Aufrichtung als Körpersprache (Morgenandacht im DLF)

27.10.2026    Lukas 13,10-17

Aufrichtung als Körpersprache (Morgenandacht im DLF)

Heilung der gekrümmten Frau Evangeliar Otto III. Detail

Die Morgenandacht im Deutschlandfunk vom 26. Oktober 2026 kann angehört werden unter: https://www.deutschlandfunk.de/aufrichtung-als-koerpersprache-100.html

Wir Menschen kommunizieren nicht nur mit Worten, sondern zum Beispiel auch mit der Sprache des Körpers. Die kann mehrdeutig sein. Ein Lächeln kann Freundlichkeit oder Verlegenheit ausdrücken. Ein Kuss kann ein Zeichen der Liebe oder des Verrats sein. Und was der Körper mitteilt, kann bewusst oder unbewusst geschehen.

Im Evangelium nach Lukas, aus dem heute im katholischen Gottesdienst gelesen wird, ist von einer Frau mit einer auffälligen Körpersprache die Rede. Sie ist „vornüber gekrümmt“. Und so gebeugt lebt sie schon seit 18 Jahren.

Die verkrümmte Haltung der Frau wird hier nicht medizinisch diagnostiziert. Es heißt, sie habe einen „Geist der Krankheit“. Eine krankmachende Macht hindert sie daran, sich aus eigener Kraft ganz aufzurichten. Diese Macht drückt sie nieder und liegt schwer auf ihr. Vielleicht ist es die Last einer Sorge oder eines Schmerzes. Es kann auch die Angst sein, aufzublicken. Vielleicht aus Scheu oder Scham, aus Angst vor Strafe oder Entdeckung.

Es gibt aber auch eine andere Art der Verkrümmung. In der christlichen Spiritualität ist der in sich selbst verkrümmte Mensch ein Bild für jemanden, der nur noch um sich selbst kreist und darüber Gott und die anderen aus dem Blick verliert. Ein solcher innerlich verkrümmter Mensch kann auch einer sein, der sich ganz im Glanz der anderen sonnt. Eine Selfie-Existenz, für die alle anderen nur Hintergrund oder Projektionsfläche seiner selbst sind.

Die Frau aus dem Lukasevangelium kann nicht aufschauen zu Gott. Da schaut Gott nach ihr. Sie begegnet Jesus. Er spricht sie zunächst mit Worten an: „Frau, du bist von deinem Leiden erlöst.“ Das griechische Wort für ‚erlöst‘, das hier in der Bibel verwendet wird, bedeutet auch: freigelassen oder aus einer Fessel befreit. Es geht also nicht allein um die Heilung einer Krankheit. Es geht um eine Befreiung und Entlassung aus einer krankmachenden Herrschaft, die die Frau gebeugt und gehindert hat, sich aufzurichten, um der Welt zu begegnen, die um sie und über ihr ist.

Nach diesen Worten spricht Jesus zu der Frau auch durch ein körperliches Zeichen: Er legt ihr die Hände auf. Wir sind heute sensibler als früher für die Mehrdeutigkeit menschlicher Berührung. Mancher ist ja gerade deshalb gebeugt, weil andere Hand an ihn gelegt oder Macht über ihn missbraucht haben. Jede menschliche Nähe kann da bedrohlich erscheinen. Aber die Berührung Jesu ist das befreiende Gegenzeichen zu aller menschlichen und geistigen Unterdrückung. „Im gleichen Augenblick“, schreibt Lukas, „richtete die Frau sich auf und pries Gott“.

Die eben noch gebeugte Frau wird uns nun als Bild des aufgerichteten, aufrechten Menschen vor Augen gestellt. Der sieht nicht nur in Freiheit nach unten – auf den Weg, zu den Kleinen und den Liegengebliebenen in Not. Er blickt auch frei geradeaus, offen und interessiert. Er hält Ausschau nach dem Kommenden, und er hält dem Blick der anderen stand. Und schließlich kann er selbstbewusst aufschauen zu dem, was über ihm ist: zu anderen Menschen und deren Größe und Begabung, zum Himmel und zum Licht – und so auch zu Gott.

Die krankmachende Macht ist entmachtet. Was für ein Gewicht wird da von ihr gefallen sein! Die Gebeugte steht aufrecht. Die Herabschauende schaut auf. Die Ungesehene gewinnt ihr Ansehen zurück. Und sie preist Gott. Weil ihr einer begegnet ist, der sie nicht übersah, sondern ansah. Der sie nicht niederdrückte, sondern aufrichtete. Der nicht nach ihr griff, sondern ihr die Hände auflegte, um sie freizulassen. Daran erkennen wir sie – die Körpersprache der Güte Gottes.

BetDenkzettel 
Georg Lengerke

Der BetDenkZettel ist eine Reihe kurzer Bet- und Denkimpluse zu einem Wort aus den Schriftlesungen der Liturgie von Fra Georg Lengerke.

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