Ich steh in deinem Blicke hier (Weihnachten)

24.12.2025    

Ich steh in deinem Blicke hier (Weihnachten)

Matthias Grünewald, Isenheimer Altar (Detail), 1512-1516, Colmar

„Wie der Bräutigam sich freut über die Braut, so freut sich dein Gott über dich.“ (Jes 62,5b)

In einigen Kirchen wird in der Heiligen Nacht in einer feierlichen Prozession eine Figur des Kindes Jesus in die Kirche getragen und in die Krippe gelegt.

Um ehrlich zu sein, erzählt das Evangelium das Geschehen dieser Nacht etwas anders und für das Volk Gottes etwas unvorteilhafter. Von einem triumphalen Einzug keine Rede. Vielmehr war „in der Herberge kein Platz“ (Lk 2,7) für Josef, Maria und das ungeborene Kind. Also wird es irgendwo draußen in einem Unterstand für das Vieh geboren und in eine Futterkrippe gelegt.

Ich habe mal eine Gruppe Kinder gefragt, warum wohl Maria und Josef in Bethlehem nicht untergekommen sind. Und eines antwortete: „Die wollten in Ruhe Weihnachten feiern.“

Es ist schon gut und richtig, dass wir das Kind Jesus feierlich in unsere Kirchen und Häuser tragen. Aber diese Prozession hat eine dramatische Vorgeschichte, die wir nicht vergessen dürfen: Gott will als Mensch zu den Menschen kommen. Aber die wollen nicht. Jesus kommt draußen zur Welt. Also werden sie rauskommen müssen zu dem, der zu ihnen gekommen ist. Das gehört zum Weihnachtsfest dazu: Wir müssen rauskommen zu dem, der bei uns reinkommen will. Und dieses Hinausgehen ist mehr als bloß eine Ortsveränderung.

Wenn Gott ein Mensch wird, dann kommt er uns nahe. Näher als wir selbst uns sind. Er teilt unser Leben mit allem, was wir Menschen erleben, empfinden und erleiden. Aber er bleibt Gott. Und er schaut auf uns mit dem Blick Gottes. Und der ist ganz wahrhaftig und zugleich ganz liebend. Er jubelt über das, was wir sind. Und er weint über das, wie wir sind – zu uns selbst, zueinander und zu ihm.

Weihnachten bedeutet, Gott als Kind draußen aufzusuchen und seinen Blick von draußen auf uns zu suchen. Es bedeutet, diesen Blick auszuhalten und ihn zu erlernen.

„Draußen“ heißt: außerhalb unserer verrammelten Türen. Außerhalb unserer Routine, unserer Hamsterräder und Gedankentunnel. Es heißt außerhalb dessen, woran wir uns gewöhnt haben, was wir für unvermeidlich oder für zwingend notwendig halten – obwohl es uns eigentlich zu Tode erschöpft oder nur eine Strategie der Vermeidung dessen ist, wovor wir Angst haben.

Wenn wir so zu ihm raus gehen, dann kann es sein, dass wir merken, dass sein „Draußen“ in Wirklichkeit unser „Drinnen“ ist. Gott ist nicht Mensch geworden, damit er bei uns zuhause ist. Er ist Mensch geworden, damit wir bei ihm unser Zuhause finden. Jenes Zuhause, in dem die Türen für die Gnade offen sind, wo wir (mit ihm) uns selbst und einander in unserer Mühsal neu sehen und annehmen lernen, wo wir schon mitten in dieser Welt mit Gott verbunden leben.

Vielleicht möchtet Ihr in den nächsten Tagen den Brauch neu entdecken, eine Krippe zu besuchen. Geht raus, stellt Euch zum Kind und fragt Euch, wie dieses Kind Euch sieht. Und wie Ihr mit diesem Kind Euch selbst, einander und die Welt neu sehen könnt. Und vielleicht wollt Ihr dann das alte Lied vom Stehen und Sehen an der Krippe singen – mit einem leicht veränderten Text:

„Ich steh in deinem Blicke hier.“

Fra‘ Georg Lengerke

BetDenkzettel 
Georg Lengerke

Der BetDenkZettel ist eine Reihe kurzer Bet- und Denkimpluse zu einem Wort aus den Schriftlesungen der Liturgie von Fra Georg Lengerke.

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