30.11.2025 Matthäus 24,29-44

L'abbé Ména et le Christ (6./7. Jahrhundert)
„Darum haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde,
in der ihr es nicht erwartet.“ (Mt 24,44)
Mitten in der Nacht wache ich auf und schlafe nicht wieder ein. Auch bewährte Methoden zum Wiedereinschlafen funktionieren nicht. Irgendwann wird die Schlaflosigkeit selbst zum Thema – vor allem in ohnehin schlafarmen Zeiten: Ich werde morgen noch erschöpfter sein als gestern. Auf die Dauer geht das nicht gut. Alles steht auf dem Spiel. Und irgendwann merke ich: Ich bin schlaflos vor Sorge um meine Schlaflosigkeit.
Diese Erkenntnis, dass ich mich wie in einem geschlossenen System ausweglos um mich selbst drehe, ist ein Schlüsselmoment. Es ist, als hätte ich einen Augenblick von woanders auf mein Leben, auf diese Nacht, auf mein aufreibendes Umgetriebensein und die nicht enden wollende Erschöpfung geschaut.
Aber was ist das für eine neue Perspektive? Von wo aus schaue ich da auf mich selbst? Auch wenn ich über mein Denken nachdenke, ist es ja immer noch mein Denken. Das stimmt. Aber das immerhin kann ich: über mein Denken nachdenken. Ich kann nicht nur sehen, was die Geschichte meines Lebens erzählt. Ich kann auch mich sehen als der, der diese Geschichte erlebt. Das kann ich lernen und üben. Es gibt Weisen der Achtsamkeit und Kontemplation, die es mir erlauben, den Augenblick und mich in ihm neu wahrzunehmen.
Nehmen wir an, wir haben einen Gast. Dann kann sein, dass wir unsere Wohnung oder unser Haus mit anderen Augen, ähnlich denen des Gastes wahrnehmen. Uns fallen Spinnweben oder verschlissene Polster auf, die uns bisher nicht auffielen. Oder wir freuen uns wieder an einer Schönheit, die wir für selbstverständlich nahmen. Entweder, weil wir uns in den Gast hineinversetzt haben, oder weil er uns sagt, was er sieht.
Angenommen, es gäbe nun eine Perspektive, einen Blick auf uns, der ganz wahr und wissend und gütig ist. Wie wäre es, diesen Blick zu kennen, und von dem, der so auf uns und mit uns schaut, zu lernen?
Davon handelt die Aufforderung zur Wachsamkeit für das Kommen Christi. Ihr gehen Schilderungen einer großen Bedrängnis und apokalyptischer Erschütterungen voraus. Alle sicheren Maßstäbe und Orientierungspunkte, wie „Sonne, Mond und Sterne“, gehen unter und kein Stein bleibt auf dem anderen. Hier wird nicht nur der Untergang und die Vollendung der Welt zu einem Zeitpunkt, den niemand kennt, beschrieben. Es ist auch ein Bild dafür, wie es im Inneren des Menschen zugehen kann. Gregor der Große schreibt, Jesus wolle sagen: „Zuerst verlieren die Herzen der Menschen ihre Ordnung, danach der die Kräfte der Natur. So wird gezeigt, woher es kommt, wenn die Ordnung der Dinge aus den Fugen gerät.“
„Seid also wachsam“, sagt Jesus seinen Jüngern, und „haltet […] euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.“
Der Advent ist eine Einübungszeit, wachsam für das Kommen Christi zu sein. Für das Kommen des Freundes und Gastes unserer Seele, der unser Leben sieht, wie es wirklich ist – und wie es werden kann; der uns lehrt, worauf es ankommt und worauf nicht, woher unsere Angst kommt und was wir mit ihr und aus ihr machen können.
Nicht schlaflos, sondern wachsam. Und so ausgeschlafen wie möglich.
Fra‘ Georg Lengerke
BetDenkzettel