Folgenden sagen wird, was er tun soll.

Mehr über den zukünftigen Weg des Paulus hatte derweil Hananias, erfahren, der ihn später taufen wird: Paulus soll als „auserwähltes Werkzeug“ den Namen Jesu „vor Völker und Könige und die Söhne Israels tragen.“ Und dann: „Ich werde ihm auch zeigen, wie viel er für meinen Namen leiden muss.“

Menschen sind bereit für alles Mögliche zu leiden: für Errungenschaften oder Erfolge, für einen geliebten Menschen oder einfach, weil sie nicht lügen, nicht stehlen, nicht die Ehe brechen oder unbescholtene Leute bleiben wollen. Die meisten Leute wissen genau, dass Leidlosigkeit nicht das höchste Gut ist. Mit denen wäre darüber zu reden, wofür sich zu leiden lohnt.

Also doch: „Take the road to Damascus!“ Das ist kein schöner Ausflug in eine andere Welt. Es ist der Weg der Erkenntnis, dass auch das Gehen und Reden, das Lieben und Leben mit Jesus etwas – und vielleicht einmal alles – kosten darf.

Bewahre uns davor,
dass wir mit dem Schmerz
auch das Leben vermeiden
mit allem, wofür sich zu leben
und zu leiden lohnt.

Und lass nicht zu, guter Gott,
dass die Angst vor dem Leiden mit Dir
größer wird als die Liebe zu Dir.

Sondern lass uns wachsen
in der Freude an dem
und der Vorfreude auf das,
was aller Mühsal wert ist.
Amen.

Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie

Die Mitfahrverlegenheit Apg 8,26-40

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Die Begegnung des Philippus und des äthiopischen Hofbeamten ist eine „Mitfahrgelegenheit“ – auch für den Beamten. Denn der hat Fragen.

Die apostolische „Mitfahrgelegenheit“ ist für viele in der Kirche zu einer „Mitfahrverlegenheit“ geworden. Die einen finden, die Kirche müsse sich mit den Menschen auf den Weg begeben, ohne nach Ziel und Richtung zu fragen oder gar über sie Auskunft geben zu wollen. Die anderen finden, die Leute sollten sich am besten einfach in den Wagen der Kirche setzen, wenn sie sicher sein wollten, ans Ziel des Lebens zu kommen. Diese werfen jenen Mitläufertum vor. Jene klagen diese der Vereinnahmung an.

Philippus tut nichts von all dem. Er stellt die Frage, die den Kämmerer bereits umtreibt: „Verstehst du, was du liest?“ Der Gefragte ist ein „Gottesfürchtiger“, ein Heide, der – ohne zum Volk Gottes zu gehören – dennoch nach dem Gott Israels fragt: Von wem redet der Prophet? Von wem redet die Geschichte Israels? Von wem redet mein Leben?

Philippus fährt nicht mit um des Mitfahrens willen. Sondern um nach der Frage des Anderen zu fragen – und um die Schrift und das Leben als Offenbarung Gottes deuten zu helfen.

Die Gelegenheit der Wasserstelle wird für den Kämmerer zum Anlass, und er bittet um die Taufe. Hier wird die „Mitfahrgelegenheit“ zur „Mitabstiegsgelegenheit“ für Philippus. Hinab ins Wasser, in die Gemeinschaft mit Christus zu den Menschen hin. Wer nur mitfahren, aber nicht mitabsteigen will, muss sich nicht wundern, wenn er zum Mitläufer wird.

Mein Vater hat mich im Aufbruch einmal auf die alte Lutherübersetzung von Vers 39 hingewiesen: Der Kämmerer „zog aber seine Straße fröhlich.“
Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie

Vom Ein- und Ausatmen der Kirche Apg 8,1b-8

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Ich bin in der Diaspora aufgewachsen. Für uns Kinder hieß das: wenige, vor allem ältere Katholiken unter vielen anderen Menschen. Es war nicht viel los. Irgendwie war schon damals etwas die Puste raus.

„Diaspora“ gab es schon in der frühen Kirche. Die Kirche wird verfolgt und soll zerstört werden. Die Gläubigen zerstreuen sich (diesparesan) in Judäa und Samarien. Diese Zerstreuung (Diaspora) ist leidvoll. Sie bedeutet Verlust der Lebensgrundlagen und unsicheres Leben in der Fremde.

Von den Zerstreuten wird jedoch gesagt, sie „zogen umher und verkündeten das Wort“. Diaspora bedeutet eigentlich die Ausstreuung der „Sporen“, also der Samenkörner, die auf die Erde fallen, um dort Wurzeln zu schlagen, zu keimen, zu wachsen und Frucht zu bringen. Wo die Auseinandergetriebenen Träger der Botschaft sind, wird die Aussaat zur Sendung. Wo sie nur überleben wollen, ist die Zerstreuung das Ende der Kirche.

Damit Menschen in der Diaspora Träger der Botschaft sind, muss zur Sendung die Sammlung kommen. So wie der Körper das Ein- und Ausatmen braucht.

Wo die Kirche gesammelt wird, wird sie zu jener Gemeinschaft aufgebaut, die den auferstandenen Herrn feiert und darstellt. Wo sie gesendet und ausgestreut wird unter die Leute, wird sein Wort und Wirken für die Menschen erkennbar und erfahrbar. Es braucht beides – wie beim Atmen. Wer nur ausatmet, dem geht die Puste aus.

Du bist
ein wenig kurzatmig geworden,
liebe Mutter.

Wo Du einatmest,
finden wir einander
und Sein Wort.

Wo Du ausatmest,
findet Sein Wort
mit uns die Menschen.

Immer schön weiteratmen,
tief ein- und ausatmen.
Solange Du atmest, Mutter,
lebt die Welt.
Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie

Der seelenverwandte Feind Apg 7,51-8,1a

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Während des Martyriums des hl. Stephanus, des ersten Blutzeugen der Kirche, betritt – zunächst als Randfigur – ein geradezu fanatischer Christenverfolger die Bühne. Später sollte aus ihm einer der streitbarsten Verkündiger des Evangeliums werden: Saulus, später Paulus aus Tarsus.

Wir wissen nicht, welche Wirkung die Begegnung der beiden auf Saulus hatte. Beide waren jung, beide gebildet und begabt, beide begeistert und für Gott entbrannt – und beide auf das Erbittertste gegeneinander gestellt.

Welche Spuren mögen die letzten Worte des Sterbenden – die Schau des erhöhten Christus und das Gebet für seine Mörder – in Paulus hinterlassen haben? Noch viel später wird er sich an diese Szene erinnern (Apg 22,20)

Da behauptet einer, in einer Beziehung zu Jesus von Nazareth zu stehen, die bis vor das Angesicht Gottes reicht. Da erlebt einer seine letzten Minuten schon im Schauen und Angeschautwerden Gottes. Und da bittet einer sterbend darum, dass das auch mir geschenkt wird, obwohl mich der Hass gegen ihn schier verzehrt.

„Saulus war mit dem Mord einverstanden“, heißt es zum Schluss. Das war keine emotionale Aufwallung. Das war eine Haltung. Das Zeugnis des seelenverwandten Feindes sollte noch eine Inkubationszeit brauchen, bis Paulus selbst dem Auferstandenen begegnet und ihm glaubt.

Fulgentius von Ruspe (ca. 462-533) schreibt über Stephanus: „In der Kraft der Liebe besiegte er den grausam wütenden Saulus, und der ihn auf Erden verfolgte, durfte im Himmel sein Freund werden. […] Getötet durch die Steine des Paulus schritt Stephanus voraus, Paulus folgte. Sein Helfer war das Gebet des Stephanus.“
Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie

Springen wir jetzt Joh 21,1–14

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Es ist, als wollten Petrus und die anderen nach der Auferstehung Jesu ihr gewohntes Leben wieder aufnehmen. Sie gehen fischen – und fangen nichts. Am Ufer der Fremde. Auf sein Wort ist das Netz voll. Wieder ist Johannes der schnellere: „Es ist der Herr!“

Was mag in den folgenden Sekunden in Petrus vorgegangen sein? Irgendwo hier hatte Jesus ihn am Anfang ja schon einmal das Netz auswerfen lassen. Die Netze waren voll und Petrus folgte ihm (Lk 5). Und irgendwo hier war er auf dem Wasser Jesus entgegengegangen, hatte den Mut verloren und war gesunken (Mt 14,30). Und sicher brannte ihm noch der letzte Blick Jesu in der Seele, nachdem Petrus geschworen hatte, ihn nicht zu kennen (Lk 22,61).

Jetzt noch einmal neu mit ihm beginnen können. Jetzt nichts mehr besser wissen. Jetzt mein ganzes gebrochenes Leben geben können, ohne mir was vorzumachen… Und Petrus springt.

Ich habe über diese Stelle meine erste Predigt als Diakon gehalten. Und seitdem kommt es mir vor, als wäre dieser Sprung der Akt des Glaubens schlechthin. Glauben heißt springen. Dem Anderen glauben, dass dort der göttliche Freund wartet. Ohne sicher sein zu können, dass er es ist. Ohne mich noch länger vorbereiten zu können. Ohne zu wissen, ob das andere Ufer nicht letztlich eine Täuschung ist.

Glauben heißt nicht, im sicheren Boot den Herrn am jenseitigen Ufer betrachten. Glauben heißt, mich ihm Tag für Tag entgegenwerfen in die Wasser des Lebens. Die sind gefährlich und wunderbar, und nicht viele trauen sich hinein. Es gibt keine Garantie für Schmerzfreiheit oder Gesundheit oder fürs Überleben. Aber dort drüben wartet der Herr, um mit uns zu leben. Springen wir jetzt.
Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie