Brutal lieb – Fronleichnam Lk 9,11b-17

Lautsprecheranlagen haben ihre Tücken. Manchmal sind sie aus, wenn sie an sein sollten, oder an, wenn sie aus sein sollten – was unter Umständen sehr peinlich sein kann. Mal sind sie zu laut, mal zu leise. Mal hallen und mal fiepen sie.

Meistens ist das Einstellungssache, sagen uns die Techniker. Das war auch der Grund, warum neulich ein Organist nach der Messe zu mir in die Sakristei kam. Ihn hatte ein Knacken in der Lautsprecheranlage gestört. 

Was war passiert?

In der Heiligen Messe bricht der Priester während des Gesanges des Agnus Dei das Brot in mehrere Teile. Der Text lautet: „Lamm Gottes, du nimmst (oder genauer: trägst) hinweg die Sünden der Welt. Erbarme dich unser.“ Der Gesang wird dreimal wiederholt und endet beim dritten Mal mit der Bitte: „Gib uns Frieden.“

Der Kirchenmusiker machte mich darauf aufmerksam, dass ich das Brot so dicht am Mikrofon gebrochen hatte, dass man ein lautes Knacken gehört hatte. Das sei etwas störend gewesen, sagte der Mann und ergänzte: „Und es klang irgendwie brutal.“

Der Ausdruck „Brechen des Brotes“ ist eine feststehende Formulierung im Neuen Testament und in der frühen Kirche. Es ist ein Ritus aus dem jüdischen Mahl, den Jesus beim Letzten Abendmahl vollzieht. Nach ihm nennen dann auch die ersten Christen die Eucharistiefeier das „Brechen des Brotes“ (Apg 2,42). Indem sie von dem einen gebrochenen Brot essen, treten sie in Gemeinschaft mit Christus, bekommen Anteil an Ihm und bilden in Ihm einen einzigen Leib.

Nun ist dieses „Brechen des Brotes“ aber nicht nur einfach das praktische Teilen eines Brotlaibes in mehrere Stücke, damit jeder eines bekommt. Es stellt zugleich das Zerbrechen des leiblichen Lebens Jesu Christi in seinem Tod da und erinnert an das Leiden und Sterben Christi.

Beim Agnus Deiwerden wir erinnert, dass beides zusammengehört: Erstens, dass Jesus sich antun lässt, was wir Menschen uns selbst und einander antun. Und zweitens, dass er sich als das „geschlachtete Lamm“ (Offb 5,6) und das gebrochene Brot verteilen lässt, um die Verteilten zu einer neuen Einheit in Ihm zu verbinden.

„Und es klang irgendwie brutal“, sagte der Mann in der Sakristei. Ich konnte gut verstehen, dass ihn das hörbare Brechen des Brotes störte. Aber im selben Augenblick dachte ich, dass es in der Tat brutal ist und uns vielleicht gerade stören soll.

Denn hier geht es nicht einfach nur um die Fortsetzung eines harmonischen antiken Freundschaftsmahles. Hier geht es um den Tod und die Auferstehung dessen, der uns sich selbst mitteilt. So sehr, dass wir Anteil an Seinem Leben bekommen. Wenn einer sich zu uns hin zerbrechen lässt, damit wir Zerbrochenen zur Einheit finden, dann ist das in der Tat „irgendwie brutal“.

Brutal lieb.

Fra‘ Georg Lengerke

Schott Tagesliturgie