Freude als Kriterium – Pfingsten Apg 2,1-11

An Pfingsten feiern Christen die Ausgießung des Heiligen Geistes in Jerusalem 50 Tage nach dem Tod und der Auferstehung Jesu. Der Heilige Geist bewirkt die Verbundenheit mit Gott. Er lässt seine Empfänger den Willen Gottes erkennen und befähigt sie dazu, ihn zu verwirklichen und ihn anderen verständlich zu machen.

Nun gibt es alle möglichen Anliegen, Meinungen und Projekte in der Kirche, die genau das für sich beanspruchen: vom Heiligen Geist inspiriert und bevollmächtigt zu sein. Woran soll man nun erkennen, bei welchen das der Fall ist und bei welchen nicht?

Das haben sich die ersten Christen in Galatien zur Zeit des Apostels Paulus auch gefragt. Neun „Früchte“ des Heiligen Geistes nennt Paulus, die zugleich Kriterien für Sein Wirken sind: „Die Frucht des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Enthaltsamkeit.“ Deren Vorhandensein ist gewissermaßen der Lackmustest für das Wirken des Heiligen Geistes. Wo sie fehlen, fehlt Er. Wo sie da sind, wirkt Er.

Mich beschäftigt zur Zeit vor allem das Vorhandensein oder Fehlen der Freude. Als Anfrage an mich selbst und an die vielen Gruppierungen, Initiativen und Prozesse in der Kirche.

Unter denen machen sich nämlich in allen Lagern Verengung und Bitterkeit, Übellaunigkeit und Schärfe, Unduldsamkeit und das scheinbar heilige Gefühl dauernden Gekränktseins breit. Die mögen viele Gründe haben. Aber einen Schluss lassen sie sicher zu: Was hier am Werk ist, ist nicht der Heilige Geist.

Ich kenne diese Phänomene sowohl von Kämpfern für die Alte Kirche als auch von den Protagonisten einer Neuen Kirche. Ein Freund von mir sagte neulich von einer Initiative, sie werde außer Lärm und solidarischer Empörung wohl wenig ausrichten, weil sie so offensichtlich „unsexy“ sei. Gemeint war das völlige Fehlen von charismatischem Eros, von Charme und Esprit.

Aber auch bei mir selbst kenne ich die Versuchung zur Verhärtung, Unzufriedenheit und innerem Unfrieden und das dauernde Gefühl, das mich eh keiner hört, geschweige denn versteht – obwohl mein unerhörtes Genie eigentlich doch genau weiß, wie die Welt, die Kirche und meine Gemeinschaft endlich in Ordnung zu bringen sei.

An Pfingsten lasse ich mich eines Besseren belehren. Ich halte Ausschau nach den Früchten des Heiligen Geistes – in mir und um mich. Ich falle nicht mehr darauf rein, wenn der Trotz in mir meine Empörung für den Heiligen Geist hält. Denn der befähigt uns, einander über die Gräben hinweg zu verstehen und einander in allem Streit dennoch gut zu bleiben.

Vor allem aber schenkt er die Freude Gottes und die Freude an Gott. Die ist nicht bloß eine Lustigkeit, die sich das Leiden nicht zu Herzen und das Unrecht nicht wahr nehmen will.

Sie ist vielmehr Ausdruck der Gewissheit, dass Gott schon begonnen hat, alles zu sich ins wahre Leben zu ziehen. Und dass alles Kämpfen auf Erden nur noch ein Scharmützel am Rande seines schon gewonnenen Sieges ist.

Fra‘ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie