Gute Sünder – böse Sünder Joh 8,1-11

Dieser Tage sah ich im ZDF den Film „Honecker und der Pastor“. Er handelt von den 10 Wochen ab Januar 1990, die Erich und Margot Honecker nach Verlust von Macht und Wohnung bei Pastor Uwe Holmer und seiner Familie in Lobetal unterkommen.
Ein sehenswerter Film. Nur die Darstellung der freudlos biederen Erfüllung einer „Christenpflicht“ der Barmherzigkeit im evangelischen Pfarrhaus war etwas klischeehaft.
Die Aufnahme der Honeckers durch die Holmers stößt auf massive Kritik. Ein Kollege findet, Holmer habe sich „zum Komplizen“ gemacht. Demonstranten skandieren „Honecker an die Wand!“ und beschimpfen Holmers als „Verräter“. Eine junge Frau, die in einer Umerziehungsanstalt gequält wurde, erzählt Holmer von ihren Erlebnissen in der „Erfindung von ihrer Margot Honecker“.
Die meisten Menschen in dem Film sind sich darüber einig: Holmers haben sich durch die Aufnahme von schuldig Gewordenen mitschuldig gemacht.
Das ist die Einigkeit der Menschen, die im heutigen Evangelium um eine Ehebrecherin stehen. Sie ist unverzeihlich schuldig. Wer sie aufnimmt, macht sich mitschuldig.
Viele heutige Leser des Evangeliums bemühen sich, den genau gegenteiligen Eindruck zu erwecken: Anders als den Anklägern erscheint ihnen die Ehebrecherin heute eher die „gute Sünderin“ zu sein. Keine Heilige vielleicht, aber halt „normal“ und „menschlich“. Dagegen sind ihre Ankläger in ihrer Selbstgerechtigkeit und Unerbittlichkeit die „bösen Sünder“, die eigentlich Schuldigen.
Was, wenn ein auch im Urteil der meisten Heutigen ein wirklich schlimmer Gewalttäter, Kriegstreiber, Kinderquäler in der Mitte stünde, ein unverzeihlich Schuldiger?
Ich vermute, es wäre genau wie damals. Viele  hätten wie Facebook neulich in diesem Fall ihre Hate-speech-Regeln geändert und wären sich so einig wie die Demonstranten von Lobetal: „Honecker an die Wand“.
Jesus unterscheidet uns schuldige Menschen von unserer Schuld. Und er sagt, dass sich die Schuld des einen von der des anderen nur graduell unterscheidet. Wir sollen aufhören, uns und einander zu entschuldigen, und anfangen, um Vergebung zu bitten und Vergebung zu gewähren. Denn ohne Vergebung hat keiner von uns eine Chance.
Der jungen Frau sagt Pastor Holmer im Film: „Ich bete für Sie, dass Sie einen Weg [zur Vergebung] finden mögen, denn sonst frisst die Bitterkeit in Ihrem Herzen Sie auf. Und dann hätten die am Ende doch erreicht, was sie damals nicht geschafft haben.“
Fra‘ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie