01.11.2025 1 Johannesbrief 3,1–3

Die Vorläufer Christi mit Heiligen und Märtyrern, Fra Angelico 1423-24
„Wir heißen Kinder Gottes und wir sind es. Deshalb erkennt die Welt uns nicht, weil sie ihn nicht erkannt hat.“ (1 Joh 3,1)
„Kennste einen, kennste alle“, sagen Leute, und meinen damit entweder die Songs dieser Sängerin oder die Witze jenes Spaßmachers – oder z.B. Männer ganz allgemein. In einem größeren Ganzen ähnelt ein Teil dem anderen so sehr, dass man beruhigt von einem auf alle anderen schließen und sich die Mühe sparen kann, noch lauter andere Varianten des immer Gleichen kennen zu lernen.
Es gibt aber auch das gegenteilige Phänomen: Ein größeres Ganzes besteht aus so vielen verschiedenen Facetten, dass wir das Ganze umso besser erkennen, je mehr seiner ganz unterschiedlichen Teile wir kennen gelernt haben.
So ist das mit den vollendeten Menschen, die die Kirche als Heilige verehrt. In der Kirche gehören wir zu einer Gemeinschaft, die über die sichtbare Welt hinaus bis in den Himmel reicht. Die Mehrheit von uns ist schon am Ziel. Und diese bei Gott „Vollendeten“ sind durch eine vielschichtige Kommunikation mit uns noch irdisch „Pilgernden“ verbunden. Diese Beziehung des Gebens und Nehmens beschreibt die erste Präfation von den Heiligen (das ist der Lobpreis am Anfang des Eucharistischen Hochgebetes):
„Du schenkst uns in ihrem Leben ein Vorbild, auf ihre Fürsprache gewährst du uns Hilfe und gibst uns in ihrer Gemeinschaft das verheißene Erbe. Ihr Zeugnis verleiht uns die Kraft, im Kampf gegen das Böse zu siegen und mit ihnen die Krone der Herrlichkeit zu empfangen durch unseren Herrn Jesus Christus.“
Die Heiligen geben ein Zeugnis, das Kraft im Kampf gegen das Böse gibt. Aber die Zeugnisse der Heiligen sind je nach historischem Kontext, Lebensgeschichte, Charakter und Begabung so unterschiedlich, dass man mitunter fast den Eindruck einer unvereinbaren Gegensätzlichkeit bekommen kann. Aber diese Verschiedenheit braucht es. Nicht nur, weil wir und unsere Herausforderungen so verschieden sind. Sondern auch, damit die Gegenwart Christi „in dem die ganze Fülle Gottes wohnt“ (Kol 2,9) in konkreten Lebensgestalten, Botschaften und heiligen Zeichen erkennbar und erfahrbar werden kann.
Je mehr Zeugnisse und Zeugen Jesu wir kennen, umso besser kennen wir ihn. Von der klebrigen Brause in der roten Trinkdose können wir sagen: „Kennste eine, kennste alle“. Von den Heiligen können wir sagen: „Kennste alle, kennste einen“, weil jeder Christ anders von demselben Christus erzählt.
Auf einer anderen Ebene gilt das dann auch von allen Christen, weil sie die Gnade des Glaubens und der Taufe empfangen haben. Und auf wieder anderer Ebene gilt es von jedem Menschen. Jeder Mensch hat je verschiedene Gaben von Gott für seine Mitmenschen – um der Liebe Gottes willen. Weil wir uns verschließen und sündigen und in einer gefallenen Welt leben, sind diese Gaben oft verschüttet oder verdunkelt – besonders die Gabe zu lieben. Aber die Gaben, die zum Zeugnis für die Liebe Gottes werden sollen, sind da. Sie in uns und anderen zum Vorschein zu bringen, auch das heißt lieben.
Und wo wir lieben, da wird die Frage nach dem Mensch gewordenen Gott auch zur Frage nach den Menschen und die Frage nach den Menschen auch die Frage nach dem Mensch gewordenen Gott: Kennste alle, kennste einen.
Fra‘ Georg Lengerke
BetDenkzettel