28.09.2025 Lukas 16,19-31

Christ of the Abyss, Christusstatue auf dem Meeresgrund in der Bucht von San Fruttuoso, Ligurien, Guido Galetti 1954, Foto: Victor Micallef (Wikipedia)
„Außerdem ist zwischen uns und euch ein tiefer, unüberwindlicher Abgrund, sodass niemand von hier zu euch oder von dort zu uns kommen kann, selbst wenn er wollte.“ (Lk 16,9)
„Zwischen uns und euch ist ein unüberwindlicher Abgrund.“ Ich habe diesen Satz selten gehört. Aber ich sehe immer mehr Verhältnisse, in denen er ganz offensichtlich wahr ist. Von einem solchen Verhältnis erzählt das Gleichnis vom armen Lazarus vor dem Haus des reichen Prassers.
Die Hunde lecken die Geschwüre des Armen, während der Reiche es sich mit dem Rücken zu den Armen gut gehen lässt. Zwischen ihnen die von innen verschlossene Tür. Die Geschichte endet mit dem Tod der beiden. Sie finden sich in einer scheinbaren Umkehrung wieder: der Prasser in der verzweifelten Gottesferne, Lazarus aber in den Armen Gottes, dargestellt durch Abrahams Schoß. Was hier eine verschlossene Tür war, ist dort ein unüberwindlicher Abgrund geworden.
Hier geht es nicht um Vergeltung oder Rache oder die Quittung für ein falsches Leben. Vielmehr kommt im Tod zum Vorschein, worum es schon zuvor verborgen ging: nämlich um Himmel und Hölle.
Himmel heißt Heilung der Wunden, Vergebung der Schuld, Stillung der letzten Sehnsucht und Ankommen in der Liebe, auf die hin wir geschaffen sind.
Hölle bedeutet, sich unbeschenkbar und unverschenkbar zu machen. Zu meinen, alles zu haben und nichts zu brauchen. Hölle heißt, partout nicht geliebt werden und nicht lieben zu wollen.
Das Feuer der Liebe Gottes wirkt so oder so: Den, der sich lieben lässt, entzündet es und macht ihn zum Licht. Den, der sich nicht lieben und nicht sehen lassen will, quält es und ist ihm lästig.
Es kann vorkommen, dass ich mir vorkomme wie der arme Lazarus, in Wirklichkeit aber dem in seinen Ansprüchen verhärteten Prasser gleiche. Oder ich klage mich an, wie der Prasser zu sein, ähnle aber mit meinen uneingestandenen Wunden dem Armen vor Tür.
Wie auch immer, wenn Klinke und Schlüssel auf meiner Seite der Tür sind, sollte ich – solange mir Zeit bleibt – alles tun, dass die Tür sich öffnet, damit Lazarus und der Prasser, die Not und die Hilfe, die Liebe und die Herzensleere zueinander finden, „um Himmels Willen“.
Wie soll das gehen? Indem wir mitgehen, mitsehen und mitlieben. Mit wem? Mit dem, von dem die Christen sagen, dass er als einziger den unüberwindlichen Abgrund zwischen uns überwunden hat. Einer ist aus Gottes Ja in unser Nein, von den Nahen zu den Fernen, von den Freunden zu den Feinden und schließlich aus dem Tod ins Leben und aus unserer Ferne in Gottes Nähe heim gegangen – damit wir mit ihm zueinander finden und miteinander zu Gott.
Fra‘ Georg Lengerke
BetDenkzettel