07.12.2025 Jesaja 11,1-11

Cèdre du Liban Barouk 2005
„Er richtet nicht nach dem Augenschein und nach dem Hörensagen entscheidet er nicht, sondern er richtet die Geringen in Gerechtigkeit und entscheidet für die Armen des Landes, wie es recht ist.“ (Jes 11,3)
Der Prophet Jesaja hat eine Vision vom Kommen des Messias: Er versöhnt die im Streit mit sich selbst liegende Schöpfung, Feindschaft und Entfremdung werden überwunden und den Geringen und Armen verschafft er ihr Recht.
Ein Zeuge eines solchen „messianischen Moments“ wurde Toni. Er ist in den Vierzigern und hat Trisomie. Wir kennen uns aus den Malteser-Feriencamps für behinderte Männer und Frauen im Libanon. Toni liebt es, die frisch gewaschene Wäsche zu falten. Sowohl während der Ferienwochen in den Bergen als auch alltäglich auf seiner Station in der psychiatrischen Klinik De la Croix in Beirut. Wenn ein Gast kommt, führt er ihn zur Wäscherei, um ihm seine Arbeit zu zeigen. Dann faltet er das eine oder andere Hemd, und mitunter faltet der Gast mit – und wird robust korrigiert, wenn er falsch gefaltet hat.
So ist es auch am Dienstagmorgen. Der Gast begrüßt die Patienten einen nach dem anderen, hockt sich zu denen, die auf dem Boden sitzen, fragt nach jedem Namen, spricht sie an und wechselt – je nach Möglichkeit – ein paar Worte oder Gesten mit ihnen.
So auch mit Toni, der ihn beherzt bei der Hand nimmt, um ihm die Wäscherei zu zeigen, deren Besichtigung eigentlich nicht vorgesehen war. Kurz stehen die beiden nahezu allein zwischen Waschmaschine und Heißmangel. Wäre mehr Zeit gewesen, hätte Toni mit seinem Gast ein paar Hemden gefaltet und ihn streng korrigiert, wenn er falsch gefaltet hätte.
„Baba Leon, we love you!” hatte unsere Freundin Sahar dem Besucher kurz zuvor beim Festakt im Saal aus der Gruppe der Patienten zugerufen. Die Generaloberin Soeur Marie Makhlouf erzählt dem Papst von diesem Krankenhaus, „das seine Patienten nicht auswählt, sondern liebevoll diejenigen aufnimmt, die niemand sonst aufgenommen hat. Hier leben vergessene Seelen,“ fährt sie fort, „die unter ihrer Einsamkeit leiden … Gesichter, die in den Medien nicht zu sehen sind und von denen man in den Kirchen nicht hört.“
Sichtlich bewegt hört der Papst ihr zu und schließt seine Antwort mit den Worten: „Euch, liebe Brüder und Schwestern, die ihr von Krankheit gezeichnet seid, möchte ich einzig daran erinnern, dass ihr im Herzen Gottes, unseres Vaters, seid. Er hält euch in seinen Händen, begleitet euch mit Liebe und schenkt euch seine Zärtlichkeit durch die Hände und das Lächeln derer, die sich um euer Leben kümmern. Zu einem jedem von euch sagt der Herr heute erneut: Ich liebe dich, ich habe dich gern, du bist mein Kind! Vergesst das niemals!“
Nach dem Festakt mit den Patienten, Schwestern und Mitarbeitern verschwindet Leo XIV. und besucht ohne Presse und Delegation die Station von Toni und seinen Kumpels. In einer Sprachnachricht von dort berichtet eine Freundin von der Begegnung des Papstes mit jedem Patienten und erzählt die Geschichte von Toni und Leo XIV. in der Wäscherei. Für einige Minuten sind auch seine Hände und sein Lächeln „die Hände und das Lächeln derer, die sich um euer Leben kümmern“ und die Liebe und Zärtlichkeit Gottes sichtbar machen.
Wo der Messias im Kommen ist, geht die Macht, die von Gott kommt, bis ganz hinab auf den Grund und in die Dunkelheit, um deren Überwindung willen sie verliehen wurde und wo ihre Schönheit und Güte offenbar wird.
Immer wieder spricht der Papst im Libanon von den Zeichen der unsterblichen Liebe Christi, die er in diesem blutenden Land gefunden hat. So richtet er das „Feldzeichen“ auf, von dem der Prophet im Advent sagt:
„An jenem Tag wird es der Spross aus der Wurzel Ísais sein, der dasteht als Feldzeichen für die Völker; die Nationen werden nach ihm fragen und seine Ruhe wird herrlich sein.“ (Jes 11,10)
Fra‘ Georg Lengerke
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