Von ferne näher (Himmelfahrt) Apg 1,1-11

„Lass Dich ansehen!“ sagte der alte Freund beim Wiedersehen, löste die Umarmung und hielt mich an den Schultern auf Armeslänge fest. Er brauchte Abstand, um mich ansehen und mir in die Augen schauen zu können.

Manchmal brauchen wir mehr Abstand, um einander näher und füreinander da sein zu können. Heute taufe ich ein kleines Mädchen. Ich werde ihre Mutter nachher fragen, ob ihr Kind ihr eigentlich im Mutterleib oder im Arm näher war.

Auch darum geht es bei der Himmelfahrt Christi: um ein Weggehen um einer größeren Nähe willen.

Die Jünger stehen an der Grenze zum Raumder Unverfügbarkeit Gottes, den die Apostelgeschichte „Himmel“ nennt. 40 Tage lang hatten sie Umgang mit dem Auferstandenen – noch leiblich aber nicht mehr sterblich.

Jesus muss den einen Ort verlassen, um an allen Orten gegenwärtig zu sein. Er muss zu einer Zeit weggehen, um zu allen Zeiten da zu sein. Er muss sich dem Anblick der Wenigen entziehen, um sich in den Herzen der Vielen zu offenbaren.

Damit verändert sich auch die Lebens- und Blickrichtung der Jünger:

Sie fragen nach der Wiederherstellung weltlicher Macht für das Gottesvolk – und werden beschieden, dass Gottes Reich anders und zu einer Zeit kommt, die keiner kennt.

Sie schauen dem leiblich Entrückten hinterher – und bekommen gesagt, dass sie nach dem Wiederkommenden Ausschau halten sollen.

Und als alles zu Ende zu sein scheint, wird ihnen gesagt, dass sie sich bereit machen sollen für jene Kraft, die sie zu Zeugen macht – ausgestattet mit dem Wort, der Vollmacht und der Liebe Jesu  und gesandt bis an die Grenzen der Erde.

Wenn es keine Zeugen mehr gibt, wird es auch bald keine Taufen mehr geben. Heute ist ein guter Tag zum Taufen – und um mich erinnern zu lassen.

Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie

Eines Anderen Geliebte Joh 15,9-17

Gestern war eine Trauung. Schon länger hatte sich das Brautpaar das heutige Evangelium aus Johannes 15 gewünscht.

Brautpaare spricht dieses Wort Jesu offenbar an: „Liebt einander, wie ich Euch geliebt habe.“ Mich haben solche Sätze ehrlich gestanden seit meiner Jugend erst überfordert und dann gelangweilt.

Ich kann nicht lieben wie Jesus! Und soll es das gewesen sein, dass mein Christsein darin besteht, dass ich nachmache, was Christus vorgemacht hat?

Dabei spricht Jesus doch auch davon, dass er seine Jünger liebt. Und zwar indem sie aufsucht und findet, ihre guten und bösen Tage zu seinen macht und ihnen, wie ein Freund dem Freund, Anteil an dem gibt, wovon er lebt: an seiner Beziehung zu Gott dem Vater.

Aber wenn sein Wort über die Liebe stimmt, dann muss ich auch von meinem Nächsten annehmen: „Du bist geliebt. – Und zwar über meine Liebe hinaus, schon bevor ich Dich sah und noch nachdem mich der kühle Rasen deckt.“

Ich habe dem Bräutigam gestern gesagt, dass das der einzige Fall ist, in dem es völlig okay sei, wenn er feststellt, dass seine Frau die Geliebte eines Anderen ist.

Und weil das auch für den Bräutigam und auch für mich gilt, dass ich Geliebter bin, kann ich dann doch etwas anfangen mit: „Liebt einander, wie ich Euch geliebt habe.“

Denn die Liebe der Jünger ist Liebe von Geliebten. Dass sie geliebt sind, befähigt sie, verbunden mit Jesus und zusammen mit der Liebe Gottes für Menschen da zu sein. Wir machen die Liebe Gottes nicht nach. Das können wir nicht. Wir vollziehen sie mit. Das ist „Sakramentalität“: dass Gott im Zeichen der menschlichen Liebe seine Liebe gegenwärtig und wirksam werden lässt.

Weil wir – wie unsere Nächsten – zuerst Geliebte eines Anderen sind.

Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie

Die Konvertiten-Angst Apg 9,26–31

Am Anfang hatten die Christen vor Paulus vor allem eines: Angst. Konnte der für seine Brutalität gefürchtete Christenverfolger wirklich ein Jünger Jesu geworden sein?

Die Angst vor Konvertiten ist nicht neu. Es gibt sie als Angst vor Konvertiten, die keine sind, und als Angst vor Konvertiten, die wirklich welche sind.

Die Angst vor Scheinkonvertiten trat zuletzt vor allem gegenüber Flüchtlingen muslimischen Glaubens auf, die sich hier taufen ließen und nunmehr in ihrer Heimat bedroht waren. Die christliche Gemeinde muss Sorge tragen, dass der Glaube nicht zum Schein angenommen wird. Aber sie kann sich dem Risiko, betrogen zu werden, genauso wenig entziehen wie der Herr.

Wo eine Gemeinde lebendig und eines Sinnes ist, wird sich ein Scheinkonvertit leichter entlarven lassen. Wo sie sich in Auflösung befindet, nur schwer. Wo „Konfession“ nicht mehr „Bekenntnis“, sondern nur noch ein Vermerk auf dem Taufschein ist, dort ist die Sorge der Schein-Christen um die Schein-Konvertiten bloße Scheinheiligkeit.

Die Angst vor Konvertiten, deren Leben durch eine Begegnung mit Christus erschüttert und neu ausgerichtet wurde, ist etwas anderes.

Sie ist verständlich, wo der Eifer der Neubekehrten eine Verzerrung, Verengung oder Einseitigkeit in die Gemeinde trägt, die bis zur Spaltung gehen kann. Zugleich ist sie eine heilsame Verunsicherung der Gleichgültigen und Gelangweilten, der Gewöhnten und Verhärteten.

Jede echte Bekehrung zu Christus ist eine Chance für die Anderen. Sie stellt uns vor die Frage, wie es um unser Leben mit Ihm bestellt ist.

Auch die Kirche heute muss sich das von Paulus wie von den Konvertiten unserer Tage fragen lassen. Es ist das beste Mittel gegen unsere Scheinheiligkeit.

Fra’ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie