Je später der Abend (Die Hochzeit zu Kana) Joh 2,1-11

Am vergangenen Sonntag war mein PCR-Test positiv. Ich war die ganze Woche in Isolation. Keine Begegnungen von Angesicht zu Angesicht und nicht rausgehen. Jetzt warte ich wieder auf ein Testergebnis und frage mich, was mir am meisten gefehlt hat.

Ich spreche mit immer mehr Menschen, die sagen, dass ihre Reserven zur Neige gehen. Von ihnen handelt die Hochzeit von Kana, bei der der Wein ausgeht.

Wenn die Bibel vom Wein erzählt, geht es nie nur um ein edles Getränk. Der 104. Psalm sagt, dass der Wein das Herz des Menschen erfreut. Wein ist Lebensfreude – Freude am Leben und Freude über das Leben hinaus.

„Meine Stunde ist noch nicht gekommen“, antwortet Jesus, als Maria auf die Not hinweist. Johannes Chrysostomus (+407) schreibt, Jesus zögere deshalb, weil die Gäste noch nicht gemerkt haben, dass es an Wein fehlt.

Ob das auch ein Problem unserer Zeit ist? Dass viele von uns nicht mehr oder noch nicht merken, wie sehr es ihnen an Lebensfreude fehlt und die „Traurigkeit dieser Zeit“ (Lauretanische Litanei) für den Normalfall halten?

Vielleicht ist jetzt die Nachtzeit von Kana, in der wir bemerken sollen, dass uns der Wein der Freude ausgegangen ist. Vielleicht ist jetzt die Zeit, mit Maria zu sagen: Sie haben…, wir haben keinen Wein mehr!

Bei der Hochzeit in Kana tut Gott als Mensch in einem Augenblick, was Gott mit dem Menschen sonst jedes Jahr tut. Er macht aus Wasser Wein. Die „Stunde“ Jesu ist nicht ein Termin. Es ist jeweils die Zeit, in der es so weit ist, dass Gott sich offenbart. Im irdischen Leben Jesu vor allem in seinen letzten Tagen. Und in unserem irdischen Leben immer dann, wenn wir mit ihm feiern, was er mit uns feiern will.

Abend für Abend habe ich mich diese Woche mit denen verbunden, denen in dieser Zeit der Wein ausgeht, und habe in meinem Zimmer mit Jesus seine „Stunde“ gefeiert. Die Stunde, in der er den Wein schenkt, den er aus Wasser gemacht hat. Die Stunde, in der er im Wein sich selbst schenkt – und jene Freude am Leben und über das Leben hinaus, die mit ihm in die Welt gekommen ist.

Es war eine schwere Woche der Freude. Ich wünsche Euch eine Woche der Freude – und dass sie nicht schwer sei.

Fra‘ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie