14.12.2025 Matthäus 11,2-11

Johannesknabe, Mino da Fiesole, um 1450, Diözesanmuseum Freising
„Was habt ihr denn sehen wollen, als ihr in die Wüste hinausgegangen seid?“ (Mt 11,7)
Wie muss jemand sein, von dem Sie sich was sagen lassen? „Glaubwürdig“ würden die meisten vielleicht sagen, und vielleicht noch „authentisch“. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist, dass wir gerne bestätigt werden. Das ist in Ordnung. Aber nur, solange wir nicht in unseren Irrtümern oder schlechten Gewohnheiten bestätigt werden.
„Was habt ihr denn sehen wollen, als ihr in die Wüste hinausgegangen seid?“ fragt Jesus die Menge über Johannes den Täufer. Und dann folgen zwei Beispiele dessen, was die Leute möglicherweise vom Täufer erwartet haben: „ein Schilfrohr, das im Wind schwankt“ oder „einen Mann in feiner Kleidung“ wie „in den Palästen der Könige“.
Das Schilfrohr ist der geschmeidige Opportunist, der sich – je nach Wind und Wetter – heute hierhin und morgen dorthin geneigt zeigt, bei dem jeweils der Letzte oder Lauteste oder die Mehrheit immer recht haben. Solange, bis der Wind zum Sturm wird und das Rohr einknickt und nicht wieder aufsteht.
Der Feingekleidete bei Hofe verkörpert den eitlen und korrupten Salonpropheten im oder möglichst am Zentrum der Macht, der sagt, was gefällt, nach oben buckelt und nach unten tritt.
Beide Erwartungen werden von Johannes dem Täufer enttäuscht. Er ist nichts weniger als ein Opportunist oder ein Büttel der Macht. Er ist streng, direkt und völlig unangepasst. Er ist nicht wirklich freundlich und – wie soll ich sagen? – er steht unbeschreiblich unter Strom.
Das hat mit dem dritten Titel zu tun, von dem Jesus im Blick auf den Täufer spricht: Er ist der letzte der Propheten, ja, er ist sogar „mehr als ein Prophet“. Gregor der Große (um 540 – 604) schreibt, das habe damit zu tun, dass er nicht nur prophetisch vom Kommenden spricht, sondern „den, den er als Vorläufer prophezeit hatte, verkündigte er auch, indem er auf ihn zeigte.“
Das mag die Unerbittlichkeit des Täufers erklären. Der Erwartete ist da. Er ist im Kommen. Es ist einfach keine Zeit mehr für Spielchen. Und nichts anderes sind die Geneigtheit nach allen Seiten und die Liebelei mit weltlicher Macht, Mehrheit und Mode.
Advent ist eine Zeit der Erwartungskorrektur: Wir sollten nicht nach Boten Ausschau halten, die vor allem nett sind und uns passen, die uns bestätigen im Falschen oder behaupten, wir hätten noch alle Zeit der Welt (obwohl uns doch nur unsere bleibt). Wir sollten Ausschau halten nach solchen, die uns die Wahrheit sagen über uns und wie es um uns steht, und über Gott und wie er auf uns schaut.
Am liebsten wäre es mir, die Wahrheit der Boten wäre so freundlich wie möglich und ihre Freundlichkeit immer wahr. Aber mir ist lieber, mir wird die notwendende Wahrheit unfreundlich gesagt, als gar nicht. Damit wäre ich bei Johannes dem Täufer vermutlich an der schmerzlich richtigen Adresse gewesen.
Fra‘ Georg Lengerke
BetDenkzettel