11.01.2026 Matthäus 3,13-17

Der Arzt im eigenen Wartezimmer
„Lass es nur zu!“ (Mt 3,15)
Weihnachten ist nicht nur ein Fest. Es ist ein Festkreis, in dem die Geburt Jesu Christi, sein Erkanntwerden von den Völkern und sein Hinabsteigen in unser Leben gefeiert werden. Und an jedem dieser Feste werde ich gerufen: am Geburtsfest, dass ich ihn aufnehme, am Fest der Erscheinung, dass ich ihn anbete und mit ihm andere Wege gehe. Am Fest der Taufe des Herrn geht es schließlich darum, dass ich seinen Abstieg zulasse.
Bereits der erste öffentliche Auftritt Jesu trifft auf Widerstand. Jesus reiht sich am Ufer des Jordan unter jene ein, die von Johannes dem Täufer die Taufe als Zeichen der Umkehr und der Sündenvergebung empfangen wollen. Johannes wehrt dieses Ansinnen ab: „Ich müsste von dir getauft werden und du kommst zu mir?“ Für den Täufer ist die Welt auf den Kopf gestellt: Der Arzt setzt sich nicht in sein eigenes Wartezimmer; und es ist nicht am Kranken, den Arzt zu behandeln.
„Lass es nur zu!“, sagt Jesus dem Täufer. Gerade dieser irritierende Seitenwechsel scheint die Weise zu sein, wie Gott in Jesus Christus die Welt erlösen will. Jesus belässt es nicht dabei, sich wie Johannes der Täufer an den Wegrand zu stellen und den Menschen zuzurufen: „Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe!“ (Mt 3,4 und 4,17) Gott erlöst die Welt nicht von außen, nicht durch Gesetz, Ermahnung oder Drohung.
Vielmehr macht er in der Taufe Jesu den Weg zu ihm zu einem Weg mit ihm, das Wasser der Reinigung für ihn zum Wasser der Vereinigung mit ihm, die Taufe der Umkehr zu einer Taufe der Anteilnahme am Leben Gottes in der Welt. Nicht nur durch seine Weggefährtenschaft, sondern durch seinen Abstieg bis in alle menschlichen Abgründe von Nacht, Not, Schuld und Tod – und dadurch, dass sich bei diesem Abstieg der Himmel auftut.
Der Widerstand dagegen ist seit den Tagen des Täufers geblieben. Bei Johannes war es das Gefühl der Unangemessenheit, dass der Heilige in die Gottvergessenheit der Menschen und der Unschuldige in ihre Schuld eintaucht. Später kommt anderes hinzu: die Scham, ihn bis dahin zu lassen, wo es weh tut; die Angst, einmal mehr betrogen, benutzt oder verletzt zu werden; oder die Sorge, unsere Fassaden und Lügen, Verharmlosungen und Idealisierungen könnten entdeckt werden.
„Lass es nur zu!“, sagt Jesus dem Täufer Johannes und allen, die entweder die Güte Gottes vor den Menschen oder sich selbst vor der Güte Gottes schützen wollen. Lass es nur zu. Denn wo du den, der von Gott her ganz heil ist, in dein unheiles Leben lässt, und den, der von Gott ganz bejaht ist, in dein verneintes Leben, da wirst du entdecken, dass du selbst die Sehnsucht, das Ziel und die Freude der Liebe Gottes bist.
Fra‘ Georg Lengerke
BetDenkzettel